Der Lehrer Juraj Sivulka schlüpft in die Rolle von Theodor Storm und erzählt von der Karriere des Dichters

„Immensee“ und „Schimmelreiter“: Ein Leben im Galopp

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Juraj Sivulka verkörpert Theodor Storm.

Stuhr - Von Maren Jensen. Kunstvoll, dramatisch und außergewöhnlich. Drei Schlagwörter für den 1819 geborenen norddeutschen Lyriker Theodor Storm und gleichzeitig für den Vortrag von Juraj Sivulka am vergangenen Freitag in der Lise-Meitner-Schule Moordeich. Rund 80 Zuschauer haben Silvulka bei seiner Lesungsreihe „Stationen eines Lebens“ gespannt an den Lippen gehangen. Im Kulturforum hat der Lehrer das Leben und Schaffen Storms vorgestellt. Dabei beeindruckte er mit einer besonderen Vortragsweise, denn er schlüpfte in die Rolle seines Protagonisten.

Kurz vor Beginn des Vortrages ist Sivulka wie gewöhnlich in Sportkleidung anzutreffen. „Ich ziehe mich erst zehn Minuten vorher um“. Schnell kreist er noch einmal die Arme, atmet zweimal tief durch und verschwindet schließlich hinter dem Vorhang. Dann geht es los.

Storms Kindheit, Jugend und Karriere erläutert der Lehrer mit Briefen, Biographietexten und Gedichten: Von den Eltern missachtet suchte sich Theodor Storm in jungen Jahren Zuneigung bei einer alten Dame, die ihm abends Geschichten vorlas. Später fand er menschliche Nähe bei seiner kleineren Schwester, die in einem zarten Alter von sieben Jahren verstarb. „Er hat viele Schicksalsschläge erlebt“, sagt Sivulka.

Der 47-jährige ist beeindruckt von dem Lebenslauf des Dichters. „Mit 15 Jahren schrieb er seine ersten Gedichte“, sagt er. In der Schulzeit schrieb und ahmte Storm erste Prosatexte nach. Doch niemand schien sein künstlerisches Talent zu entdecken. Besonders in Husum, seinem Geburtsort, fand der Lyriker nur wenig Beachtung für seine Werke. Aus diesem Grund entschied sich der junge Poet nach Berlin zu gehen. Dort schaffte er seinen literarischen Durchbruch mit der Novelle „Immensee“, laut Sivulka die „meistgelesene der deutschen Literaturgeschichte“. Noch heute gilt Storm als der „Dichter vom Immensee“.

Als 1865 Storms erste Ehefrau stirbt, schreibt der Lyriker den Zyklus „Tiefe Schatten“, eine dramatische Todeslyrik, die laut Sivulka „tief unter die Haut“ geht. „Es ist unglaublich traurig. Ich bin richtig gefesselt, wenn ich es lese. Jedes Mal“, sagt der Deutsch- und Sportlehrer. Als er Teile des Werkes am Abend auswendig vorträgt, wird es für Sekunden totenstill in der Schulaula. Einige Zuschauer schließen die Augen, andere richten ihren Blick gespannt auf Sivulka, der langsam die Treppen vor der Bühne herunter schreitet.

Als die 15-jährige Derya Eren das venezianische Gondellied von Bartoldy anspielt, kann das Publikum nicht mehr still sitzen bleiben. Eine Zuschauerin fängt an zu klatschen, obwohl Silvulka zu Beginn der Veranstaltung den Wunsch äußerte, dies erst am Ende zu tun. „Ich bin wirklich beeindruckt von seiner Vortragsweise“, sagt Zuschauerin Brigitte Bechlin. Die 60-jährige erlebt an dem Abend zum zweiten Mal einen Auftritt aus Sivulkas Vortragsreihe. „Er macht das großartig. Aber auch die Klavierspieler sind toll“, sagt sie. Zu diesen zählt die 14-jährige Sarah Aileen Siegmund aus der Klasse G8 der KGS. Ganz entspannt schaut sie sich vor dem Auftritt das Publikum an. „Ich bin gar nicht aufgeregt“, sagt sie und lacht. „Eigentlich interessiere ich mich nicht so wirklich für Dichter, aber Juraj Sivulka gestaltet das ganz anders und macht Lyrik dadurch auch für mich interessant.“

Für die musikalische Untermalung des Abends sorgten neben Siegmund noch weitere Schülerinnen, darunter Maria Frey, Esma Sare Onat, Charlotte Richter, Derya Eren, Talia Eren und Kristin Nietschke. Die musikalische Leitung übernahmen Simone Ehrichs und Bernhard Schencke.

Der Abend endete mit dem Tod Storms, drei Monate nach der Vollendung seines populären „Schimmelreiters“.

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