Künftig noch viel vor der Brust

Nach 49 Jahren: Jürgen Timm scheidet aus dem Rat der Gemeinde Stuhr aus

Jürgen Timm zeigt Dokumente aus der Zeit seines Einstiegs in die Kommunalpolitik.
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Dokumente aus der Zeit des Kampfes gegen die A 100: Jürgen Timms Einstieg in die Kommunalpolitik.

Dass er mit dem letzten Listenplatz nicht wieder in den Gemeinderat gewählt werden würde, hat der FDP-Politiker Jürgen Timm bewusst in Kauf genommen. Die Zukunft gehöre dem Nachwuchs, sagt er. Nach 49 Jahren scheidet der 85-Jährige aus dem Gremium aus.

Stuhr – Jürgen Timm war schon Mitglied im Gemeinderat, da hat es die Gemeinde Stuhr noch gar nicht gegeben. Er hat sich bereits vor der Gebietsreform im Jahr 1974 engagiert (siehe Info-kasten) und es letztlich auf 49 Jahre Kommunalpolitik gebracht. Im neuen Rat ist er nicht mehr vertreten. Wie sich das anfühlt, wie er die fast fünf Jahrzehnte erlebt hat und was er für die Zukunft plant – darüber spricht der 85-Jährige im Interview mit der Kreiszeitung.

Herr Timm, was machen Sie am kommenden Mittwoch um 18 Uhr?

Jürgen Timm: Zur Zeit der konstituierenden Ratssitzung? Kann durchaus sein, dass ich da hingehe. Noch steht das in meinem Terminplan drin. Ich werde mich in den Zuschauerraum setzen, so wie früher manchmal im Kreistag, wenn ich als Politiker nicht zu Wort kam. Da bin ich zu den Besuchern und habe mich von dort gemeldet. Dann funktionierte die Diskussion.

Mit dem letzten Platz auf der FDP-Liste haben Sie Ihr Ausscheiden bei der Kommunalwahl bewusst in Kauf genommen.

Stimmt. Für ein Direktmandat hätte ich 400 Stimmen mehr holen müssen. Dass auf unserer Liste junge Leute vorne standen, war als Zeichen an die Wähler zu verstehen. Die Zukunft soll dem Nachwuchs gehören.

Ist es nicht schade, dass Sie die 50 Jahre nicht vollmachen konnten?

Natürlich hätte ich die 50 gerne vollgemacht. Hätte es schon in den Siebzigern fünfjährige Wahlperioden gegeben, hätte es wohl auch gereicht. Dem Nachwuchs die Chance zu geben, ist aber auch meine Maxime. Ich muss jetzt andere Dinge erledigen, darf nicht mehr so oft weg sein von Zuhause. Ab einem bestimmten Alter muss man anders für sich sorgen.

Wie haben Sie Ihre Ehrung in der jüngsten Ratssitzung empfunden?

Es war ja zu erwarten, dass eine eigene Sitzung zu diesem Zweck anberaumt wird. Der Bürgermeister (Stephan Korte, die Red.) hat das für alle ansprechend gemacht. Für meine Ehrung musste er ja nach seiner Auskunft einen halben Leitz-Ordner durcharbeiten.

„Habe schon mehrere Abschiede hinter mir“

Keinerlei Emotionen?

Ich habe schon mehrere Abschiede hinter mir. Als Betriebsratsvorsitzender, in meinem Beruf als Ingenieur. Verabschiedungen gehören dazu. Anschließend fängt etwas Neues an.

Während der Auszeichnung haben Sie den künftigen Ratsleuten den Tipp gegeben, Entscheidungen schneller zu treffen. Nach dem Motto: Der erste Gedanke zählt. Haben Sie das nie bereut?

Ich wollte nur den Rat geben, nicht zu viel Zeit verstreichen zu lassen, ehe man zu einer Entscheidung gelangt. In der Gemeinde müssen noch viele Entscheidungen getroffen werden. Einiges, etwa Kitas und Schulen, haben wir gut auf den Weg gebracht. Doch wir haben auch noch viele Projekte vor der Brust: das Schwimmbad, das Radwegekonzept, die Gebäude- und die Straßensanierung. Irgendwann ist es Zeit zu sagen: Jetzt müssen wir das und das entscheiden, abhängig von den finanziellen Mitteln natürlich.

Wenn Sie über ihre fast fünf Jahrzehnte Kommunalpolitik ein Buch schreiben würden, welchen Titel würde es haben?

„Ein Leben für die Gemeinschaft“ vielleicht. Das fing mit meinem Engagement in der Schule meiner älteren Tochter an.

1972 als Spitzenkandidat der FDP angetreten

Erzählen Sie!

