Ehemalige Schlesier treffen sich am 18. Juni

Mutters Armbanduhr

Manfred Kalusche mit einigen Erinnerungsstücken aus seiner schlesischen Heimat Markstädt. Dass die Armbanduhr seiner Mutter Martha (vorne rechts) noch da ist, ist im Wesentlichen sein Verdienst: Seine Mutter hatte sie während der Flucht in der Windel des damals Einjährigen versteckt. - Foto: Ehlers

Gr. Mackenstedt - Von Katrin Köster. Nachrichten schauen Manfred Kalusche und Marianne Limberg derzeit mit gemischten Gefühlen – vor allem, wenn es um Flüchtlinge geht. Beide haben als Kinder mit ihren Familien eine Flucht erlebt und in Groß Mackenstedt ein neues Zuhause gefunden. Am 18. Juni ist das genau 70 Jahre her. Daher laden sie andere Mitglieder ihres Schlesier Flüchtlingszuges zu einem Treffen ein.

Das soll an besagtem Sonnabend ab 19 Uhr im Gasthaus Stührmann über die Bühne gehen. 16 Personen haben zugesagt, berichtet Manfred Kalusche. Insgesamt hatte er zuvor 32 Männer und Frauen zu dem Treffen eingeladen.

„Sie saßen alle am 18. Juni 1946 mit uns im Viehwaggon“, berichtet er von dem Treck nach Stuhr. Die Männer, Frauen und Kinder, darunter auch der damals ein Jahr alte Manfred sowie die vier Jahre alte Marianne mit ihren Familien seien am späten Abend in Groß Mackenstedt angekommen, erzählen sie.

Zuvor hatte die Gruppe eine regelrechte Odyssee hinter sich bringen müssen: Am Markstädter Bahnhof bestieg sie den Viehwaggon. Von dort ging es über Kohlfurth (heute Wegliniec in Polen) und Uelzen bis Syke. Von der Hachestadt seien sie auf einem Lastwagen der Firma Klusmeyer bis Groß Mackenstedt gefahren worden, fasst Kalusche die Etappen der Flucht zusammen.

„Meine Mutter sah sich damals im Waggon um und sagte nur ,Oje’ bei dem Anblick“, so Kalusche. Durch die Bretter des Waggons habe man nach draußen schauen können. Es war zugig und gab keine Sitzplätze. Die Toilette bestand aus einem alten Eimer hinter einer Decke. „Die Leute saßen und schliefen auf ihren Bündeln“, so Kalusche.

Den Vater nie kennengelernt

Er selbst erinnert sich nicht an diese Details. Doch seine Mutter Martha, seine Tante Elfried Zürpel sowie die Großmutter Anna Zürpel haben mit ihm sowie seinen Brüdern Horst und Werner häufig über ihre Flucht aus der Heimat im Kreis Ohlau bei Breslau gesprochen. Manfred Kalusches Vater war im Krieg gefallen. „Ich habe ihn leider nie kennengelernt. Und er wusste von mir nur, dass ich unterwegs war“, bedauert er.

„Meine Mutter hat nur selten über diese Zeit gesprochen“, sagt hingegen die 75-jährige Marianne Limberg. Sie saß zusammen mit ihren Schwestern Brunhilde und Inge sowie ihrer Mutter Martha Glufke im Waggon, in dem sie bis Groß Mackenstedt reisten. „Wir flohen vor den Russen. Mein Vater war damals in russischer Gefangenschaft“, erinnert sich die Seniorin. „Er fand uns später über das Deutsche Rote Kreuz und folgte uns 1947 nach Groß Mackenstedt.“

30 Kilogramm Gepäck seien pro Familie erlaubt gewesen, so Kalusche. Vieles hätten russische Soldaten den flüchtenden Menschen allerdings rasch wieder abgenommen. Doch nicht alles: Kalusche hütet bis heute einen Zinn-Milchtopf, Besteck sowie eine kleine Tasse, die seine Familie aus jener Zeit gerettet hatte. Besonders am Herzen liegt ihm jedoch die Armbanduhr seiner Mutter: „Sie hatte sie in meinen Windeln versteckt und so vor den Russen gerettet“, erzählt der Stuhrer mit einem Lächeln.

Auch die kleinen Marianne versteckte damals auf Geheiß ihrer Mutter eine alte Familienbibel sowie das Stammbuch unter ihrer Kleidung.

Dass der Abschied aus Markstädt für immer sein sollte, glaubte Kalusches Familie lange nicht. „Sie haben bis 1959 über eine Rückkehr gesprochen. Sie haben wirklich geglaubt, sie gehen wieder zurück“, sagt er. Marianne Limbergs Familie kam nach ihrer Ankunft zunächst mit zwei weiteren Familien in einer Baracke in Groß Mackenstedt unter, während Familie Kalusche auf dem Hof Jürgens in Eggesee eine erste Bleibe fand.

Beide erinnern sich, dass ihre Mütter rasch nach der Ankunft Arbeit suchten, um die Familien zu ernähren: Marianne Limbergs Mutter war als Wäscherin und Hilfskraft auf den umliegenden Höfen tätig. Kalusches Tante sowie seine Mutter fanden Arbeit im Forst Dünsen. „Sie pflanzten dort bis 1948 Bäumen im Rahmen der Wiederaufforstung.“

Es waren schwere Zeiten, aber auch Zeiten des Neuanfangs für beide Familien: Man wollte sich etwas aufbauen, in Sicherheit sein, sagen sie. Daher können sie gut nachvollziehen, was die Flüchtlinge dieser Tage durchmachen müssen. Traurig stimmt Manfred Kalusche und Marianne Limberg besonders das oft ablehnende Verhalten gegenüber den Neuankömmlingen aus Syrien oder anderen Staaten, in denen Krieg und Gewalt herrschen.

Auch Marianne Limberg und ihre Familie seien zu Beginn in Groß Mackenstedt nicht überall freundlich aufgenommen worden, erinnert sich die Seniorin. „Da kann man nur weinen“, stellt sie fest. Manfred Kalusche hingegen fragt sich, weshalb die Politik nicht mehr unternehme, um den Flüchtenden bereits in ihren Heimatländern zu helfen.

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