Kritik am Umgang mit Eltern und Erziehern 

Erziehungsberechtigte stellen Grundsätze der Stuhrer Kinderbetreuung infrage

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Kinderbetreuung ist und bleibt ein großes Thema in der Gemeinde Stuhr.

Heiligenrode - Wenn in diesen Tagen die zweite Gruppe der neuen Kindertagesstätte Heiligenrode Klosterplatz ans Laufen kommt, schreien nicht alle Eltern „Hurra“. Sie waren davon ausgegangen, dass ihre Sprösslinge in der neuen Kita Blocken betreut werden. Und sie hatten sich lange darauf eingestellt – bis ihnen die Gemeinde im Dezember mitteilte, dass die Kita Blocken mangels Personal nicht wie geplant im Januar starten könne.

Es ist nicht so, dass die Eltern die Einrichtung an sich ablehnen. „Das ist nichts gegen die Erzieher oder die Kita-Leitung. Wir freuen uns auf die und stehen dem positiv gegenüber. Sie haben unser vollstes Vertrauen“, sagt ein Familienvater, der namentlich nicht genannt werden möchte. Seine Kritik und die weiterer Eltern richtet sich an die Gemeinde. Genauer: an die aus ihrer Sicht mangelhafte Planung der Verwaltung, die sie auch – aber nicht nur – an der jüngsten Entwicklung festmachen.

Kein Verständnis haben die Erziehungsberechtigten zum Beispiel dafür, dass die Gemeinde sie so kurzfristig über den Wechsel nach Heiligenrode unterrichtet hat. „Bescheide in allerletzter Sekunde: Da bleibt kaum eine Chance zu reagieren“, sagt der Familienvater. Er wie auch Jonathan Vogel beklagen den Umgang der Gemeinde mit den Eltern. „Noch Anfang Dezember habe ich mich im Rathaus erkundigt“, berichtet Vogel. „Da war noch keine Rede davon, dass wir nach Heiligenrode müssen. Ein paar Tage später kam es doch so.“ Für ihn spielt auch die Entfernung eine Rolle: „Das sind 7,5 Kilometer pro Fahrt. Und ob eine Familie ein Auto hat, wird nicht berücksichtigt.“

„Das sind Fehler im Vorfeld gemacht worden. Seit Jahren laufen Sachen schief“, sagt Marco Krückeberg und nennt die Zusammensetzung der Gruppe als Beispiel. Seine dreijährige Tochter komme in eine Gruppe mit lauter Dreijährigen. „Dabei sieht das Konzept der Gemeinde altersgemischte Gruppen vor. Wenn man mit dem Meldeamt zusammenarbeiten würde, hätte man das vor drei Jahren gewusst.“ Bei der aktuellen Zusammensetzung sei eine Erzieherin „durchgängig mit Windeln wechseln und ähnlichem beschäftigt“, fügt eine Mutter hinzu. Auch sie möchte anonym bleiben.

Als sehr problematisch werten die Eltern die Satzung für die Kindertagesstätten, wonach die Kinder in jedem Jahr neu für die Betreuung angemeldet werden müssen. „Wir wissen nicht, ob wir den Platz wiederbekommen, den wir einmal hatten“, sagt Vogel. Ohnehin stehe vielen Kindern nach den Sommerferien ein Wechsel bevor – nämlich dann, wenn sie von Heiligenrode zur dann in Betrieb gehenden Kita Blocken kommen.

Auf Kritik stößt auch der Umgang der Gemeinde mit ihren Erzieherinnen. „Uns sind zwei Pädagoginnen bekannt, die mehr arbeiten würden, aber für ihre Kinder nicht die dafür notwendigen Betreuungszeiten bekommen“, sagt Krückeberg. Grund sei auch hier die Satzung, wonach Erzieherinnen bei der Vergabe nicht bevorzugt werden dürfen. „Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels muss ich doch die Leute pudern, die ich habe.“ Für Erzieherinnen müsse generell mehr getan werden, „damit sie vernünftig arbeiten können“, sagt die Mutter und nennt ein Beispiel: „In Stuhr kann man nur eine Woche außerhalb der Schließungszeit Urlaub machen.“ Ihr Mann spricht von einem „antiquierten System. In anderen Gemeinden gibt es gar keine Schließzeiten mehr“.

Die Vergabekriterien seien generell fragwürdig, finden die Eltern. Von wegen Vereinbarkeit von Beruf und Familie: „Eine Frau könnte mehr arbeiten, bekommt aber keine zusätzliche Betreuungszeit, weil sie noch nicht genug arbeitet.“ Auch diese Unterschiede würden andere Gemeinden nicht machen.

Anhand solcher Kriterien zeige sich, dass es nicht um die Kinder gehe, findet Krückeberg. „Wer arbeitet wie viel? Danach werden die Plätze zugeteilt. Was das Kind braucht, spielt keine Rolle. Und spricht man die Gemeinde auf die Satzung an, heißt es: ,Wir können die nicht jedes Jahr ändern.’ Doch. Es ist mir egal, wie oft die Satzung geändert wird, wenn das Verbesserungen bewirkt.“

Er selbst habe sich mit seiner Frau für ein Familienmodell entschieden, in dem hauptsächlich er sich um die Kinder kümmere. Trotzdem habe er vor Jahren einen Acht-Stunden-Job angenommen, um die Voraussetzungen für eine Betreuung der älteren Tochter bis 14 Uhr zu erfüllen. „Man könnte sagen, ich habe mich von der Gemeinde zur Arbeit drängen lassen.“ Heute müsste er für die verlängerte Betreuungszeit sogar 15 Stunden arbeiten, doch für die ältere Tochter greift der in der Satzung verankerte Bestandsschutz. Davon profitiert auch die kleine Schwester die bis 14 Uhr die Kita Heiligenrode-Klosterplatz besucht. Das Problem: Wenn die Ältere im Sommer in die Schule wechselt, fällt der Bestandsschutz für die Kleine weg. „Da kann ich sehen, wie ich sie um 12 Uhr abhole, wenn ich bis 12 Uhr arbeite.“ Die Alternative sei, als Bittsteller beim Arbeitgeber vorzusprechen.

