„Mein Auftrag war, eine Stimme der Vernunft zu sein“

Josef Fittkau, didaktischer Leiter der KGS Moordeich, geht in den Ruhestand

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Josef Fittkau bei seiner Verabschiedung in der KGS Moordeich.

Moordeich - Von Andreas Hapke. Er war einer der Architekten bei der Gründung der KGS Moordeich und dann 17 Jahre lang ihr didaktischer Leiter. Josef Fittkau weiß um die Verdienste, die er sich vor allem in Moordeich erworben hat – und übt sich in Bescheidenheit.

„Ich habe forsche Konzepte gemacht und Vorschläge. Gedenkt meiner mit Nachsicht“, sagt er in Anlehnung an die letzten Zeilen von Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“. Dass bei einem Rückblick auf sein Wirken mehr übrigbleiben wird als Nachsicht, ließen aktuelle und ehemalige Weggefährten schon bei der offiziellen Verabschiedung am Freitag durchblicken.

Zum Ferienbeginn tritt der 64-Jährige seinen Ruhestand an. Dafür hat er sich vorgenommen, „wohnen zu lernen“, einmal „runterzukommen“. Zeit zum Üben hatte er bereits: Vor zwei Jahren hatte Fittkau sein Pensum heruntergeschraubt, arbeitet seitdem „nur noch“ dienstags, mittwochs und donnerstags im Büro. Es war eine von vielen Entscheidungen in seinem Leben, die er nicht bereut. „Ich freue mich, dass ich Schülern helfen durfte, ihren Weg zu finden; etwas für die Entwicklung der Kinder zu tun“, sagt Fittkau. Schritt für Schritt sei er in seinem Leben den richtigen Weg gegangen.

Fittkau stammt aus einer kirchennahen Familie im emsländischen Lingen. Einsätze als Messdiener und beim Zeltlager prägten seine Jugend. Ursprünglich wollte er Kinderarzt werden. Doch mit einem durchschnittlichen Abitur auf der Warteliste zu versauern, kam für ihn nicht infrage. Er begann ein Lehramtsstudium in den Fächern Deutsch und Theologie – nicht zuletzt deshalb, weil zwei frühere Lehrer eine Inspiration für ihn gewesen waren. „Das kam damals schon dem nahe, was wir heute machen: auf die Schüler eingehen. Das hatte Grundzüge von kooperativem Lernen.“

„Da konnte man viel ausprobieren“

Dem ersten Staatsexamen folgte ein Aufbaustudium in Bamberg. Dort hatte sich Fittkau als Promotionsstudent eingeschrieben, um der Sprachgeschichte auf den Grund zu gehen. Es sollte ein Abstecher bleiben. Er kehrte der Wissenschaft den Rücken und begann 1984 sein Referendariat in Duisburg. Es folgte eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, in der er Schulabbrecher zum Hauptschulabschluss führen sollte. Fittkau behält das als „eindrucksvolle Erfahrung“ in Erinnerung.

Zum Schuljahrsende 1987 sprang er für neun Tage als Vertretungslehrer an der KGS Brinkum ein. „Das war ein Glücksfall für mich und meinen Werdegang“, berichtet Fittkau, der 1989 Fachbereichsleiter für Deutsch sowie Religion, Normen und Werte an der KGS wurde. „Da konnte man viel ausprobieren.“ Er nennt die Schülerzeitung als Beispiel.

Als weiteren Glücksfall führt Fittkau die Schüler aus allen Stuhrer Ortsteilen an. An sie habe er durchweg gute Erinnerungen. Er widerspricht der öffentlichen Wahrnehmung, wonach das Niveau des Nachwuchses in den vergangenen Jahrzehnten schlechter geworden ist: „Wir müssen mit den Schülern arbeiten, die da sind; das mit ihnen machen, was die Zukunft erfordert. Der Rest ist Lamentieren.“ Kinder seinen nicht dümmer geworden, nur der Förderbedarf sei anders. Klagen von Kollegen, Schülern könne man nichts mehr zumuten, hält Fittkau entgegen: „Wir müssen die Kraft aufbringen, ihnen etwas zumuten zu wollen.“ Er wolle nicht kleinreden, dass es Probleme gebe, etwa die Aufmerksamkeitsspanne der Schüler von nur zehn bis 20 Minuten. „Aber dann muss man den Unterricht entsprechend strukturieren.“

Als es 2000 darum ging, einen gymnasialen Zweig an der Moordeicher Schule und somit eine KGS einzurichten, bedurfte es einer Planungsgruppe. „Da habe ich mitgewirkt“, sagt Fittkau. Danach habe er sich auf die Stelle des didaktischen Leiters beworben. 2001 wechselte er als solcher nach Moordeich.

„Mussten plötzlich Arbeitsrecht kennen“

13,5 Stunden blieben Fittkau seitdem noch für die Arbeit mit den Klassen, den Rest der Zeit nahmen Konzeptentwicklung, Unterrichtssteuerung und Umsetzung der Lerncurricula ein. Bis 2006 feilte er daran, den Gymnasialzweig zu etablieren. Parallel dazu begann 2004 der Ganztag, für den es Programme zu gestalten und Verträge mit Honorarkräften abzuschließen galt. „Wir mussten uns plötzlich mit Arbeitsrecht auskennen.“ Überhaupt habe die Schulleitung nach Einführung der eigenverantwortlichen Schule viele juristische Aufgaben übernehmen müssen.

Den Ganztag nennt Fittkau als einen Schwerpunkt seines Wirkens, ebenso die Begabten- und die Leseförderung. Er war federführend in der Gründung des Kooperationsverbunds Begabtenförderung, dessen Koordinator er bis heute blieb. „Das brachte insgesamt 24 Lehrerstunden für alle Schulen in Stuhr“, sagt er stolz. Und mit dem Lesen, speziell der Einrichtung der Leseoase, wollte er Schülern nicht nur Reisen in ferne Welten ermöglichen, sondern auch Reisen ins Innere, „denn wer liest, nimmt sich aus dem Alltag heraus“.

Er selbst sei keine Leseratte, „da will ich den Nagern nicht zu nahe treten“. Doch hin und wieder einen guten Lyriker lässt sich Fittkau gerne gefallen. Peter Rühmkorf, der lyrische Berthold Brecht, Hans Magnus Enzensberger und Gotthold Ephraim Lessing zählen zu seinen Favoriten. „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren“, heißt es in Lessings Emilia Galotti. Fittkau hat seinen Verstand nie verloren. „Das war nicht mein Auftrag“, sagt er. „Der war, eine Stimme der Vernunft zu sein.“

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