Keine Züge, keine Straßenbahn

Studie fällt schlechtes Urteil über Stuhr: Teures Pflaster für Pendler?

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Keine Bahn, sondern nur der Bus zum Bremer Hauptbahnhof: Das hat Stuhr in der Pendler-Studie eine bessere Bewertung gekostet.

Stuhr - Von Andreas Hapke. Wer in Bremen arbeitet, aber fürs Wohnen nicht so viel Geld ausgeben möchte, zieht gerne in die Peripherie. Stuhr sollte er dabei außer Acht lassen. Von dort ist das Pendeln teurer als von anderen Umlandkommunen - Von Andreas Hapke. legt jedenfalls eine auf Spiegel online veröffentlichte Studie nahe. Das Immobilienforschungsinstitut F+B hat sich 24 deutsche Großstädte und deren Nachbarn angeschaut. Wegstrecke sowie Wohn- und Fahrtkosten waren die Kriterien.

Kommunen, die mit einem günstigen Wohnangebot aufwarten und über gute Verkehrsanbindungen verfügen, konnten sich fünf Sterne verdienen. Nur einer sprang bei einer schlechten Anbindung und einem überschaubaren Mietkostenvorteil heraus. Stuhr kam auf zwei Sterne und schnitt im Vergleich mit den Konkurrenten Weyhe, Achim, Osterholz-Scharmbeck und Delmenhorst (je vier Sterne) sowie Verden und Nordenham (je drei) am schlechtesten ab. Orte mit weniger als 25.000 Einwohnern hat die Studie nicht berücksichtigt, weshalb Syke unter den Tisch fiel.

Laut Analyse würde der Pendler in Stuhr am wenigsten beim Kauf einer Eigentumswohnung sparen. Bei einem Quadratmeterpreis von 2114 Euro beträgt der Kostenvorteil gegenüber Bremen knapp 13 Prozent. Zum Vergleich: In Weyhe liegt der Quadratmeter bei 1947 Euro und der Vorteil bei rund 20 Prozent. Was das Mietniveau angeht, sparen die Pendler in Stuhr und Weyhe bei einem Quadratmeterpreis von rund 6,80 Euro rund neun Prozent. Sowohl für die Eigentums- als auch für die Mietwohnung haben die Experten 75 Quadratmeter und eine „normale Ausstattung“ zugrunde gelegt. Grundstückspreise sowie Kosten für Ein- und Zweifamilienhäuser sind nicht berücksichtigt.

Elf Kilometer bis in die Bremer Innenstadt

Mit einer Entfernung von elf Kilometern zwischen Stuhrer Rathaus und Bremer Innenstadt sowie einer Fahrtzeit mit dem Auto von 23,27 Minuten liegt Stuhr in diesen Kategorien zwar an der Spitze. Gleichwohl fallen jährliche Autokosten von 6234 Euro an - der Höchstwert nach Abzug der Pendlerpauschale. Für diese Rechnung ist ein VW Golf das Maß aller Dinge.

In Weyhe und Delmenhorst bezahlt der Autofahrer nur 5706 Euro. Dort und in Achim kann der Pendler alternativ schon für jährlich 1285 Euro mit dem Zug nach Bremen fahren. Er ist zwischen zwölfeinhalb (Delmenhorst) und fast 16 Minuten (Weyhe) unterwegs.

Stauzeiten für Autofahrer und Verspätungen bei Zügen haben die Experten einkalkuliert.

Fehlende Zuganbindung wird bestraft

Dass die Stuhrer nur mit dem Bus nach Bremen kommen, ist maßgeblich für das schlechte Abschneiden der Kommune verantwortlich. „Städte, die über keine Zuganbindung verfügen, wurden in der Bewertung abgestraft“, heißt es in dem Artikel.

Grünen-Ratsfrau Kristine Helmerichs ist Pendlerin und legt täglich in etwa die Entfernung zurück, welche die Studie angenommen hat. Sie wohnt in der Nähe des Rathauses in Blocken und arbeitet unweit des Hauptbahnhofs. Knapp 13 Kilometer beträgt die Distanz von Haustür zu Haustür. „Die ermittelte Fahrtzeit kommt hin“, sagt Kristine Helmerichs. Sie benötige 18 Minuten, wenn alles glatt läuft, und 38 Minuten im schlimmsten Fall der Fälle.