Nur eine Umstrukturierung, so der Tenor der Eltern, könne die Gemeinde in Sachen Kinderbetreuung voranbringen. Die Verwaltung will Teile ihrer Richtlinien überdenken (siehe Infokasten).

Das sagt die Verwaltung: „Vorrang für Erzieherinnen und Schließzeiten auf dem Prüfstand“

Kerstin Frohburg, Fachbereichsleiterin Bildung, Kultur und Freizeit, nimmt zur Kritik der Eltern Stellung. Das sagt sie zu folgenden Themen:

Kurzfristiger Bescheid über den Wechsel von Blocken nach Heiligenrode: „Das war für uns tatsächlich nicht absehbar. Wir hatten eine kurzfristige Krankmeldung, eine personelle Besetzung hat sich zerschlagen. Wir standen vor der Frage, wie wir überhaupt eine Betreuung auf die Beine gestellt bekommen.“

Keine altersgemischte Gruppe, Widerspruch zum Konzept der Gemeinde, Umsetzung nicht rechtzeitig geplant: „Es ist richtig, dass unser Konzept altersgemischte Gruppen beinhaltet. Doch bei einer komplett neuen Gruppe ist es oft so, dass sie aus gleichaltrigen Kindern besteht. Oft dauert es dann eine ganze Weile, bis sich ein starker Jahrgang auflöst. Jahre im Voraus eine altersgemischte Gruppe sukzessive aufbauen – das kann ich nur planen, wenn ich schon die Räume zur Verfügung habe. Das war in Blocken nicht der Fall.“

Per Satzungsänderung jährliche Anmeldung der Kinder und daraus resultierende Unsicherheit für die Eltern: „Die Sorge der Eltern, ihr Kind könnte im folgenden Kindergartenjahr in eine andere Einrichtung kommen, ist blanke Theorie. Diese Kinder haben vorrangig Anspruch auf diesen Platz. Streng genommen haben wir mit dieser Satzungsänderung nur unsere bisherige Praxis legitimiert. Mir sind nur drei Fälle bekannt, in denen das anders lief. Alle hingen mit der Schließung einer Nachmittagsgruppe in Seckenhausen zusammen, die Kinder kamen zur Jahnstraße in Brinkum. Das ist die absolute Ausnahme. Beim Übergang von der Krippe zur Kita kann das passieren. Oft rücken mehr Kinder hoch, als Kita- Plätze frei werden. In Varrel zum Beispiel haben wir ein reines Krippenhaus. Diese Kinder müssen auch eine Chance haben, wohnortnah betreut zu werden.“

Wegfallender Bestandsschutz für das Geschwisterkind, wenn das ältere Kind in die Schule kommt: „Der Bestandsschutz fällt für alle Eltern im kommenden Jahr weg. Wir haben ihn als Übergangsphase auf Wunsch der Eltern für das laufende Jahr aufgenommen.“

Vergabekriterien nach Arbeitszeit; längere Arbeitszeit nicht möglich wegen zu kurzer Betreuung des Kindes: „Richtig ist, dass wir den Eltern längere Betreuungszeiten geben wollen, die länger arbeiten. Wenn Eltern uns aber während der Gruppenplanung nachweisen, dass sie einen Arbeitsplatz in Aussicht haben oder sie länger arbeiten werden, dann akzeptieren und berücksichtigen wir das auch. Im laufenden Kindergartenjahr ist das allerdings davon abhängig, ob ein Platz frei ist. Im Zweifel ist das so kurzfristig nicht in derselben Einrichtung möglich. Sollte später ein Platz in der gewünschten Kita frei werden, bieten wir den Eltern diesen an.“

Erzieherinnen müssten bessere Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder haben: „Die Satzung gilt erst einmal für jeden, und das ist richtig so. Mir sind die beiden Erzieherinnen nicht bekannt, die länger arbeiten wollen und das nicht können. Als Arbeitgeber würde ich das gerne wissen, wenn wir die Plätze vergeben, und das so einrichten. Im laufenden Kita-Jahr kann ich keinem anderen Kind den Platz wegnehmen. Aber den Wunsch nach einem Vorrang für Beschäftigte habe ich aus dem Elternabend mitgenommen. Das ist in der rechtlichen Prüfung.“

Schließungszeiten sind antiquiert: „Manche Träger haben keine oder geringere Schließzeiten, das stimmt. Aus dem Kollegenkreis höre ich einerseits: ,Die drei Wochen im Sommer sind mir wichtig.‘ Ich muss aber zugeben, dass es auch Stimmen gibt, die eine flexiblere Urlaubsgewährung wünschen. Da noch mal hinzuschauen, steht auch auf der Agenda.“

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