Treffsicher die Nester bestimmt

Nach vier Jahrzehnten: Stuhrer Nabu muss ohne Vogelexpertin Lore Friedrichs auskommen

 Lore Friedrichs und Rita Wolf inspizieren Vogelnester.
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Fast alles Meisennester: die ausgeschiedene Expertin Lore Friedrichs (r.) und Rita Wolf, die in ihre Fußstapfen treten möchte.

Vier Jahrzehnte lang hat Lore Friedrichs für den örtlichen Naturschutzbund (Nabu) die Vogelnester bestimmt. Nun zieht es die 90-jährige Expertin dafür nicht mehr in den Wald. Rita Wolf möchte in ihre Fußstapfen treten. „Sie ist mein großes Vorbild. Alles, was ich weiß, habe ich von ihr“, sagt sie. 

Stuhr – Ist das Nest von der Kohl- oder von der Blaumeise? Ein Blick genügt, und Lore Friedrichs weiß Bescheid. Da es sich um ein helleres Nest mit groberem Untergrund handelt, in diesem Fall Heidestengel, muss die Kohlmeise darin gebrütet haben. „Blaumeisen machen das so nicht“, sagt Lore Friedrichs.

40 Jahre lang hat sich die Stuhrerin in der örtlichen Gruppe des Naturschutzbunds (Nabu) um die Bestimmung der Vogelnester verdient gemacht. Dass sie kürzlich ihren 90. Geburtstag gefeiert hat, nimmt man ihr nicht ab. Weitaus glaubhafter ist da schon, dass das Rotkehlchen als einer der wenigen Vögel sein Nest mit Laub bestückt und die Dohle viele Zweige hineinstopft.

Lore Friedrichs ist eine rüstige Expertin, doch in den Wald zieht es sie dafür nicht mehr. Zu groß ist inzwischen das Risiko, über Stock oder Stein zu stürzen – und sich ernsthaft dabei zu verletzen. In diesem Jahr hat sie mit einigen alten Weggefährten eine Abschiedsrunde gedreht.

Alles begann mit einem Vortrag

Angefangen hat alles mit einem Vortrag, den Erich Siegloch, ebenfalls ein Nabu-Urgestein, bei der Volkshochschule über Vögel gehalten hatte. Siegloch kennt sich auch mit Eulen und Bienen gut aus, doch einen solchen Vortrag hätte Lore Friedrichs bestimmt nicht besucht. Es mussten Vögel sein. „Ich wollte ihre Stimmen kennenlernen; wissen, welche Vögel sich in meinem Garten aufhalten“, begründet sie.

Schon ihre Schwiegermutter sei sehr an dem Thema interessiert gewesen und habe ihr einiges beigebracht. Das meiste allerdings hat sich Lore Friedrichs angelesen. Ganz oben auf der Hitliste: das „Kontrollbuch für Vogelnistkästen in Wald und Garten“ von Otto Henze, sozusagen das Standardwerk für die Nestbestimmung. Nur ein Inhaltsverzeichnis habe dem Buch gefehlt. „Das habe ich mir selber gemacht.“

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Überhaupt nicht gefallen hat der 90-Jährigen ein Buch über Moose. „Das habe ich schnell wieder weggelegt. Zu schwer“, sagt Lore Friedrichs. Dass manche Vögel mit Moos von Bäumen bauen, andere hingegen das Material vom Boden auflesen, weiß sie auch so.

Bis zu zehn Mal im Jahr war Lore Friedrichs im Herbst mit dem Nabu in den Wäldern Heiligenrodes, Fahrenhorsts, Varrels sowie in den Biotopen unterwegs – überall dort, wo Nistkästen der Naturschützer hängen. Inzwischen sind es rund 600 an der Zahl. Während andere auf die Leiter kletterten und die Kästen säuberten, betrachtete sie die heruntergereichten Nester, bestimmte diese und dokumentierte die Ergebnisse.

Auf Leitern klettern, war nicht ihr Ding

„Es muss ja nicht sein, dass in jedem Jahr derselbe Vogel in dem Kasten brütet“, begründet sie. Selbst auf die Leiter klettern, das war nicht ihr Ding. Doch auch so war die Tätigkeit sportlich, denn häufig schob der Nabu mit zwei Gruppen Dienst. „Da musste ich den Leitern hinterherhecheln, die zum Teil 50 Meter voneinander entfernt standen“, erinnert sich Lore Friedrichs.

Natürlich erkenne sie auch im eigenen Garten sämtliche Nester, sagt die 90-Jährige. Hauptsächlich hielten sich dort Meisen auf, doch auch die Mönchsgrasmücke, der Hausrotschwanz, die Heckenbraunelle, das Rotkehlchen und der Zaunkönig waren schon bei ihr zu Gast. Dies sei von Garten zu Garten verschieden und hänge häufig von der Umgebung ab. „Einige fliegen 50 oder 100 Meter, um ihr Nistmaterial zu suchen, andere nicht weiter als zehn Meter.“ Sprich: Für Letztere müssen die Baustoffe praktisch vor der Tür liegen.

Kürzlich habe sie festgestellt, dass nur noch ein Sperlingspärchen auf ihrem Grundstück brütet. „Wir haben einen Stapel Holz entfernt, wo sich andere eingenistet hatten.“ Der Grauschnäpper und der Star kämen gar nicht mehr.

Keine Frage: Mit Lore Friedrichs geht dem Nabu eine Menge Expertenwissen verloren. „Aber sie hat keine Allüren, sondern gibt ihr Wissen weiter“, sagt Rita Wolf, die sich seit 2009 mit um die Nistkästen kümmert. „Ich möchte das in ihrem Sinne weiterführen. Lore ist mein großes Vorbild. Alles, was ich weiß, habe ich von ihr.“ Für ihren Mann Klaus Torns war sie die „gute Seele“ des Nabu. „Sie hat die Leute zusammengehalten“, sagt er.

Zwischendurch stellvertretende Nabu-Vorsitzende

Zwischendurch war Lore Friedrichs auch mal die zweite Nabu-Vorsitzende unter dem inzwischen verstorbenen Fritz Hopfgarten. Wie lange, kann sie gar nicht so genau sagen. Nur, dass sie mit 70 damit aufgehört hat.

Unter anderem für ihr Engagement bei den Naturschützern hat Lore Friedrichs 2013 den Stuhrer Wolf bekommen. Zu Preisverleihung wäre sie fast nicht erschienen, ihre Einladung hatte sie bereits weitergegeben. Also musste Nabu-Mitglied Peter Koenig, der sie auch für die Ehrung vorgeschlagen hatte, die Karten auf den Tisch legen und ihr eröffnen, dass es um die Auszeichnung geht.

„Ich bedaure, dass ich jetzt nicht mehr mitgehen kann“, sagt Lore Friedrichs. Für sie hat der Wald „etwas Faszinierendes, vor allem im Herbst ist die Stimmung dort schön“. Doch aus dem Auge heißt ja nicht aus dem Sinn. Rita Wolf kündigt schon mal an, hin und wieder bei Lore Friedrichs auf der Matte zu stehen. „Im Zweifel“, sagt sie, „würde ich die Nester einpacken und zu ihr fahren.“

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