Plan schon vor Corona entwickelt

Weser Pflegedienst hebt Gehälter: Mehr Geld statt Beifall vom Balkon

Sören Pols ist seit Januar vergangenen Jahres Geschäftsführer des Weser Pflegedienstes
Foto: Specht-Gruppe
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Sören Pols ist seit Januar vergangenen Jahres Geschäftsführer des Weser Pflegedienstes.
  • Andreas Hapke
    vonAndreas Hapke
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Stuhr – Mit Ausbruch der Corona-Pandemie waren sie plötzlich die systemrelevanten Helden. Menschen traten für sie auf ihre Balkone und applaudierten. Dies haben die in der Pflege beschäftigten Mitarbeiter zwar registriert. Doch ihren Stellungnahmen war auch zu entnehmen, dass ihnen eine faire, sprich bessere Entlohnung lieber wäre als Beifall. Diesen Weg beschreitet jetzt der Weser Pflegedienst mit Sitz an der Bahnhofstraße in Stuhr: Seit Anfang Juni greift eine neue arbeitsvertragliche Richtlinie (AVR), die den Beschäftigten höhere Löhne garantiert.

Nach Auskunft von Geschäftsführer Sören Pols ist das neue Vergütungssystem keine unmittelbare Reaktion auf die Forderungen der Pflegekräfte während der Corona-Pandemie. Vielmehr liefen die Planungen bereits seit einem Jahr. Gemeinsam mit seinen Pflegedienstleitungen habe er überlegt, „ob wir diesen Schritt gehen wollen“. Die Führungskräfte wiederum hätten die Mitarbeiter über die neuen Verträge informiert.

Weser Pflegedienst hebt Gehälter der Mitarbeiter an

„Die Frage war dann: Können wir das überhaupt jetzt während Corona stemmen? Wir waren ja selbst im Ausnahmezustand“, berichtet Pols. Doch die Antwort war schnell gefunden. Gerade jetzt sei der Zeitpunkt dafür. „Wir wollen den Mitarbeitern dauerhaft danken“, sagt der 34-Jährige.

Der aktuelle Fachkräftemangel habe bei dieser Entscheidung eine untergeordnete Rolle gespielt. „Natürlich wollen wir uns als attraktiver Arbeitgeber positionieren, aber das war in diesem Fall nicht das Thema“, fügt Pressereferentin Frauke Meyenberg hinzu.

Pols spricht von einem „Statement“ in Richtung Politik, Öffentlichkeit und Kostenträger. Doch da geht es ihm wie den Pflegekräften: Das Statement allein spült kein Geld in die Kasse, dies müsste über eine Refinanzierung durch Kranken- und Pflegekassen sowie durch die Sozialämter passieren. Die Kostenträger tun sich allerdings schwer damit. „Die Refinanzierung ist minimal“, sagt Pols. „Zurzeit bekommen wir nicht mal 60 Prozent unserer Gehaltssteigerungen ersetzt. Wir gehen hier ganz klar in Vorleistung, weil wir gute Pflege langfristig aufrechterhalten wollen.“

Pflegedienst: Mitarbeitern dauerhaft danken - Mehr Geld, mehr Urlaub

Wenn Pols über Geld spricht, dann lieber nicht über Zahlen. Nach längerem Zögern gibt er dann doch ein konkretes Beispiel preis: Eine langjährige Mitarbeiterin aus einer der fünf Einrichtungen des Weser Pflegedienstes habe ihren Stundenlohn von 14,70 auf 18,40 Euro gesteigert – auch weil das Vergütungssystem die Betriebszugehörigkeit berücksichtige. Pols gibt zu, dass dies ein „krasser“ Fall sei. Unterm Strich würden aber alle Beschäftigten profitieren – vom Fahrer und der Hauswirtschafterin über die Pflegefachkräfte bis hin zum Leitungspersonal. Verbesserungen betreffen laut Pols auch den Urlaubsanspruch, der generell von 25 auf 28 Tage steigt, pro fünf Jahre Betriebszugehörigkeit sogar um einen weiteren Tag.

