Premiere für den Gedenkgang zum Mahnmal Obernheide am Buß- und Bettag

„Wer schweigt, derhat schon verloren“

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Die Schüler haben nach dem Gedenkgang das Mahnmal Obernheide erreicht. Iris Rose spielt während der Feier Posaune.

Stuhr - Von Andreas Hapke. Rund 150 Schüler und einige wenige Bewohner Stuhrs haben gestern an dem Gedenkgang zum Mahnmal in Obernheide teilgenommen. Erstmals hatte die Lise-Meitner-Schule gemeinsam mit der Gemeinde und der Kirche für den Buß- und Bettag zu diesem Spaziergang eingeladen, der wie üblich am Stuhrer Bahnhof begann.

Am Treffpunkt erinnerte Bürgermeister Niels Thomsen daran, unter welchen Bedingungen die 800 im Lager Obernheide inhaftierten jüdischen Frauen den Weg vom Bahnhof dorthin zurücklegen mussten. Dies griffen Schülerinnen des achten Jahrgangs auf und schlüpften in die Rollen zweier Frauen, die am 18. November 1944 erschöpft an der Blockener Straße aus dem Zug steigen. Sie fühlen sich „wie in einem schlimmen Traum“. Den ganzen Tag über haben sie in Bremen Trümmer beseitigt und müssen nun noch den Marsch nach Obernheide antreten. „Ich bin so müde, ich habe versucht, eine Pause zu machen, und wurde gleich geschlagen“, sagt Lily zu ihrer Freundin Ika. „Warum müssen wir in diesem Land aufräumen, dass uns so viel Leid angetan hat?“

Ika berichtet, dass sie den ganzen Tag nichts gegessen habe. „Eine Frau hat mir ein kleines Stück Brot zugesteckt, aber der Wärter hat es gesehen und es mir gleich wieder weggenommen.“ Ein Aufseher kommt ebenfalls zur Wort: „Immer dieses Gejammer, das ist ja nicht zum Aushalten. In Auschwitz war es doch noch schlimmer als hier.“ Landwirt Hermann Meyer, der die Frauen täglich am Bahnhof ankommen sieht, weiß um das Unrecht, das ihnen geschieht: „Sie haben uns nichts getan, aber was soll man tun? Wenn ich denen helfe, bekommt meine Familie Ärger.“

Der Buß- und Bettag eigne sich als Termin zum Nachdenken, Innehalten und zur Neuorientierung, sagte Thomsen. „Wir sind hier, um derer zu gedenken und den Weg derer nachzugehen, die im Zweiten Weltkrieg im Lager lebten und täglich die Strecke zu Fuß zurücklegen mussten; um sich daran zu erinnern, was an diesem Ort und auf dem Weg zum Lager geschehen ist, was Menschen erleiden mussten und wie sie es ertragen haben.“

Nach dem halbstündigen Gang zum Mahnmal folgte Teil zwei des Gedenkens. Heute gebe es auch Lager, aber es seien Flüchtlingslager, die Menschen würden sich freiwillig dorthin begeben, erzählten zwei Achtklässlerinnen der KGS Moordeich. „Die Frauen von Obernheide wären auch gerne geflohen, aber sie hatten keine Chance.“

Heute sei Deutschland ein Land, wo man Schutz finde, wo es Frieden und Freiheit gebe. „Heute können Deutsche den Flüchtlingen helfen“, stellten die Mädchen fest. Anders als damals, als dies nur versteckt möglich gewesen sei, etwa indem man den Menschen ein Stück Brot zugesteckt habe. Es sei wichtig, aus dieser Geschichte zu lernen, damit „niemals mehr Menschen wegen ihrer Rasse oder Religion unterdrückt oder ausgegrenzt werden“.

Pastorin Tabea Rösler wies darauf hin, dass die Deutschen das Lager aus rein wirtschaftlichen Gründen aufgegeben hätten, „nicht aus Menschenwürde oder Mitleid“. Wer das Wort ergreife, könne ein Stück Widerstand leisten. Das jüngste Beispiel Paris zeige, wie sehr sich Menschen freuten, wenn man ihnen mit Worten und Gesten beiseite stehe.

Wer hingegen schweige, habe schon verloren und eröffne keine neue Lösung. Dass die auch in auswegloser Lage möglich sei, zeige das Beispiel des jungen Hiob, der einige Hundert Jahre vor Christus gelebt, Frau und Kinder sowie Hab und Gut verloren hätte. „Er weiß, dass er Gott vertrauen kann, und daraus zieht er neue Kraft“, sagte Rösler.

Am Ende sangen alle gemeinsam das Lied „Komme Herr, segne uns“. Die Posaune blies Iris Rose, die zuvor bereits die Titel „More like you“, „Der Himmel, der ist“ und „Bleib bei mir, Herr“ angespielt hatte.

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