Margot Hüls fertigt seit 50 Jahren Scherenschnitte nach künstlerischen Vorlagen

Pin-ups und Witwe Bolte in Schwarz-Weiß

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Mediengruppe Kreiszeitung

Stuhr - Von Katrin Köster. Schere schneidet Papier: Im Fall von Margot Hüls handelt es sich dabei nicht um das Kinderspiel, sondern vielmehr um ein Spiel mit der Wahrnehmung. Die Stuhrerin fertigt seit gut 50 Jahren Scherenschnitte an.

Ihre Leidenschaft fürs Schwarz auf Weiß entdeckte Margot Hüls unfreiwillig: „Ich kam wie die Jungfrau zum Kind dazu“, erinnert sie sich. Damals sollte sie mit zwei Freundinnen im Jugendkreis der Kirchengemeinde einspringen. „Die hatten immer einen kreativen Tag – gruselig“, scherzt die ausgebildete Konstrukteurin. Da überlegten die Frauen, was man tun könnte und eine hatte die zündende Idee – Scherenschnitte. Mit einem Bastelbuch und einer Nagelschere legte sie los und blieb dabei.

Inzwischen ist sie mit ihren filigranen Bildern auf Ausstellungen und Märkten in der Region ein gefragter Gast. Als Künstlerin möchte sie aber nicht bezeichnet werden. Ihre Arbeiten seien schlicht ein Hobby, betont die dreifache Muter. Zwar schmerzen Margot Hüls inzwischen die Finger von der Arthrose, doch ihr Faible aufzugeben, das kommt nicht infrage. „Nachher werden meine Hände ohne Bewegung ganz steif“, meint sie.

Ihre Motive entdeckt die Rentnerin durchaus auch mal auf der Straße, wie die Bremer Stadtsilhouette. „Die habe ich fotografiert und dann Zuhause aufgearbeitet“, erzählt sie. Ihre Mappe und ein Arbeitsraum quellen über mit Vorlagen: Märchenszenen, satirische Motive, Silhouetten von Schiller sowie Portraits von Musikern reihen sich an frivole Pin-up-Damen in Strapsen aus den 20er-Jahren. Sie stammen aus der Feder von Louise Neupert (1926 - 2009. „Eine Hammerfrau“, schwärmt Hüls von der Chemnitzer Künstlerin.

Ihre Inspiration bekommt Margot Hüls außerdem häufig von anderen Fans der scharfen Schnitte, wenn sie mal wieder mit ihrem Stand bei einer Schau ist. „Ich war vor Jahren bei einer Ausstellung in der Klostermühle Heiligenberg dabei. Dort sprach mich eine Asendorferin an, ich möge sie und ihren Mann doch Zuhause besuchen kommen. Sie hätte da etwas Schönes für mich.“ Als Hüls der Einladung nachkam, überreichte ihr die Dame ein dickes Buch mit Scherenschnitten zu drei großen Mozart-Opern. „Ich war baff“, sagt die Stuhrerin. Ein gutes halbes Jahr durfte sie mit dem Buch arbeiten, dann schenkten ihr ihre Kinder ein eigenes Exemplar.

Eine weitere Begegnung mit kreativen Folgen bescherte ihr die Mitgliedschaft im Deutschen Scherenschnittverein. Auf diesem Weg lernte sie die Düsseldorfer Künstlerin Annemarie Jonneck kennen und schätzen. Die Freundschaft hielt bis zum Tod Jonnecks. „Sie war Malerin und hat mir ihr gesamtes Material hinterlassen“, so Hüls und zieht aus einem Stapel Zeichnungen drei Blätter hervor, auf denen Witwe Bolte zwei freche Jungs verdrischt. Eine andere Szene zeigt Max und Moritz beim Hähnchenschmaus und beim Schabernack mit dem Müller. Für die Stuhrerin sind sie ein Schatz im doppelten Sinne – neben Erinnerungen an die Freundin sind sie dankbare Vorlagen für ihre Schnitte.

Dabei schwört Margot Hüls auf eine spezielle Schere als Handwerkszeug. Ein Cutter, mit dem inzwischen auch einige Künstler arbeiten, wäre nicht ihr Ding, sagt sie. Stumpfes Werkzeug ist fatal: „Dann reißt das Papier und die Arbeit ist hin.“ Damit die Schere immer einsatzbereit ist, lässt sie sie regelmäßig in der Schweiz schärfen. Das Alpenland zählt Hüls neben Holland zu den europäischen Hochburgen des Scherenschnitts. Die Historie dieser Kunstform entdeckte sie quasi nebenbei für sich.

So habe sie gelernt, dass die Anfänge des Trickfilms ebenfalls beim Scherenschnitt liegen. Die Berliner Illustratorin Lotte Reiniger zählt mit ihren Schnitten zu den Filmpionieren in Deutschland. Die Entstehung der Kunstform reicht viel weiter zurück: „Die Ersten Schnitte waren in China schon weit vor Christus bekannt“, sagt Margot Hüls. In Europa sei die Kunst erst im 17. Jahrhundert aufgekommen.

Viel verändert hat sich die Technik indes nicht: Margot Hüls verwendet zum Beispiel bis heute Kleister, um die zarten Motive auf Fotokarton zu befestigen. Immerhin werfen die nächsten Märkte in Goldenstedt und Oldenburg ihre Schatten voraus. Die Stuhrerin freut sich schon jetzt auf interessante Begegnungen an ihrem Stand.

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