Beruf der Hebamme während der Krise

Mehr Ferndiagnosen, weniger Besuche wegen Coronavirus

Rechnet mit einer Geburtenschwemme zum Ende des Jahres: Hebamme Wiebke Sydow. ArchivFoto: Husmann
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Rechnet mit einer Geburtenschwemme zum Ende des Jahres: Hebamme Wiebke Sydow.

Stuhr - In Zeiten von Corona, wo die positiven Nachrichten zumindest gefühlt zunehmend rar werden, sind Geburten ein umso freudigeres Ereignis, möchte man meinen. Einerseits ist das so, wie Hebamme Wiebke Sydow im Gespräch mit der Kreiszeitung berichtet. Andererseits weiß sie aus ihrer beruflichen Praxis, dass sich im Zuge der Pandemie viel Unsicherheit breit macht. Dies gelte nicht nur für die werdenden Eltern, sondern auch für die Geburtshelferinnen selbst.

Frau Sydow, wie hat sich Ihre Arbeit in Zeiten von Corona verändert?

Die hat sich sehr verändert. Es gibt viel weniger Hausbesuche, da arbeite ich nur noch minimal. Frauen, die frisch entbunden haben, sehe ich ein oder zwei Mal. Nur wenn wirklich Bedarf ist, auch häufiger. Das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Aber es ist generell schon so, dass die Frauen mehr auf sich alleine gestellt sind als vor Corona. Man muss auch sehen, dass Wochenbettbesuche ein Risiko für meine Familie und meine Arbeitskollegen in der Klinik sind.

Wissen Sie aus Ihrem beruflichen Umfeld bereits von Hebammen, die wegen Corona ausfallen?

Nein. Ich habe nur gehört, dass in Nordrhein-Westfalen schon Kreißsäle komplett geschlossen werden mussten.

Homeoffice für Hebammen gibt es nicht, oder?

Naja, seit dem 19. März greift eine Sondervereinbarung, wonach wir die telefonische Beratung wie Hausbesuche abrechnen können. Da machen aber nicht viele Frauen Gebrauch von, obwohl ich im März eigentlich viele Geburten hatte. Insgesamt hat die Situation wahnsinnige finanzielle Konsequenzen. Als Selbstständige arbeite ich zum Teil auch im Krankenhaus. Wer das nicht kann, hat kaum noch Einnahmen. Aber auch ich kann keine Kurse geben. Vor einer Woche wäre zum Beispiel einer im „Sie(h)da“ gestartet, aber der Treffpunkt ist geschlossen. Dadurch fehlen mir die Räume. Mein Mann hat mir schon empfohlen, einen Live-Stream anzubieten.

Das kommt nicht infrage?

Nicht wirklich. Ich kann nicht überwachen, ob Frauen das richtig machen. Ich kann ihnen auch nicht auf den Bauch fassen, um festzustellen, welche Bauchmuskulatur nun gerade gestärkt oder geschont werden muss. Das einzige, was ich in dieser Richtung gemacht habe, ich habe meinen Frauen aus der Whatsapp-Gruppe Videos mit leichten Übungen zugeschickt. Aus Datenschutzgründen habe ich sie vorher einen entsprechenden Vertrag unterschreiben lassen. Ansonsten untersagt der Verband das.

Bekommen Sie auf diese Weise auch Baby-Fotos für eine Ferndiagnose?

Das kommt vor. Das sind auch nicht nur Fotos von den Babys, sondern auch von den Schwangeren oder den Müttern. Manchmal ist eine Ferndiagnose möglich, aber nicht immer. Einen Ausschlag zum Beispiel muss ich schon selber sehen.

Wie schützen Sie sich und die Frauen bei Ihren Hausbesuchen?

Ich trage grundsätzlich Mundschutz und Handschuhe. Vor und nach dem Besuch wasche ich mir die Hände, ich desinfiziere sie auch viel häufiger als sonst. Nebeneinander auf dem Sofa sitzen geht natürlich auch nicht mehr, um die nötige Distanz zu wahren. Bei den Frauen ziehe ich die Schuhe an der Tür aus, zu Hause wechsele ich sofort die Kleidung, um meine Familie zu schützen.

Welchen Beitrag können die Frauen leisten?

Sie müssen für mich ein sauberes Handtuch bereithalten. Ehemann und Geschwister sollten nicht anwesend sein, was sonst häufiger der Fall ist. Außerdem sollte gewährleistet sein, dass ich in einem einzigen Raum arbeiten kann. Oft kommt man ins Wohnzimmer, geht von dort zu dem Baby ins Kinderzimmer, und anschließend legt sich die Mutter auf das Bett im elterlichen Schlafzimmer. Man kann ganz schön rumkommen in einem Haus oder einer Wohnung.

Wie verunsichert sind die schwangeren Frauen?

Sie sind nicht nur verunsichert, sondern auch ängstlich. Das gilt aber auch für Frauen, die bereits entbunden haben. Vor allem, seit in den USA ein Neugeborenes angeblich an Corona verstorben ist. In manchen Krankenhäusern dürfen Männer nicht mehr mit in den OP, etwa bei Kaiserschnittgeburten. Da stellen sich schon viele die Frage, ob sie das alleine schaffen. Sie sind traurig und enttäuscht. Ich selbst arbeite im Bremer Josephstift, da dürfen die Männer noch bei allem dabeisein. Manche Frauen aus meinen Vorbereitungskursen entbinden aber in Kliniken, wo das nicht mehr geht. Das ist auch für die werdenden Väter ein Problem, denn sie können nicht mehr unterstützen. Im Grunde ist es für beide gleichermaßen eine Katastrophe. Hinzu kommen die Einschränkungen bei Besuchen, da dürfen zum Teil nur noch die Männer auf die Station.

Und wie sieht es mit der Verunsicherung der Hebammen aus?

Auch die gibt es. Es gibt keinerlei Anweisungen, wie wir uns verhalten sollen. Schutzausrüstung? Da sind wir nicht bedacht worden. Kurzarbeit? Auch da sind wir nicht bedacht worden. Immerhin gibt es seit dem 29. März auch für uns die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung beim Bund zu beantragen.

Was glauben Sie: Wird es in neun Monaten eine Geburtenschwemme geben?

Ich denke schon, dass es mehr Geburten geben wird. Bei uns kursiert schon der Witz: Ich weiß, wer Weihnachten und Silvester arbeiten darf. Eventuell steigt auch die Scheidungsrate. Wer weiß das schon.

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