Auf dem Naturbalkon von Catrin Fietz landen wieder Hummeln, Bienen & Co.

Private Wildnis für Insekten

Vielfalt ist Trumpf auf dem Balkon von Catrin Fietz.
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Vielfalt ist Trumpf auf dem Balkon von Catrin Fietz.
  • Andreas Hapke
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Kuhlen – Fast alle Insekten können fliegen. Sie können sogar gut vorbeifliegen. Dass sie immer seltener zur Landung auf privatem Gelände ansetzen, liegt an der zunehmend kargen und künstlichen Gestaltung von Gärten und Balkonen. Catrin Fietz hat das selbst bemerkt: „Zwischen meiner Kindheit und jetzt sind es unfassbar wenig Insekten geworden.“ Und sie hat etwas unternommen: Binnen sechs Jahren hat sie den Balkon ihrer Mietwohnung in Kuhlen zu einem Naturbalkon umgestaltet.

Dort blüht inzwischen alles Mögliche. Erdbeeren zum Beispiel habe sie schon immer gehabt. Hinzu kommen Zitronenmelisse und diverse Kräuter wie Oregano, Rosmarin und Petersilie. „Gartenkräuter sind super für die Bienen, wenn man die wachsen lässt.“ Allein Schnittlauch gibt es in drei Varianten, dazu Kornblumen und Nachtkerzen. Überhaupt sind viele Wildblumenmischungen dabei. „Da habe ich mich ausprobiert.“ Manchmal sei sie selbst erstaunt, was sie alles finde. Über die App Flora inkognito habe sie fünf Kleesorten entdeckt: den Stein-, Wund-, Wiesen-, Horn- und den persischen Klee.

Bei den Wildblumen seien regionale Mischungen wichtig. „Da sollte man drauf achten, damit Bienen, die in dieser Region leben, auch das bekommen, was sie brauchen.“ Viele der mehr als 580 Wildbienenarten seien auf eine Blumensorte spezialisiert, weiß Catrin Fietz. Die Glockenblumenscherenbiene etwa gehe – wie der Name schon sage – auf Glockenblumen. Gerade für die Wildbienen müsse man etwas tun, nach und nach wolle sie entsprechende Nahrungsangebote schaffen, denn: „40 Prozent der Arten sind in ihrem Bestand gefährdet. Anders als die Honigbienen, von denen es genug gibt, sind die meisten Wildbienen gar nicht aggressiv.“

Auch andere Insekten sind wählerisch. Fliegen etwa stehen auf die wilde Möhre, die ebenfalls den Balkon von Catrin Fietz ziert. „Das kann ich hier alles beobachten“, freut sich Catrin Fietz, für die auch Wespen „gern gesehene Gäste“ sind. „Mit ihnen teile ich mein Grillfleisch.“ Sie finde es spannend zu sehen, wie sich die Insekten ihr Stück Fleisch heraussägen. Sie lebe in Koexistenz mit allem, was kreucht und fleucht.

„Wenn man die richtigen Pflanzen hat, kommen die Insekten von alleine, die guten wie die schlechten“, stellt Catrin Fietz fest. Zu den guten zählt sie Bienen, Wespen, Hummeln und Marienkäfer, zu den schlechten Raupen und Blattläuse. Letztere habe sie schon „gesammelt und woanders hingeschmissen“. Denn zur natürlichen Bewirtschaftung ihres Balkons gehöre es auch, keine Chemie zu verwenden. „Außerdem will ich Raupen gar nicht töten, da werden meistens Schmetterlinge draus.“

Gegen Parasiten empfiehlt Catrin Fietz zum Beispiel Brennesseljauche, die als Dünger und als umweltfreundliches Schädlingsbekämpfungsmittel funktioniert. „Seitdem habe ich keine Blattläuse mehr. Viele Pflanzen haben auch ihren eigenen Parasitenschutz. Da muss man gar nichts machen, außer vielleicht ein bisschen Geduld haben, bis es funktioniert.“

Vor sechs Jahren hat sich Catrin Fietz zum ersten Mal Gedanken über eine alternative Gestaltung ihres Balkons gemacht. Vorher habe sie typische Balkonblumen wie Geranien und Petunien gepflanzt. Doch irgendwann habe sie sich gewundert, dass kaum noch Insekten aufkreuzen. „Ich habe mich schon als Kind wahnsinnig für diese Tiere interessiert“, erzählt sie. „Ich habe auch alles in die Hand genommen, zum Beispiel Maikäfer, was die Erwachsenen gar nicht mochten. Ich fand das toll.“

Diese Leidenschaft hat Catrin Fietz vorübergehend abgelegt. Erst nachdem sie mit ihrem Mann am Grollander See heimisch geworden sei, beschäftige sie sich intensiv mit ihrem Naturbalkon. „In den vergangenen Jahren habe ich mir einiges angeeignet“, sagt die 35-Jährige. Anregungen hole sie sich aus eigenen Büchern wie dem Wildbienenheft, auf Facebook und im Internet, etwa im Ratgeber-Blogg „Wilder Meter“ oder beim Bio-Balkon-Kongress. „Dahinter steht eine Berlinerin, die sehr viel auf ihrem Balkon macht. Sie pflanzt auch bunte Gräser an“, erklärt Catrin Fietz.

Sie habe viel nachgefragt, viele Tipps eingeholt. Inzwischen fungiert sie selbst als Ratgeberin. Alles, was sie auf ihrem Balkon erneuere, poste sie in den sozialen Netzwerken. „Dadurch machen sich Leute Gedanken, was sie tun können. Es ist schön, dass ich andere zum Umdenken bewegen kann.“ Sie bekomme viele Likes, die Begeisterung sei groß.

Die tiermedizinische Fachangestellte versucht, das ganze Jahr über Blüten zu haben – von den Krokussen über Frühlingsblumen bis hin zu den Herbstblühern. Vor allem die frühen Blumen seien wichtig, speziell für Hummeln. „Die sind für die Bestäubungsleistung sehr wichtig, das sie schon ab drei Grad Celsius anfangen zu fliegen.“ Das, was verblüht sei, lasse sie stehen wegen der Samen. „Die Vögel kommen gerne zum Knabbern. Seitdem die Insekten abgenommen haben, haben sie ja weniger zu futtern.“

Drei Nisthilfen für Insekten wie die Mauerbiene runden das Balkonparadies ab. Bei dessen künftiger Gestaltung muss Catrin Fietz allerdings einen Kompromiss mit ihrem Mann im Hinterkopf behalten: „Ich darf den Blick auf den Grollander See nicht verstellen.“

Information

www.facebook.com/NaturbalkonStuhr/

Von Andreas Hapke

Die Nachtkerze gehört ebenfalls dazu.

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