Die Straßenbahnen der BSAG fahren nicht bis nach Stuhr. Die Linie 8 ist noch nicht Realität.

Der öffentliche Personennahverkehr sei für sie keine Alternative. Egal, welche Verbindung sie wähle, ob nur den Bus ab der Delmenhorster Straße oder Bus und Bahn ab Alt-Stuhr, komme sie auf eine Reisezeit von einer Stunde und 15 Minuten pro Strecke. Die Fahrt mit dem Rad zur Haltestelle und der Fußweg vom Bahnhof zur Arbeit seien darin enthalten. „Die Studie schreit nach Straßenbahn“, sagt Kristine Helmerichs. Mit der Linie 8 würde sie neu überlegen.

Von der Datenauswertung versprechen sich ihre Macher, dass sie als Entscheidungshilfe für Umziehende dienen und die Wahl des Wohnortes erleichtern kann. Genau das bezweifelt Wirtschaftsförderer Lothar Wimmelmeier: „Wer sich als Auswärtiger darauf verlässt, hat Stuhr nicht auf dem Schirm - obwohl sein Arbeitsplatz vielleicht in Bremen-Woltmershausen liegt und er um die Ecke in Stuhr-Kuhlen wohnen könnte.“

11.342 Ein- und 10.294 Auspendler in Stuhr

Stuhr verzeichnet 11.342 Ein- und 10.294 Auspendler. Es sind die aktuellsten Daten der Bundesagentur für Arbeit, Stand Ende Juni 2017. Doch für einen Wirtschaftsförderer, der erfolgreiche Unternehmen mit einem großen Angebot an Arbeitsplätzen in die Gemeinde locken möchte, sind ganz andere Zahlen von Interesse: Laut BA (ebenfalls Stand Ende Juni 2017) stehen in Stuhr 14.217 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort 13.169 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Wohnort gegenüber. Das heißt nichts anderes, als dass es mehr Jobs gibt als Menschen, die einer Arbeit nachgehen. „Wer in Stuhr lebt“, schließt Wimmelmeier daraus, „muss theoretisch gar nicht zur Arbeit pendeln.“

Kommentar zum Thema

Stuhr kommt zu schlecht weg

Von Andreas Hapke

„Wir sind wegen der guten Kinderbetreuung nach Stuhr gezogen“, sagte ein Familienvater vor Monaten in einem Ausschuss für Jugend, Freizeit und Kultur. Mal abgesehen davon, dass es seinerzeit um die Kürzung von Betreuungszeiten ging: Die Gründe, aus denen Städter aufs Land ziehen, sind vielfältig. Es geht nicht immer darum, Geld zu sparen. Der eine oder andere sucht auch eine qualitativ hochwertige Infrastruktur.

Für ihre Studie haben die Experten die weichen Standortvorteile außer Acht gelassen und sich auf die harte Währung konzentriert. Das ist völlig legitim. Doch selbst wenn Familien nur deshalb ins Umland ziehen, weil sie billiger leben möchten: Mieten sie dann ein paar Zimmer? Kaufen sie sich eine Eigentumswohnung? Mehr als diese beiden Alternativen berücksichtigt die Studie nicht.

Den Häuslebauer lassen die Experten ebenso außer Acht wie den Häuslekäufer. In beiden Fällen wäre der Kostenvorteil in Stuhr größer als in Weyhe, wo der Pendler laut Grundstücksmarktbericht 2018 sowohl für ein Einfamilienheim als auch für ein Grundstück im Mittel deutlich mehr berappen muss.

Die Studie blendet auch aus, welche Möglichkeiten die Entfernung von nur elf Kilometern zwischen Stuhr und Bremen eröffnet: Wer diese Strecke mit dem Fahrrad zurücklegt, hat weder Autokosten noch muss er ein Ticket für den ÖPNV lösen.

Mit zwei Sternen ist Stuhr jedenfalls zu schlecht weggekommen.

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