„Man kann meine Zeichnungen hören“

Nora Olearius und ihr spezielles Stipendium in Stuhr-Heiligenrode

Frau sitzt an einem Tisch und zeichnet
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Pudelwohl fühlt sich die Stipendiatin Nora Olearius in ihrem Heiligenroder Atelier.

Viele Spaziergänge in der Natur, wenige Begegnungen: Nora Olearius hat ein sehr spezielles Stipendium in der Künstlerstätte Heiligenrode erlebt. Sie sei produktiv gewesen, berichtet sie im Gespräch mit der Kreiszeitung. Doch zeigen kann sie ihre in Heiligenrode entstandenen Werke (noch) nicht.

Heiligenrode – Im Atelier von Nora Olearius (33) hängt eine Schaukel. „Ich hatte sie lange in meinem Schlafzimmer, jetzt ist sie hierhergewandert“, sagt sie. Sie finde es beflügelnd, sich hin und wieder draufzusetzen. Lange ist das nicht mehr möglich – jedenfalls nicht in der Künstlerstätte Heiligenrode. Das zehnmonatige Stipendium von Nora Olearius ist offiziell am 31. Mai beendet.

„Ich bin sehr traurig, dass ich das Atelier verlassen muss. Ich habe es sehr liebgewonnen“, bedauert die Künstlerin. „Es strahlt Wärme aus, und man hat den Blick auf das Mühlenrad. Das ist eine schöne Atmosphäre.“

Den Abschluss des Aufenthalts bildet normalerweise eine Ausstellung mit den in Heiligenrode entstandenen Arbeiten. Doch was ist in Zeiten der Pandemie schon normal? Die Präsentation mit den Werken von Nora Olearius kann unter den gegebenen Bedingungen nicht starten und soll später nachgeholt werden – in der Hoffnung, sie allen Kunstfreunden zugänglich zu machen.

„Es ist schon frustrierend, so zu arbeiten; eine Ausstellung aufzubauen, in die niemand hineingehen kann“, sagt die gebürtige Hamburgerin. Sie selbst vermisse es, Ausstellungen „physisch“ anzuschauen und sich darüber mit anderen auszutauschen. „Ich versuche, das auszublenden. Ich mache meine Arbeit, wie ich sie sonst auch mache.“ Und im Brustton der Überzeugung fügt sie hinzu: „Ich war produktiv.“

Womit sie sich beschäftigt hat und was genau ihre Ausstellung beinhaltet – dazu hält sich die Künstlerin noch bedeckt. „Ich möchte kein Buch erzählen“, sagt sie. „Eher so den Klappentext.“ Doch auch der bringt ein bisschen Licht ins Dunkel.

Eine Plansprache als Grundlage für alles

„Die Grundlage für alles, was drüben (in der Galerie der Künstlerstätte, die Red.) zu sehen sein wird, ist eine Plansprache“, sagt Nora Olearius. Sie meint Solresol, entwickelt von dem Franzosen François Sudre ab 1817. Damit kann man sich nicht nur sprechend, sondern auch singend, pfeifend, mit Flöten oder sonstigen Musikinstrumenten verständigen. Die einzelnen Tonsilben lassen sich auch durch unterschiedliche Farben darstellen. „Das vereint viele Möglichkeiten in sich“, sagt Olearius.

Zum besseren Verständnis gibt sie ein Beispiel, obwohl das ihrer Ansicht nach schon über den Klappentext hinausgeht: Malen nach Zahlen ist eine Leidenschaft von Nora Olearius. Mittels der Plansprache übersetzt sie Titel ihrer Zeichnungen in Musik.

Eigens dafür hat sich die Künstlerin ein Xylophon mit bunten Klangstäben gekauft. Darauf spielt sie Bildertitel wie „Biene und Schmetterling im Gras im Himmel“ ein. Nach Solresol muss sie für „Biene“ nacheinander auf die rote, orangefarbene, rote, grüne und pinkfarbene Taste schlagen. Und so weiter. „Man kann meine Zeichnungen hören“, sagt Olearius.

Parallel dazu hat sie versucht, Kristalle zu züchten, deren Gitterstruktur sie fasziniert. Auf die Idee sei sie während ihrer Spaziergänge in Heiligenrode gekommen. „Ich hatte angefangen, mich mit Bodenstrukturen zu beschäftigen“, erzählt sie. Sie sei von Sand zu Sandkristallen gekommen, und am Ende seien die Kristalle übriggeblieben. „Ich war sehr viel spazieren. Es gibt keinen Feldweg, den ich nicht kenne“, sagt Olearius. Viel Natur, wenig Begegnung.

„Zufrieden bin ich erst, wenn die Ausstellung steht“

Die Kristalle werde sie aber nicht vertonen, kündigt sie an, ebenso wenig wie das Gewicht ihres Atems. Dazu hatte sie auf eine Feinwaage geatmet, einen Screenshot davon gemacht, diesen ausgedruckt, analog abfotografiert und in einem Fotolabor entwickelt. „Wir können ohne Atmen nicht sprechen“, sagt Olearius. In ihrer Ausstellung gehe es viel um Sprache und Übersetzung verschiedener Materialien und Bezüge. „Es wird Sinn ergeben“, verspricht sie – und bleibt diesmal beim Klappentext.

Wie hat sich ihr Schaffen in der Heiligenroder Zeit entwickelt? Haben sich ihre Erwartungen erfüllt? „Ein Jahr auf den Punkt zu bringen, finde ich schwer. Dass ich mich mit Sprache, Regeln und Systemen beschäftige, ist nicht neu. Neu sind die Zusammenhänge“, erklärt sie und fügt lachend hinzu: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich Kristalle züchte.“ Euphorische Phasen mit Erleuchtungsmomenten habe es ebenso gegeben wie Tage, an denen sie nur an die Wand gestarrt habe. „Zufrieden bin ich erst, wenn die Ausstellung steht.“

Die soll laut Frauke Wulf von Stuhr Kultur noch im Sommer eröffnen. „Der Bezug zum Stipendium soll dasein“, sagt sie. Wegen der Verspätung könne Nora Olearius das Atelier noch über Ende Mai hinaus nutzen. Das wird die Künstlerin freuen. Denn der Blick auf das Heiligenroder Mühlenrad – er ist unbezahlbar.

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