Nach der Baustelle in der Kirche muss die Brinkumer Orgel gereinigt werden

Pfeife für Pfeife wischen und bürsten

Auch hinter dem Instrument ist Orgelbauer Tilman Daewel in seinem Element.
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Auch hinter dem Instrument ist Orgelbauer Tilman Daewel in seinem Element.

Brinkum – Nur wenige Monate nach der Wiedereinweihung ihrer Kirche „Zum Heiligen Kreuz“ nach umfangreicher Sanierung hat die Brinkumer Kirchengemeinde das nächste große Projekt am Wickel: die Reinigung ihrer Kichenorgel und damit der rund 1 500 Orgelpfeifen. Das eine hat sogar mit dem anderen zu tun.

Eigentlich wäre eine Reinigung des Instruments noch nicht notwendig gewesen. Die letzte Grundüberholung geht auf das Jahr 2008 zurück und hätte laut Orgel- und Harmoniumbauer Tilman Daewel erst 15 bis 20 Jahre später wieder angestanden. „Doch die Bauarbeiten haben Staub und Dreck aufgewirbelt, zum Beispiel als die Kabel unter Putz gelegt wurden“, berichtet Kirchenvorstand Willi Waßmann. „Wir haben die Orgel zwar abgedeckt, konnten aber nicht verhindern, dass die Pfeifen in Mitleidenschaft gezogen werden. Und eigentlich passt es gerade ganz gut, da wir die Kirche wegen Corona ohnehin nicht öffnen können.“

Auf der Empore des Gotteshauses hat Daewel sein Werkzeug ausgebreitet. Er ist angetan von dem Raum, in dem sich „vom Volumen und vom Klang her viel entfalten“ könne. Und er ist angetan von dem Instrument, das Alfred Führer im Jahr 1957 gebaut hat.

Laut Daewel wurden vor zwölf Jahren die Abdichtungen aus Leder getauscht und die Mechanik überarbeitet. „Außerdem wurde klanglich viel gemacht. Das sieht man daran, wie die Pfeifen bearbeitet sind“, erzählt er. Er deutet auf den Aufschnitt, die rechteckige Öffnung des Pfeifenkörpers. „Es ist im Prinzip wie bei einer Blockflöte. Man kann die Orgelpfeife lauter oder grundtöniger machen, man kann ihr das Kratzen nehmen.“

Der Auftrag der Firma Claus Sebastian aus Geesthacht beinhaltet diesmal „nur“ die Orgelreinigung und die sogenannte Nachintonation der Klangkörper. „Wir nehmen alle Pfeifen raus und reiben sie von außen mit einem Tuch ab. Für innen verwenden wir ganz normale Flaschenbürsten in unterschiedlichen Größen“, erzählt Daewel. Nach ihrem Einbau müssen die jeweils 54 Pfeifen eines Registers noch klanglich ausgeglichen werden. Mit der Zeit habe er sich das Gehör dafür „angeeignet“, sagt der Orgelbauer.

Die Grundüberholung von 2008 sei wesentlich weiter gegangen. Seinerzeit seien die Eigenarten der Register herausgearbeitet worden. Daewel spricht von Umintonation. „Der Charakter der Register ist abhängig vom jeweiligen Geschmack und Zeitgeist. Ende der 1950er-Jahre hatte man noch andere Klangvorstellungen.“

Bis voraussichtlich Ende Februar werden er und zwei seiner Kollegen noch mit der Brinkumer Orgel zu tun haben. „Man verbringt schon mal schnell einen Tag mit einem Register“, sagt Daewel. „Und dann ist plötzlich Abend“ – und es heißt wieder: zurück nach Schleswig-Holstein. „Da es mit der Unterkunft in Hotels zurzeit wegen Corona schlecht aussieht, pendeln wir“, sagt Daewel. Das sei machbar innerhalb von eineinhalb Stunden. Ansonsten spiele die Pandemie bei der Arbeit keine Rolle. „Wir sind ja hier ganz unter uns.“

Nach Abschluss der Reinigung muss noch ein Orgelrevisor der Landeskirche das Instrument abnehmen. Er war schon bei der Ausschreibung des Auftrags beteiligt. „Das ist üblich, wenn die Landeskirche ein Projekt bezuschusst“, erklärt Waßmann. In diesem Fall steuere sie 5 500 Euro zu den Gesamtkosten in Höhe von 18 500 Euro bei. Und trotzdem sei das Projekt für die Kirchengemeinde nur schwer zu stemmen.

„Unsere Rücklagen sind durch die Renovierung eigentlich aufgebraucht“, sagt Waßmann. Deshalb kündigt er für die Zeit nach Wiedereröffnung der Kirche schon mal an, bei größeren Gottesdiensten – „zum Beispiel Konfirmationen, wenn die wieder erlaubt sind“ – den Klingelbeutel rumgehen zu lassen.

Für Daewel und seine Mitstreiter wird es voraussichtlich in der Region Hannover weitergehen – ein weiterer Auftrag der Hannoverschen Landeskirche. „95 Prozent unserer Auftraggeber sind Kirchen“, sagt Daewel. „Da kommen noch ein paar Krankenhäuser und Seniorenheime dazu.“

Von Andreas Hapke

Für den Klang können Korrekturen am Aufschnitt – die Öffnung des Pfeifenkörpers – vorgenommen werden.
Die kleinen Orgelpfeifen sind nicht viel länger als Feilen und Schraubenzieher.

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