Bürgerrechtler Rainer Eppelmann berührt

Als aus Menschen in der DDR Flüsterer wurden

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Rainer Eppelmann macht den Schülern deutlich, was für ein Privileg es ist, in einer Demokratie zu leben.

Stuhr - Von Julia Kreykenbohm. Die Menschen sind aufgebracht. Arbeiter, Bauern. Per Gesetz wurde beschlossen, dass sie mehr arbeiten sollen, aber dafür nicht entlohnt werden. Es rumort in der Bevölkerung, Proteste formieren sich, auf den Straßen wird demonstriert. Dann rollen die Panzer an, groß und bedrohlich. Die Menschen haken sich unter und gehen ihnen entschlossen entgegen. Denken: „Die werden schon stehenbleiben“. Aber das tun sie nicht.

„Am Ende waren über 100 Personen tot, an die 1000 verhaftet. Manche kamen erst 20 Jahre später wieder raus. Unter den Opfern waren auch junge Leute in eurem Alter“, sagt Rainer Eppelmann und blickt in die Gesichter der jungen Frauen und Männer im Forum der Lise-Meitner-Schule in Moordeich.

Stille. Betroffene, teils ungläubige Mienen. Denn der 74-Jährige spricht nicht von Ereignissen, die sich in einem fernen Land abgespielt haben, sondern in Deutschland, 1953 in der ehemaligen DDR, als Eppelmann zehn Jahre alt war. Er nimmt seine jungen Zuhörer mit in eine Zeit, die keiner von ihnen erlebt hat und ist sich der Distanz – und vielleicht auch der Ablehnung der Jugendlichen – wohl bewusst. „Vielleicht denkt ihr: Für was brauch ick dat, was Sie erlebt haben?“, sagt Eppelmann in seinem Berliner Akzent, der seinen Erzählungen eine gewisse Lässigkeit verleiht.

„Schicksalsfrage von uns Deutschen“

Doch ihm geht es nicht um sich und seine Erlebnisse – obwohl auch die spannend genug sind, um einen Vortrag darüber zu hören, wenn man bedenkt, dass er zweimal in der DDR wegen seiner Haltung inhaftiert und auch abgehört worden ist sowie zwei Anschläge auf ihn verübt worden sind. Eppelmann geht es um die „Schicksalsfrage von uns Deutschen: Hast du die Chance in einer Demokratie aufzuwachsen?“ Für sein Publikum ist die Antwort ein selbstverständliches „Ja“. „Ihr kennt nur Demokratie von morgens früh bis abends spät. Ich scheine dagegen aus einer fernen Welt zu sein.“

Und in diese Welt begleiten die Schüler Eppelmann, der auf Bitte des CDU-Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig den rund einstündigen Vortrag hält. Ohne Bilder, ohne Filmausschnitte, nur mit seiner Stimme, die er als Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur effektvoll einsetzt. Mal laut, mal fast flüsternd, mal ironisch-hart, dann wieder einfühlsam-sanft. Er will nicht nur Daten und Fakten herunterbeten. Eppelmann räumt auch dem Gefühl und der Befindlichkeit ihren Platz ein. „Was macht das mit einem Menschen? Wie müssen die Leute sich gefühlt haben?“, fragt er oft. Diejenigen, die flohen, alles zurückließen und nie wiederkehren konnte. Diejenigen, die enteignet wurden, Land und Fabrik abgeben mussten.

Neid und Sehnsucht beim Blick ins West-TV

Er spricht von der Sehnsucht und dem Neid, die beim heimlichen Schauen des verbotenen West-Fernsehens aufkommen und der ständigen Kontrolle und Bevormundung durch die Regierung, die ihm das Abitur verweigerte, obwohl seine Noten gut waren. Die Schüler bindet er ein. „Wir spielen sozialistische Schule. Eure Lehrer wurden angehalten, anlässlich meines Besuchs darauf zu achten, dass ihr anständig gekleidet seid.“ Das heißt, jeder trägt entweder Pionier- oder FDJ-Uniform. Wer sich kapitalistisch kleidet – sprich Jeans trägt – wird weggeschickt. „Also du, du und du“, sagt Eppelmann und zeigt auf die Jugendlichen in der ersten Reihe. Schweigen tritt ein, in das Eppelmanns leise Stimme dringt: „Wie demütigend. Wie menschenverachtend.“

Die Folge einer solchen Politik sei verheerend: „Aus Menschen werden Flüsterer. Die gibt es auch in Demokratien. Leute, die sich nicht trauen, zu sagen, was sie denken, fühlen oder wünschen. Die loben, was sie in Wahrheit blöd finden, die schweigen, um sich nicht zu schaden.“ Darum sei es so wichtig, zu diskutieren, freie Meinungsäußerung als hohes Gut in Ehren zu halten: „Wenn es keinen Streit um den besten Weg geben darf, hat eine Gesellschaft angefangen, sich aufzugeben.“

Demokratie: Ein Privileg

Eppelmann will den Schülern vor Augen führen, was für ein Privileg es ist, in einer Demokratie zu leben und schließt mit den Worten: „Man macht sich nicht immer nur Freunde, wenn man den Mund aufmacht. Aber wir müssen uns fragen, wo wir hinwollen und darüber reden. Bei der Suche nach Eurem Weg wünsche ich euch viel Erfolg.“

Während die einen noch applaudieren, heben die anderen schon die Hände, um eine Frage stellen zu können. „Wie sind Sie ins Gefängnis gekommen?“, will ein Schüler wissen. Die Schilderung der oft grausamen Haftbedingungen, bei denen Eppelmann mit manchmal 17 Leuten auf einer Zelle saß, oder es verboten war, zu sitzen, lösen Betroffenheit aus. Ebenso seine Antwort auf die Frage, ob er durch seine Haltung Freunde verloren hätte. „Einer meiner besten Freunde hat sich mein Vertrauen erschlichen“, berichtet Eppelmann. „Erst 1990 erfuhr ich, dass er alles, was ich ihm erzählt habe, weitergegeben hat. Das war ein Gefühl, als sei meine Frau zehn Jahre lang fremdgegangen.“

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