Serie „Mobilität im Kreis Diepholz“

Pro und Contra zu Mitfahrerbänken: Das Opfer auf dem Silbertablett?

Mitfahrerbänke sind eine zurzeit öfters gesehene Alternative zum eigenen Auto oder dem öffentlichen Personennahverkehr. Doch wie gut ist diese Form der Fortbewegung wirklich? Kommt überhaupt jemand, um die Wartenden abzuholen oder sind sie sogar eine Gefahr. Wir haben zwei Redakteurinnen um ein „Pro & Contra“ gebeten.

Mitfahrerbänke - ein Contra

Von Frauke Albrecht

Frauke Albrecht

In meiner Kindheit wurde regelmäßig vor Neppern, Schleppern und Bauernfängern gewarnt - und eben vor dem Trampen. Daumen raus, war damals zwar gang und gäbe, aber nur den Jungs erlaubt. Den Mädchen war das „Per-Anhalter-Fahren“ verboten. „Was da alles passieren kann!“ Den Satz habe ich heute noch in den Ohren. Was macht eine Jugendliche, die auf dem Land lebt und regelmäßig mit ihrer Freundin nach Bremen möchte, wenn der Bus aber nur zweimal am Tag fährt? Sie schaltet die Ohren auf Durchzug, stellt sich an die Straße und trampt. Na klar. Hat immer geklappt. Wir sind sogar nach Hamburg gefahren. Zum Glück ist uns nie etwas passiert. Aber es gab heikle Situationen.

Deshalb sehe ich heute, mit zunehmendem Alter und Abstand betrachtet, diese Aktionen in einem anderen Licht. Und bleue meiner Nichte regelmäßig ein: „Auf keinen Fall trampen. Auch nicht zu zweit!“

Umso merkwürdiger finde ich es, dass im ländlichen Raum die Mitfahrerbänke immer mehr offizielle Befürworter finden, weil sie die Mobilität fördern sollen. Mag sein. Aber sie sind auch eine Einladung für jeden Kriminellen. Da braucht der Triebtäter gar nicht lange zu suchen, sondern einfach gezielt die Bankstandorte anzusteuern. Vielleicht wartet dort ein Opfer, das ihm gefällt. Und wer der Oma ans Portemonnaie will, muss nicht erst am Telefon den Enkel mimen, sondern kann die Seniorin zur Sparkasse – und danach direkt nach Hause – fahren. Solche Täter sind rhetorisch brillant geschult. Es ist für sie ein Leichtes, sich das Vertrauen zu erschleichen.

Es ist einem Menschen nicht anzusehen, ob er Böses im Schilde führt. Zu einem Unbekannten ins Auto zu steigen, ist in meinen Augen nicht ungefährlich.

Statt Mitfahrerbänke würde ich mir einen Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs wünschen. Regelmäßiger Busverkehr – und damit meine ich nicht zweimal am Tag – sichert die Mobilität im ländlichen Raum. Ebenso Bürgerbusse oder -autos. Kommunen sollten über gesponserte E-Bike-Verleihstationen nachdenken. Eine Registrierung der Nutzer könnte Vandalismus vorbeugen. In kleinen Dörfern wäre der Zusammenschluss von Nachbarschaften sinnvoll. Wer zum Einkaufen oder in die nächste Stadt fährt, bietet auf einer Plattform an, seine Nachbarn mitzunehmen.

Mitfahrerbänke - ein Pro

Von Katharina Schmidt

Katharina Schmidt

Wer kein Auto hat, ist auf’ m Dorf häufig aufgeschmissen. Den öffentlichen Nahverkehr bis in die letzten Winkel des Landkreises auszubauen, ist utopisch. Das Taxi für jeden Arzt- und Friseurtermin zu rufen, kann sich nicht jeder leisten. Und für Menschen, deren Knochen einfach nicht mehr so wollen wie früher, stellt auch das E-Bike keine Alternative dar. Dabei sind es oft gerade Senioren, die sich nicht mehr einfach ins Auto setzen können. Senioren, die an ihrem Zuhause hängen, auch wenn es zehn Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt liegt. Meistens läuft es so, dass sie Verwandte und Freunde bitten können, sie ab und an zu fahren. Doch nicht immer haben die Zeit. Und nicht jeder mag ständig um Hilfe fragen.

Mitfahrerbänke sind mit Sicherheit nicht die Lösung jeglicher Mobilitätsprobleme. Aber so eine Bank ist schnell aufgebaut, also wieso nicht einfach mal versuchen? Auf dem Dorf kennt man sich eh – vielleicht klappt es ja. Und wenn es schiefgeht, wird aus der Mitfahrerbank eben eine ganz normale Bank am Straßenrand. Davon sollte es sowieso mehr geben.

Vor fast zwei Jahren, als die Mitfahrerbänke in Stuhr aufgestellt wurden,hab ich einen Selbstversuch gemacht. Zugegeben, ich saß etwa eine Stunde im Regen, bevor eine nette Frau angehalten hat, die in die richtige Richtung wollte. Sie konnte mich zudem nur bis zu einer Bushaltestelle auf halber Strecke bringen. Bis heute werden die Bänke in Stuhr laut der Gemeindeverwaltung kaum genutzt. Schade.

Lesen Sie auch: Mit Bus und Bahn durch den Lankreis - ein Versuch

Aber nur weil es in der Gemeinde Stuhr, in der rund 34.000 Menschen leben, nicht klappt, heißt es nicht, dass es nicht im ländlicheren Südkreis klappen könnte. In anderen Gemeinden Deutschlands geht das Konzept der Mitfahrerbänke auf. Positive Berichte gibt es zum Beispiel aus der Stadt Neukirchen-Vluyn (Nordrhein-Westfalen) oder Irschenberg (Bayern).

Es ist gar nicht so lange her, da hab ich eine ältere Frau, die ihren Daumen rausgehalten hat, mit ins nächste Dorf genommen. Ihr habe ich damit einen großen Gefallen getan, und mich hat es gerade einmal eine Minute meiner Zeit gekostet.

Rubriklistenbild: © Mediengruppe Kreiszeitung / Sven Reckmann

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