Aufnahmen von Daniela Gräf

Fotos über Nordirland: Massive Mauern und fragiler Frieden

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Die Antwort der Kinder: Die beiden Jungen haben ein Loch unter dem Zaun gebuddelt. Daniela Gräf hat sie dabei fotografiert.

Brinkum - Von Janna Silinger. Wer die Augen offen hält, sieht sie überall. Zäune, Gitter, Mauern. Sie trennen die Stadtviertel voneinander, und sie trennen die Menschen voneinander. Auf der einen Seite die zumeist protestantischen Unionisten und auf der anderen die katholischen Nationalisten. Der Nordirland-Konflikt ist noch immer sichtbar.

„Man kann sich natürlich dort auch einfach an den Strand legen und shoppen gehen“, berichtet Daniela Gräf, Leiterin des Mehrgenerationenhauses (MGH) in Brinkum. Gräf stellt seit gestern und noch bis zum 31. März insgesamt 26 Farbfotografien im MGH aus. Sie sind alle in Irland entstanden, wo sie 2017 im August eine Woche mit einem Mietwagen umher reiste.

Sie hat auch die klassischen Naturaufnahmen mitgebracht. Satte, grüne Landschaft, hohe Klippen, raue Küsten und surreale Gesteinsformationen. Aber der Fokus liegt eindeutig auf dem noch immer herrschenden Konflikt.

Dieser sei ihr besonders eindrücklich erschienen, als sie Derry/Londonderry bereist habe. Wie genau der Name der etwa 85.000-Einwohner-Stadt im Nordosten des Landes ist, kann sie nicht sagen. Die Unionisten sagen Londonderry, die Nationalisten Derry. Später habe Gräf einer Frau in einem Bed and Breakfast erzählt, dass sie in „Londonderry, beziehungsweise Derry“ war. Die Frau habe entgegnet: „Ah, dann haben Sie die Mauern von Derry gesehen.“ Mit einem so banalen Satz hätte sie deutlich gemacht, auf welcher Seite sie steht, ohne es auszusprechen.

Die Mauern, von denen die Rede war, befinden sich in vielen großen Städten. Sie sind häufig bemalt mit eindrucksvollen Motiven. Diese erzählen laut Gräf die Geschichte des Konflikts, seien gleichzeitig als Kunst zu verstehen. Eines der berühmtesten Bilder zeigt einen Jugendlichen mit einer Gasmaske im Gesicht, die aus dem Zweiten Weltkrieg stammt. In der Hand hält er einen Molotowcocktail, den er dem Bild zu urteilen nach auf britische Panzer werfen möchte. Das sei noch eines der harmloseren Bilder.

Obwohl die Motive eine theoretisch vergangene Geschichte erzählen, symbolisieren die Mauern das aktuell noch immer herrschende Problem im Land: eine recht strikte Trennung.

Der wohlhabende Stadtkern, in dem quasi ausschließlich Protestanten leben, die Arbeiterviertel, in denen mehrheitlich Katholiken wohnen. Eine besonders große „Peace line“ (Friedensmauer) steht in der Hauptstadt Belfast. Sie sei zwölf Meter hoch. Unten eine dicke Mauer, oben drauf ein Zaun. Selbst angrenzende Balkone sind, das zeigt eines der Fotos, noch einmal extra vergittert. Die Tore in der Mauer werden zum Teil nachts geschlossen. Auch wenn es möglich ist, das rund 20 Kilometer lange Gebilde zu umfahren, stehe die Schließung für die Trennung, die für Gräf so schockierend war.

Ein anderes Bild zeigt eine Ampel, deren Gläser zum Schutz vergittert sind. Zu Zeiten des gewalttätigen Konflikts haben diese überall gestanden. Heute sei die Ampel nur noch eine Art Mahnmal. Darauf zu sehen ein Aufkleber mit der Aufschrift: „No Border - No Brexit“.

Die Trennung zwischen den Gruppen ziehe sich durch das ganze Leben. „Katholiken und Protestanten haben nichts miteinander zu tun“, erzählt Gräf. Es gebe aber auch Projekte, in erster Linie im künstlerischen Bereich, deren Ziele Frieden und Einigung seien. In der Regel werden diese laut Gräf von der EU finanziert. „Damit sollen zumindest die Mauern im Kopf überwunden werden.“ Denn die realen werden vermutlich nicht allzu bald abgerissen. Es habe Diskussionen darüber gegeben, doch die Menschen fühlen sich mit ihnen sicherer.

Gräf möchte mit ihren Bildern keine politische Aussage treffen. Ihr Anliegen ist es, einen Konflikt aufzuzeigen, der „direkt bei uns um die Ecke“ ausgetragen wird. Sie möchte eine noch immer andauernde Trennung zwischen Menschen ins Bewusstsein rücken. Den fragilen Frieden und die feindselige Abgrenzung verdeutlichen, Aspekte, die nach wie vor den Alltag und das Leben in Nordirland mitbestimmen, die an düstere und blutige Zeiten erinnern. Und das nicht nur, wenn man danach sucht. Es reicht, die Augen offen zu halten.

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