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Krieg in der Ukraine verschärft den Fahrermangel in der Transportbranche

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Von: Gregor Hühne

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Autohof Stuhr-Groß Mackenstedt
Rasten und Reisen auf dem Shell-Autohof in Stuhr-Groß Mackenstedt. © Gregor Hühne

Die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine werfen einen langen Schatten. Stuhrer Spediteure geben Einblicke in die wachsenden Schwierigkeiten der Transportbranche. Hohe Treibstoffpreise und der zunehmende Fahrermangel belasten das Geschäft. Ein Grund ist, dass ukrainische Fernfahrer ihre Heimat verteidigen, statt Lkw zu fahren.

Stuhr – Explodierende Treibstoffpreise an der Tanksäule und Bomben in der Ukraine: Der russische Angriffskrieg treibt die Kosten in der Transportbranche in die Höhe und verschärft den Fahrermangel. Das betrifft auch Speditionen in der Gemeinde Stuhr.

Dennis Braun, stellvertretender Geschäftsführer der Spedition OCS, berichtet aus seiner praktischen Erfahrung. Die angefragten Stuhrer Speditionen Donzelmann und H&H Logistics standen für ein Gespräch nicht zur Verfügung.

Zunächst ist da der Fahrermangel zu nennen, der indes kein neues Phänomen sei. Laut Braun gingen Schätzungen in der Branche davon aus, dass allein in Deutschland 70.000 Fahrer fehlten. „Einige Monate vor dem Ausbruch des Ukrainekriegs habe ich Berichte gelesen, dass auch in Polen mehrere 10.000 Fahrer fehlen würden“, ergänzt er. Viele ukrainische Fahrer seien derweil zurück in ihre Heimat gefahren. So gehe die Branche aktuell davon aus, dass deshalb rund 100.000 ukrainische Fahrer nicht zur Verfügung stünden, so Braun.

„Den Fahrermangel erleben wir nicht in der Form, dass unsere eigenen Fahrzeuge nicht bewegt werden können, sondern dass unsere Geschäftspartner einfach nicht mehr die benötigten Kapazitäten stellen können“, sagt Braun. Die Spedition OCS besitze keine eigenen Fahrzeuge und beschäftige keine eigenen Fahrer, jedoch: „Wir arbeiten mit vielen Geschäftspartnern in Polen, die einen eigenen Fuhrpark besitzen“, so der Spediteur.

Hohe Kraftstoffpreise belasten das Geschäft

„Mit den parallel extrem gestiegenen Treibstoffkosten haben wir einen weiteren Treiber von Frachtpreisen“, führt Braun aus. Demnach lägen die Kosten für Lkw-Diesel ähnlich hoch wie die Personalkosten. Das Resultat seien höhere Kosten in der Transportbranche, die weitergegeben werden. „Preisanpassungen waren größtenteils möglich und wurden gut akzeptiert“, findet Braun, viele Kunden zeigten Verständnis dafür.

„Zu Spitzenzeiten, als der Diesel über zwei Euro gekostet hat, haben die Mehrkosten auf einer Strecke von 1 .000 Kilometern rund 200 Euro betragen. So eine extreme Preissteigerung kann man in unserer Branche nur wirklich sehr kurz verkraften, ohne gleichzeitig seine Preise zu erhöhen“, schildert der stellvertretende Geschäftsführer.

Dennis Braun halte den Transport von Gütern dennoch für zu günstig: „Wie wichtig das Thema Logistik ist, haben wir im vergangenen Jahr erlebt – Engpässe in Supermärkten eingeschlossen.“ Reibungslose Logistik müsse langfristig teurer werden, ist er überzeugt.

Das Thema Corona spiele indes keine große Rolle mehr. Braun erinnert sich, dass in der Vergangenheit die 3G-Regel an einigen Ladestellen teilweise besonders streng gehandhabt wurde. Und zwar insofern, dass russische Fahrer mit dem Impfnachweis ihrer russischen Impfung nicht akzeptiert worden seien. „Sie mussten einen Test vorweisen, was allerdings schnell in die Routine überging und nur wenige Wochen für erhöhten Aufwand gesorgt hat“, schildert er. Aktuell wiege viel schwerer, dass Geschäftspartner zu wenig verfügbare Mitarbeiter hätten, da sich viele von ihnen in einer Corona-Quarantäne befänden.

Und der Transportverkehr nach Osteuropa? „Wir befördern weiterhin Ware in die westlichen Gebiete der Ukraine. Die Bevölkerung muss schlussendlich versorgt werden“, sagt Braun: Dabei meide die Spedition OCS die stark umkämpften Gebiete in der Ukraine. „Die östlichen Gebiete meiden wir bereits seit Beginn der Eskalation im Jahr 2014.“

Wochenendpausen werden ignoriert

„Da wir keinen eigenen Fuhrpark besitzen, obliegt uns die Organisation der sogenannten Wochenendpausen der Fahrer nicht“, sagt Braun. „Wir wissen aber, dass bis Anfang Februar diese Regelung eigentlich komplett ignoriert wurde.“ Es sei so, dass Fahrer im Prinzip auf frischer Tat ertappt werden müssten. Nachträglich sei es laut Braun so gut wie unmöglich, dass die Missachtung geahndet werde. Das neue Gesetz über die Novellierung der Wochenendpausen, das seit Februar gelte, sei „extrem komplex beschrieben“.

Laut Braun seien sich selbst Experten nicht sicher, ob die Neuerung etwas verändern werde. „Soweit ich es verstanden habe, muss die Missachtung im Land des Frachtführers geahndet werden“, sagt Braun. Er geht nicht davon aus, dass es einen Nutzen haben werde. „Ich glaube, es wurden zu viele Kompromisse beschlossen und es ist zu komplex.“

Schwerlast-Transporte auch betroffen

„Die Probleme sind riesengroß“, fasst eine Transportmanagerin der Schwerlast-Spedition Többe zusammen, die namentlich nicht zitiert werden möchte. Das Unternehmen aus Meppen ist mit einer Niederlassung in der Gemeinde Stuhr vertreten und fährt Transporte unter anderem nach Russland und in die ehemaligen GUS-Staaten fährt. Fahrzeuge könnten noch hin und zurück fahren, aber die Wartezeiten seien länger geworden. „Der Wahnsinn geht eigentlich schon seit Corona so. Die Häfen sind voll, wir können nicht einfach zu den Landestellen, haben lange Wartezeiten, Lieferungen verzögern sich und wir müssen Transporte verschieben“, sagt sie – beispielsweise von Kalenderwoche 15 auf Kalenderwoche 29, dazwischen lägen dann fünf Preisänderungen beim Treibstoff. Verlässliche Kalkulationen seien daher schwierig, berichtet sie, und weiter: „Wir hatten zuletzt eine Frachtanpassung von zehn Prozent wegen der gestiegenen Kraftstoffpreise.“

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