„Grundvoraussetzung für eine neue AVR ist ohnehin, dass wir niemanden schlechter stellen dürfen“, sagt Pols, der einen weiteren Vorteil der neuen Regelung nennt: Die unterschiedlichen Verträge der fünf Einrichtungen sind jetzt zu einem zusammengelegt. „Wir sind jetzt total transparent und können in die Zukunft schauen.“

Wunsch nach höherer Refinanzierung

Pols lässt durchblicken, dass die neue Vergütung seinen Pflegedienst einen mittleren sechsstelligen Betrag pro Jahr kostet. Umso wichtiger wäre eine höhere Refinanzierung durch die Kostenträger, denn über höhere Preise für die Leistungen ist das nicht möglich. Diese sind vom Gesetzgeber vorgegeben. „Es gibt keine anderen Wege der Refinanzierung – außer, dass wir draufzahlen“, sagt Frauke Meyenberg.

Die zum 1. Juni abgeschlossenen Verträge mit den Kassen laufen allerdings ein Jahr, erst dann wird neu verhandelt. Für den Weser Pflegedienst sitzt dann wieder der bpa Arbeitgeberverband am Tisch, nach eigener Ameuskunft der größte deutsche Arbeitgeberverband für die private Sozialwirtschaft. Pols hofft zum 1. Juni 2021 auf eine Gleichstellung seines privaten Pflegedienstes mit anderen Trägern, zum Beispiel der Wohlfahrt. „Die kriegen alles refinanziert.“ Das Gehaltsniveau jedenfalls sei jetzt angepasst.

Das sagt der bpa Arbeitgeberverband

Der Knackpunkt ist laut Carsten Adenäuer, Leiter der bpa-Landesgeschäftsstelle Niedersachsen, die Vergütung der ambulanten Pflege. Während die Pflegedienste die Tagespflege individuell mit den Kostenträgern verhandeln könnten, übernehme das bei der ambulanten Pflege der bpa für alle privaten Anbieter, die bei ihm Mitglied sind – für die, die niedrige Gehälter zahlten ebenso wie für jene, die hohe Einkommen garantierten. Deshalb könne die Vergütungssteigerung immer nur ein Mittelwert sein. „Da ist natürlich der benachteiligt, der hohe Gehälter zahlt“, sagt Adenäuer.

Adenäuer spricht von massiven Vergütungsunterschieden in der ambulanten Pflege zwischen Pflegediensten der ACDK-Gruppe (Awo, Caritas, Diakonisches Werk, Kommunale) und den privaten Trägern in Niedersachsen, obwohl zum Beispiel der Weser Pflegedienst das gleiche Gehalt zahle. „Wir als Verband kämpfen immer wieder darum, diese Diskrepanz aufzuheben“, sagt Adenäuer. Doch in diesem Punkt würden sich die Kostenträger noch verweigern. Anders als in Bremen, wo die Bereitschaft zur Refinanzierung nicht ganz so starr sei.

Zurzeit orientiere sich die Vergütungssteigerung an der Grundlohnsummensteigerung, zuletzt etwas über drei Prozent. Adenäuer wünscht sich ein Referenzmodell, das einem Pflegedienst für das Gehalt x eine individuelle Vergütung y garantiert. Ohne eine solche Staffelung sehe er auch für die nächste Verhandlungsrunde wenig Chancen, die Diskrepanz in der Refinanzierung aufzuheben.

Zur Info: Der Weser Pflegedienst

Zum Weser Pflegedienst, der Bestandteil der Specht-Gruppe ist, gehören fünf Standorte: Bremen, Bremerhaven, Cuxhaven, Langen und Brinkum, wo die Gesellschaft an der Bahnhofstraße 50 auch ihren Sitz hat. Insgesamt beschäftigt der Pflegedienst 260 Mitarbeiter. Sein Geschäftsführer ist Sören Pols, Rolf Specht tritt als Gesellschafter auf. Zum Weser Pflegedienst zählen auch die Weser Tagespflegen mit den Standorten Brinkum, Bremerhaven, Cuxhaven, Langen und Schiffdorf sowie Senioren-Wohnanlagen mit über 600 Wohnungen in Brinkum, Moordeich, Kirchweyhe, Bremen-Arsten, Bremerhaven, Cuxhaven, Langen und Schiffdorf.

Von Andreas Hapke

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