In die Politik kam ich durch meine Mitgliedschaft im Schulelternrat, ich war Klassenelternsprecher. Die Grundschule in Varrel war überlaufen, eine Turnhalle und eine Kita gab es auch nicht. Das war mein Einstieg 1970. Ich war wenige Wochen im Amt, da sind wir als Schulelternrat mit dem Bus zum Kultusministerium in Hannover gefahren, um uns Gehör zu verschaffen. In Moordeich sah die Situation nur unwesentlich anders aus. Zudem haben mich die Planungen für eine Autobahn, die A 100, von Bremen nach Gießen über das Gut Varrel beschäftigt. Wir waren gerade erst dorthin gezogen. Mit meinem Kampf gegen die Autobahn bin ich 1972 als Spitzenkandidat der FDP bei der Kommunalwahl angetreten, wir haben das Thema erst publik gemacht. Erst im Juni des Jahres war der Ortsverband gegründet worden. Letztendlich ist die Autobahn am Widerstand der Bürger gescheitert. Es hatte sich eine umfangreiche Initiative gegründet, die NAHUS (Naherholug Huchting, Hasbergen, Stuhr, die Red.) Von so einem Einstieg kann man nur träumen.

Welches positive Kapitel würde auf jeden Fall in dem Buch auftauchen?

Da gab es einige. Der generell emotionalste Moment war die deutsche Wiedervereinigung 1989. Da habe ich vor dem Fernseher gesessen und geweint. Schon auf der Abendschule und im Studium war das im Fach Staatsbürgerkunde – ja, das gehörte auch zum Ingenieurwesen dazu – eines meiner großen Themen. Es hat mich nie losgelassen. Kommunalpolitisch fällt mir sofort der Beschluss des Schulkonzepts 1976 ein. SPD, CDU und FDP haben das in privaten Sitzungen entwickelt. Bei Treffen in Partykellern. So etwas gab es damals noch. Wir haben schon vor der Gemeindereform 1974 dafür gekämpft und wollten unter anderem eine selbstständige Realschule in Moordeich etablieren. Das haben wir auch geschafft.

„Themen von öffentlichem Interesse müssen auch öffentlich diskutiert werden“

Was würden Sie in dem Buch anprangern?

Die bisherige Entwicklung des Ortskerns Brinkum. Die ist für mich eine einzige Katastrophe. Aber damit müssen sich die neuen Fraktionen beschäftigen. Die fehlende Transparenz fällt mir noch ein. Themen von öffentlichem Interesse müssen auch öffentlich diskutiert werden. 90 Prozent der nicht-öffentlich behandelten Themen sind eigentlich öffentlich.

Wie hat sich die Ratsarbeit Ihrer Ansicht nach verändert?

Die kollegialen, fraktionsübergreifenden Gespräche gibt es nicht mehr. Jedenfalls nicht so, wie ich sie gerade geschildert habe, Stichwort Partykeller. Die Zahl der Verfahren ist eigentlich nicht anders, Arbeitsunterschiede sehe ich nicht. Der Gemeinderat hat zukünftig genauso viel zu tun wie früher. Thematisch hatten wir früher Kracher, und die gibt es heute auch.

Was muss Politik leisten, um den Nachwuchs dafür zu begeistern?

Politikverdrossenheit gab es auch früher schon, nur dass wir damals in Stuhr noch auf unsere Jugendorganisation zurückgreifen konnten. Heute machen wir unser eigenes Mentoring mit den Menschen, die wir erreichen können – durch persönliche Beziehungen, Ansprache und vernünftige Arbeit. Das haben wir in diesem Jahr zu einem guten Erfolg geführt. Die Mitgliederzahl des Ortsverbands ist seit 2020 von 23 auf 35 gestiegen. Es sind überwiegend junge Menschen hinzugekommen, die wir gleich in die praktische Politik eingebunden haben. Wir haben in Stuhr kein riesiges Wählerpotenzial, mit unseren Leuten aber trotzdem Gewerbe, Schulen und Landwirtschaft erreicht.

„Ich muss was um die Ohren haben“

Ziehen Sie sich jetzt aus der Kommunalpolitik zurück, oder werden Sie im Hintergrund weiter zur Verfügung stehen?

Noch gehöre ich zum Vorstand des Ortsverbands, dafür stehe ich weiterhin zur Verfügung. Die Zusammenarbeit mit der neuen Fraktion wird sich ergeben, wenn sich die neue Fraktion selbst zusammengefunden und ihre ersten Erfahrungen gesammelt hat. Wir werden das im Ortsverband besprechen. Ich muss was um die Ohren haben, deshalb mache ich weiter. Aufdrängen werde ich mich aber nicht.

Worauf verwenden Sie jetzt ihre hinzugewonnene Freizeit?

Zunächst generell auf meine Familie, die im Augenblick verstreut ist. Die Verwandten meiner Frau leben in Schleswig-Holstein, meine in Kanada. Dort würde ich gerne mal wieder hin, zumal die Familie zwischenzeitlich größer geworden ist. Dann müssen das Anwesen zu Hause und das Anwesen am Bahnhof Stuhr (FDP-Haus mit Grundstück an der Blockener Straße, die Red.) gepflegt werden. Was das Bahnhofsgebäude angeht, überlege ich noch, ob und wie ich es in die Stuhrer Ortskernsanierung einbeziehe. Ich bin noch Vorsitzender des Sparclubs Varrel und des Deutsch-Französischen Partnerschaftsvereins. Ich werde es aber nicht drauf anlegen, bei Neuwahlen wieder in diese Vorstände zu kommen. Und natürlich läuft – wenn auch in abgespeckter Form – noch die Politik.

Von Andreas Hapke

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