Branche unter Druck

Landwirte demonstrieren in Berlin: „Die machen nichts, nichts!“

Fünf Landwirte stehen vor ihren Traktoren an einem Kuhstall.
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„Unser Endspiel“ nennt Landwirt Rainer Lammers (vorne) die angekündigte Treckerdemo in Berlin. In den vergangenen Wochen hätten die Landwirte Verarbeiter und Einzelhandel bestreikt, jetzt sei die Politik dran, so der Milchbauer aus Stuhr-Seckenhausen.

Viele Landwirte im Landkreis Diepholz sind verzweifelt: Die aktuellen Lebensmittel-Preise sind für sie weiterhin nicht kostendeckend. Jetzt wollen sie erneut in Berlin demonstrieren ‒ für ihre Branche und für ihre Familien.

  • Landwirte aus dem Landkreis Diepholz demonstrieren erneut in Berlin.
  • Lebensmittel-Preise sind für Bauern weiterhin nicht kostendeckend.
  • Anspannung in der Landwirtschaft geht bis in die Familien rein.

Landkreis Diepholz – „Es fährt jeder für seine Familie, es fährt jeder für seinen Hof.“ Als Dieter Rempe aus Wagenfeld erklärt, warum er mit Hunderten Landwirten kommende Woche erneut zur Demonstration nach Berlin fahren will, klingt er ernst. Ob Dreye, Hesel, Hannover oder Berlin: Die Forderungen der Landwirte sind die gleichen. Kostendeckende Preise, mehr Sichtbarkeit für lokale Erzeugnisse, Unterstützung bei der Agrarwende.

Bislang hat sich jedoch wenig getan. Das spüren die Landwirte jeden Tag. Nach kurzem Zögern gibt Rempe zu: „Das geht bis in die Familie rein.“

Landwirte üben Kritik an Agrarwende

60 Kilometer weiter nördlich betreibt Rainer Lammers in Stuhr-Seckenhausen ebenfalls einen ländlichen Betrieb – und auch er ist sauer. „Uns wird quasi alles genommen, was wir haben“, beklagt er. In keiner anderen Branche sei das so. Die Landwirte würden den Politikern doch auch nichts wegnehmen, so Lammers.

Konkret kritisiert der Landwirt etwa die Düngeverordnung und die roten Gebiete, die neue TA-Luft zur Filtrierung von Stall-Emissionen sowie das Thema Insektenschutz. Während manche Landwirte sich bei der Umsetzung dieser Umweltschutzmaßnahmen vor allem mehr Unterstützung wünschen, sieht Lammers an einigen Stellen gar keinen Handlungsbedarf. „Wir düngen nach Entzug der Pflanze“, erklärt er. So werde nie mehr gedüngt, als auch verbraucht werde. Dass Landwirte das Grundwasser belasten, sei „gar nicht bewiesen“.

Den beschriebenen Kreislauf lebe er auch auf seinem eigenen Hof. Gras, Mais und Getreide für seine Kühe produziere er komplett selber. Soja aus dem Ausland komme nicht zum Einsatz. „Besser kann man es gar nicht machen“, ist er sich sicher.

Verbraucher wollen „grüne Insel“

Dieter Rempe aus Wagenfeld gehört zu jenen Landwirten, die sich vor allem mehr Unterstützung seitens der Politik bei der Umsetzung der neuen Vorgaben wünschen. „Wir brauchen neue Rahmenbedingungen für unsere landwirtschaftlichen Produkte, damit wir die grüne Insel, die die Verbraucher wollen, auch finanzieren können“, sagt der Milchbauer.

Den Ausdruck „grüne Insel“ verwendet er vor allem in Abgrenzung zu landwirtschaftlichen Produkten aus dem Ausland. Dort seien die Standards in der Landwirtschaft oft deutlich niedriger. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn die, oft günstigeren, Produkte importiert werden und mit heimischen Erzeugnissen konkurrieren. Daher wollen die Landwirte sich nun für Herkunftsbezeichnungen auf den Produkten starkmachen.

Einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Berlin liegt dabei für viele am Montag in Wittenburg bei Hannover. Dort befindet sich eine Niederlassung des Lebensmittelkonzerns Dr. Oetker. Vor allem in Tiefkühlkost werde „gerne mal das ein oder andere reingemischt ohne Herkunftskennzeichnung“, so Rempe.

