Nachwuchs spielt „Wir alle. Woyzeck“

Immer bewegen, bloß nicht verharren

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Einfaches Bühnenbild, überzeugende Darstellungen: Die „spiel.raum juniors“ während der Premiere ihres neuen Stücks „Woyzeck“.

Seckenhausen - Von Dagmar Voss. Eine gelungene Premiere haben die „spiel.raum juniors“ (die jungen Akteure des Theaters „spiel.raum Stuhr“) am Freitagabend mit ihrem Stück „Wir alle. Woyzeck“ gefeiert. Die neun jungen Leute hatten unter der Regie von Jessica de Vries die Grundhandlung des Originalstücks von Georg Büchner (1813-1837) beibehalten, für die Inszenierung allerdings etwa ein Drittel eigener Texte eingefügt, die den ursprünglichen Text teilweise ergänzen. Zu den hervorragend deutlich gesprochenen Rollen kam eine perfekte Körperbeherrschung hinzu – insgesamt überzeugende Darstellungen des Nachwuchses.

In dem von Büchner als Fragment hinterlassenen und 1879, also 42 Jahre nach seinem Tod, erschienenen Drama lebt der Soldat Franz Woyzeck am untersten Ende der sozialen Hierarchie. Nur seine Geliebte Marie und sein Kind geben ihm Halt. Er dient dem Hauptmann als Laufbursche. Sein Vorgesetzter nutzt jede Situation, um Woyzeck zu beleidigen und ihn auszunutzen. Dann begegnet Marie einem Tambourmajor, der von ihr sehr angetan ist und versucht, sie mit kleinen Geschenken für sich zu gewinnen. Woyzeck ahnt, dass seine Geliebte ihn betrügt. Er lässt sich auf das Experiment eines skrupellosen Arztes ein: Er wird auf eine Erbsendiät gesetzt, darf fortan nichts anderes mehr essen.

Marie kann den Avancen des Tambourmajors bald nicht mehr widerstehen und lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein, während Woyzecks Eifersucht wächst. Außerdem wird der Soldat vom Hauptmann und einem Arzt psychisch und physisch immer stärker ausgenutzt und in der Öffentlichkeit blamiert. Die Mitmenschen machen sich auf seine Kosten lustig und stacheln seine Eifersucht mehr und mehr an. Aufgrund der Mangelernährung sowie der psychischen Belastungen ist Woyzeck inzwischen völlig erschöpft. Er hört Stimmen, die ihm befehlen, Marie umzubringen. Er lockt sie in den Wald und ersticht sie dort im Blutrausch.

In der Aufführung des Vereins „spiel.raum Stuhr“ bleiben Woyzeck und Marie nicht die alleinigen Hauptfiguren. Weitere Charaktere des Stückes treten ebenfalls in den Vordergrund und lassen die Zuschauer an ihrer Geschichte teilhaben. Es geht um Sehnsucht nach Nähe und Sicherheit, um Zukunftsängste und Machtstrukturen, Vergangenheitsbewältigung und Gleichgültigkeit.

Gut haben die Laiendarsteller die Charaktere beim Versuch, ihr Leben in den Griff zu bekommen, herausgearbeitet. Sichtbar wird, wie sie an ihrer eigenen Belastbarkeit experimentieren. Alle sind irgendwie auf dem Weg oder zumindest dicht dran, aber ratlos, ruhelos, auf der Suche nach irgendetwas. Bis das gefunden ist, bleiben sie in Bewegung. Alles, nur nicht verharren und nicht zurück.

Eine Gänsehaut verursachten die Schilderungen des Tambourmajors über seine harte Kindheit und wie er damals nie wahrgenommen wurde: „Also bin ich losgerannt und irgendwie seitdem nicht mehr stehen geblieben.“

Eine bemerkenswerte und sehr aktuelle Interpretation des Büchner-Stücks, ebenso eine gelungene Kulisse, befand auch der Bremer Zuschauer Thore Kutschan, Mitbewohner in der Wohngemeinschaft des Majordarstellers: „Das sind ein einfaches, aber geniales Bühnenbild und ergreifende Texte.“

Weitere Aufführungen stehen am 20., 21. und 22. November, jeweils um 20 Uhr, auf dem Programm. Zusätzliche Informationen gibt es im Internet.

www.spielraum-stuhr.net

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