Am Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet

Historisches Rauchhaus: „Das Leben hier muss schlimm gewesen sein“

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Die Diele eines Heuerlingshauses teilten sich die Bewohner einst mit ihren Tieren. In Varrel etwa sind Kuh, Ziege und – wie „Mr. Rauchhaus“ Werner Schmidt dokumentiert – Hühner ausgestellt.

Varrel - Von Andreas Hapke. Platz ist in der kleinsten Hütte. Wer immer dies zuerst festgestellt hat: Es wäre nicht verwunderlich, er oder sie hätte dies beim Betreten eines Häuslingshauses getan. Das um 1830 entstandene Rauchhaus in Varrel ist ein solches Gebäude. Im Rahmen der Ausstellung „Häuslingswesen“ im Rathaus öffnet es am Sonntag, 16. Juli, von 10 bis 17 Uhr seine Pforten. Besser: Werner Schmidt öffnet eine Tür, an deren Balken sich jeder durchschnittlich große Besucher unweigerlich den Kopf stößt, wenn er nicht höllisch aufpasst.

Schmidt kümmert sich seit Jahren um das Gebäude, das der Förderverein Gut Varrel 2005 unter seine Fittiche genommen hat und als Museum betreibt. „Ich bin fast jeden Tag hier, um nach dem Rechten zu schauen“, sagt „Mr. Rauchhaus“.

Genau genommen handelt es sich bei dem Gebäude um ein Heuerlingshaus, denn im Oldenburgischen nannte man die ärmste bäuerliche Schicht Heuerlinge. Jene Männer und Frauen pachteten ein kleines Gebäude und einige Hektar Land von den grundbesitzenden Bauern und mussten diesen im Gegenzug an bestimmten Tagen im Jahr zur Hand gehen.

In Varrel Nr. 15b ist die Familie Mahlstedt als erste Bewohnerin bekannt. Sie lebte mindestens seit 1874 in dem Haus, fortan über mehrere Generationen bis zum Beginn der 1960er-Jahre. Ein Oberschüler namens Horst Löbert rettete das Gebäude vor dem Abriss, indem er seinen Vater überredete, es zu mieten. 1988 erwarb es die Gemeinde, die eine umfangreiche Restaurierung veranlasste.

Diele hatte viele Funktionen

Durch die Eingangstür gelangt der Besucher in die Diele, die seinerzeit vielfältige Funktionen erfüllte. Sie war Feuerstelle, Waschecke mit Brunnen, Lager und Stall in einem. „Die Bewohner teilten sich den Raum mit den Tieren“, erzählt Schmidt. Im Rauchhaus etwa sind eine Kuh und eine Ziege ausgestellt. Auf dem Dachboden befanden sich die Hühner, von denen auch in Varrel ausgestopfte Exemplare zu sehen sind. „In der Diele wurde auch Fleisch geräuchert und aufgehängt. Nicht nur für die Familie, sondern auch für die Nachbarschaft, damit ein paar Groschen reinkamen“, sagt Schmidt.

Das Rauchhaus heißt so, weil der Rauch nicht über einen Schornstein abzog, sondern sich in der Diele verteilte.

Diverse Kammern dienten zum Essen, Schlafen, Lagern und Arbeiten. In einem kleinen Werkraum etwa war die Korkschneiderei untergebracht, die für die Mahlstedts vermutlich eine wesentliche Einnahmequelle darstellte. „Da musste man Glück haben. Delmenhorst war die Korkstadt, da wurde die Arbeit vergeben.“ Eine Zigarrenschachtel deutet auf einen weiteren Nebenerwerb der Heuerlinge hin: das Zigarrendrehen. „Das war aber seltener“, sagt Schmidt.

Die Innenausstattung setzt sich zusammen aus Gaben der Nachbarschaft und des Kreismuseums Syke. „Manche Bewohner hatten noch Waschbottiche, Stühle, Karren, alte Teller und Töpfe. Wir wurden in der Anfangszeit erschlagen von den Gaben“, erinnert sich Schmidt an die Begeisterung insbesondere der Varreler. „Viele kannten das Haus noch aus ihrer Kindheit und fanden es toll, dass wir etwas daraus machten. Man hat uns förmlich überrannt.“ Schmidt öffnet das Haus nach Absprache, zuletzt am Freitag für eine Damengruppe, die auf ihrer Radtour vorbeikam.

„Das war Arbeit, Arbeit, Arbeit“

„Aus heutiger Sicht muss das Leben hier schlimm gewesen sein. Die hatten nichts zu lachen. Das war Arbeit, Arbeit, Arbeit“, sagt der 74-Jährige. Unvorstellbar ist seiner Ansicht nach, wie Familien mit vier, fünf oder sechs Kindern im Winter überleben konnten. „Das muss hier drin eiskalt gewesen sein.“ Oft seien die Frauen in dieser Jahreszeit auf sich allein gestellt gewesen, da der Mann mangels Beschäftigung nach Holland gezogen sei, berichtet Schmidt. Diese Arbeitsemigranten waren als „Hollandgänger“ bekannt.

In der Stube hängt ein Foto der Hebamme, die die letzte Tochter des Hauses zur Welt brachte, und ein Konfirmationsbild aus dem Jahr 1933. Überhaupt soll das Museum einen Einblick in das Leben einer Heuerlingsfamilie in den 1920er- bis 1950er-Jahren gewähren.

Am Tag der offenen Tür gibt es Führungen sowie Kaffee und Kuchen.

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