Kälber auf dem Hof von Landwirt Rainer Lammers in Stuhr-Seckenhausen. Die Milchpreise in Deutschland sind immer noch nicht kostendeckend. Landwirte müssen jeden Euro zweimal umdrehen.

Dagegen unternommen habe die Politik bislang wenig, beklagen die beiden. All die Verordnungen würden auf die Landwirte „einhacken“ und seien am Ende nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“, weil die Produkte dann aus dem Ausland kämen, so Lammers. Den deutschen Landwirten werde wiederum „immer wieder irgendwas zwischen die Beine geworfen“. Für ihn ist klar: „Irgendwas muss passieren. Sonst haben wir in zwei Jahren keine Landwirte mehr in Deutschland.“

Weil die Blockaden von Lebensmittelhändlern und die bisherigen Gespräche bislang wenig Wirkung gezeigt hätten, wollen die Landwirte nun ab Dienstag direkt vor dem Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin demonstrieren.

Irgendwas muss passieren. Sonst haben wir in zwei Jahren keine Landwirte mehr in Deutschland.

Rainer Lammers, Milchbauer aus Stuhr-Seckenhausen

Wichtig zu unterstreichen ist Rempe und Lammers dabei, dass die Landwirte alle aus eigenen Stücken dabei sind und nicht etwa ein großer Bauernverband hinter der Aktion stecke. Natürlich gebe es etwa den Milchdialog oder Land schafft Verbindung. Mit diesen Vereinigungen könne sich aber nicht jeder Landwirt identifizieren. Lammers übt vor allem an alteingesessenen Bauernverbänden deutliche Kritik. Die seien oft „ziemlich dicke“ mit der Politik, und: „Die machen nichts, nichts!“, ärgert er sich.

Die bundesweiten Proteste würden stattdessen vor allem von der Basis getragen, die dieses Mal gesammelt als „Bauern mit Stallgeruch“ auftrete, so Lammers. Er stellt klar: „Das haben wir uns alles selber erarbeitet. Das ist ein riesen Kraftakt.“

Landwirte suchen Mitstreiter

Dieter Rempe und Rainer Lammers hoffen, dass sich viele weitere Landwirte aus der Region der Demo anschließen. Losgehen soll es voraussichtlich am Sonntagabend. Montag planen einige Landwirte einen Stopp bei Dr. Oetker in Wittenburg. Ab Dienstag geht es nach einer Übernachtungspause vor den Toren Berlins am Bundeslandwirtschaftsministerium weiter. Wer sich anschließen möchte, kann sich telefonisch bei Dieter Rempe (0170/4829669) oder Rainer Lammers (0172/8330422) erkundigen.

Niedrige Preise treffen alle Landwirte gleichermaßen

14,3 Cent. So viel Geld bekommen Landwirte hier in der Region aktuell laut dem Milch Marker Index (MMI) zu wenig für ihren Liter Milch, so Milchbauer Dieter Rempe. Wer nun erwartet, im Bio-Segment sehe die Lage anders aus, den muss Rempe enttäuschen. „Die Kostenunterdeckung ist da die gleiche“, erklärt er. Zwar seien die Preise im Bio-Bereich höher, die Kosten allerdings auch. Die Differenz sei am Ende fast identisch mit der im konventionellen Bereich. Die Folge dieser Unterdeckung: Viele Landwirte müssen derzeit ihre eigenen Erzeugnisse privat bezuschussen.

Eine ähnlich prekäre Lage stelle sich aktuell auch bei den Schweinebauern dar, so Rempe. Die hätten nicht nur mit der Afrikanischen Schweinepest (ASP) zu kämpfen, sondern auch mit dem chinesischen Importstopp für deutsches Fleisch und der Corona-Pandemie samt geschlossener Schlachtfabriken. Der sogenannte „Schweinestau“ mache vielen Mästern gerade schwer zu schaffen.

Am Ende sei es die Summe der Ereignisse, die die Landwirte in die Knie zwinge, so Lammers. Eine der dringendsten Forderungen daher: „Wir brauchen vollkostendeckende Preise!“

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