Eine Zwischenbilanz

Lebensgeschichten bei Kaffee und Kuchen: Simona Frank berät Rentner in spe

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Im Kreativraum des MGH berät Simona Frank die Besucher.

Zwischen Staffeleien und Leinwänden sowie Nähmaschinen und Regalen mit Dekos für Nesteldecken passt immer noch eine Rentenberatung. Das ist unkonventionell und typisch für das Mehrgenerationenhaus (MGH) in Brinkum. Die Einrichtung muss manchmal improvisieren, um die vielfältigen Angebote unter ein Dach zu bekommen. Deshalb begrüßt die Versichertenberaterin Simona Frank ihre Klientel jeden Montag von 17 bis 19 Uhr im Kreativraum des Obergeschosses.

Brinkum - Seit einem knappen halben Jahr berät sie dort Menschen, die sich mit ihrem Renteneintritt beschäftigen. Franks Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: 84 Personen waren inzwischen bei ihr. Hinzu kommen Hausbesuche, die sich für die konkrete Antragstellung anbieten. „Da haben die Leute schneller Zugriff auf fehlende Unterlagen.“

Wann kann ich in Rente gehen? Wie lange muss ich noch arbeiten? Kann ich weniger arbeiten? Was kann ich hinzuverdienen? Wie beantrage ich eine Erwerbsminderungsrente? Mit Fragen wie diesen säßen die Leute vor ihr, berichtet Frank. Meistens habe sie es mit Frauen zu tun. Und wenn sich Männer an sie wenden würden, dann in weiblicher Begleitung. „Sie kommen nicht alleine.“

Simona Frank findet ihre ehrenamtliche Tätigkeit „toll“. Hauptberuflich führt sie Kundengespräche bei einer Krankenkasse. „Da erfährt man schon einiges über die jeweiligen Lebensumstände. Doch bei der Rente bekommt man direkt die ganze Vita erzählt. Manchmal fällt es schwer, die Leute zu bremsen.“ Bei Hausbesuchen gebe es zum Teil sogar Kaffee und Kuchen. „Die Leute sind dankbar. Fast so, als ob ich ihr Leben gerettet hätte.“

Frank findet die Lebensgeschichten abwechslungsreich. Auslandsaufenthalte, Kinderzeiten, Arbeitgeberwechsel, Arbeitslosigkeit, Selbstständigkeit – alles müsse nachvollziehbar sein und bei der Beratung vorliegen. Ohne lückenlose Unterlagen, die sogenannte Rentenauskunft, werde es schwer. „In diesem Fall fordere ich die Daten an und vereinbare einen neuen Termin in drei Wochen.“

Bislang habe sie „Glück gehabt“ und nur in zwei, drei Fällen die Verläufe nacharbeiten müssen. Die ältere Generation sei in dieser Hinsicht sorgfältig und habe einen geradlinigen Lebenslauf gehabt, zumeist mit wenigen Arbeitgebern. Die Generation Mindestlohn sei noch nicht dabei. Das werde sich ändern. „Arbeitgeberwechsel zum Beispiel werden häufiger“, glaubt Frank. Manchmal treffe sie auf Personen, die nach Deutschland eingewandert sind. „Das ist aber kein Problem, weil die Daten einfach umgeschrieben werden.“

Ihre Klientel stammt aus Stuhr, Weyhe und Syke, doch es sei auch schon jemand aus Wildeshausen dabei gewesen. Hausbesuche darf sie nur im Landkreis Diepholz machen, da sie von der Vertreterversammlung der Deutschen Rentenversicherung ausschließlich für diesen Bereich gewählt wurde.

Auffällig findet Frank, dass viele Ratsuchenden schon mit 60 Jahren zu ihr kommen. „Ich kann das aber verstehen. Viele wollen ihre Angelegenheiten rechtzeitig geregelt wissen oder spielen mit dem Gedanken, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.“ Eine Frau habe in ihrem Kalender für jeden überstandenen Arbeitstag ein Kreuz gemacht. Frank empfiehlt, schon zwischendurch – mit Ende 30 – die erste Kontenklärung vorzunehmen. „Später wird es schwerer, die Daten zusammenzutragen. Firmen etwa haben dann vielleicht schon pleite gemacht.“

Horrorgeschichten von Renten auf Hartz-IV-Niveau hat Frank im MGH bislang noch nicht erlebt. Durchschnittlich erwarte ihre Klientel eine Rente von mehr als 1 000 Euro. Die Leute hätten gute Jobs und seien ebenso gut organisiert. „Man kann sagen: So, wie sie leben, kümmern sie sich auch um ihre Rentengeschichten.“ Nur ein paar Frauen, die in Teilzeit gearbeitet hätten, seien unzufrieden mit ihrer voraussichtlichen Rente gewesen.

Manche kämen mit Handtaschen, manche mit Koffern voller Akten zur Beratung. In einem Punkt aber sind sie alle gleich, wie die ehrenamtliche MGH-Mitarbeiterin Heidi Siedekum festgestellt hat: „Wenn sie nach ihrem Termin die Treppe runterkommen, sind sie total gut drauf.“ Siedekum ist „als persönliche Empfangsdame Franks vom Himmel gefallen“, erzählt MGH-Leiterin Daniela Gräf. Sie besorge schon mal einen anderen Raum für Besucher, die keine Treppen steigen könnten, oder kümmere sich um Menschen ohne Termin. „Dann erzählt sie ihnen über die Möglichkeiten der ehrenamtlichen Mitarbeit hier“, sagt Gräf und lacht. Unabhängig vom Engagement Siedekums gilt aber: Um Wartezeiten zu vermeiden, empfiehlt sich eine Anmeldung unter 0175/9710874.

Was ihre eigene Rente angeht – angesichts der zunehmenden Besteuerung und des vielleicht immer späteren Eintrittsalters – hat Frank eine klare Vorstellung: „Ich hoffe, dass der große Knall kommt und alles gut ist.“

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