„Mittagstisch - nicht nur für Senioren“

Das kostenfreie Taxi zum Hähnchenfilet mit Curryreis

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Drei der ehrenamtlichen Fahrer, die die nicht mobilen Gäste des „Mittagstischs – nicht nur für Senioren“ von zu Hause abholen: (v.l.) Günter Meyer, Kurt Künnemann und Michael Lampe. 

Brinkum - Von Andreas Hapke. „Nächster Halt: Kantine“ – mit diesen Worten entlässt Michael Lampe seine Fahrgäste am Nebeneingang des Brinkumer Mehrgenerationenhauses (MGH). Während das ältere Ehepaar und der gleichermaßen betagte Herr bald am Mittagstisch sitzen, macht sich Lampe wieder auf den Weg. Auf seiner zweiten Tour muss er noch zwei Seniorinnen abholen. Sie haben sich ebenfalls für das Hähnchenfilet mit Curryreis inklusive Fahrdienst angemeldet.

Der 61-Jährige ist einer von sechs Ehrenamtlichen, die die nicht mobilen Gäste des Mittagstischs von zu Hause abholen und anschließend wieder dorthin zurückbringen. Dafür nutzen sie das eigene Auto, erhalten im Gegenzug Kilometergeld und eine Versicherungspauschale. „Durch ihren Einsatz sollen ihnen keine Kosten entstehen“, erklärt MGH-Leiterin Daniela Gräf. Für die Besucher ist der Service kostenfrei. „Es sei denn, die Leute kommen von weiter weg, etwa aus Varrel. Dann nehmen wir einen kleinen Obulus. Wir könnten es sonst nicht finanzieren.“

Was soll ich mit meiner freien Zeit anfangen? Diese Frage hat sich der ehemalige Controller Lampe in der Freistellungsphase seiner Altersteilzeit gestellt. „Die Decken fällt einem auf den Kopf, die sozialen Kontakte fehlen“, sagt er. Auf das MGH ist er bei der Ehrenamtsmesse im vergangeen Herbst gestoßen. Er ist seit November dabei und somit das „Küken“ unter den Fahrern. Am längsten, seit September 2009, sitzt Astrid Kaluza hinterm Steuer. Heide Sagehorn, Kurt Künnemann Günter Meyer und Rolf Neuner komplettieren das Team. Außer Neuner als Sonderfahrer für einen Gast aus Varrel haben sie sich die Woche untereinander aufgeteilt.

„In Gesellschaft schmeckt das Essen viel besser“

Michael Lampe ist für freitags eingetragen und hat sich bereit erklärt, auf der Rückbank den Redakteur der Kreiszeitung mitzunehmen. Sehr zum Bedauern eines Stammgastes, der nach eigener Auskunft „sonst immer zwischen oder neben zwei Frauen“ sitzen darf. Und jetzt das – ausgerechnet am letzten Tag vor dem Wochenende. „Da kriege ich doch sonst schon Entzugserscheinungen“, sagt der rüstige Rentner und betont auf Nachfrage: „Nicht nur von den Frauen, sondern auch vom Essen.“

Das lassen sich die Teilnehmer immer schmecken, ganz gleich, was auf den Tisch kommen. Nur ganz selten munde mal etwas nicht, was Köchin Claudia Willen zubereite, sagt eine Brinkumerin während der zweiten Runde. Warum sie den Mittagstisch besucht? „Für mich alleine zu kochen, das lohnt nicht, und in Gesellschaft schmeckt das Essen viel besser.“

Auf dieser Tour ist der Beifahrersitz reserviert für eine gehbehinderte Dame, deren Rollator Lampe routiniert im Kofferraum verstaut. Er kennt das schon, denn die meisten Mitfahrer nehmen den Service die ganze Woche in Anspruch. „Fahr doch mal auf den Hof. Ich weiß nicht, ob ich das Badezimmerfenster geschlossen habe“, bittet die Frau. Tatsächlich steht das Fenster sperrangelweit offen. Lampe eilt noch einmal ins Haus und schließt es.

„Wir sind alle sehr kommunikativ“

Solche Sachen erleben die Fahrer häufiger, wie sie in einem Gespräch mit der Kreiszeitung berichten. Sie holen die Post aus dem Briefkasten, und auf Wunsch machen sie auch mal einen Umweg, um ihre Insassen beim Friseur oder bei der Sparkasse abzusetzen. „Zum Teil kennen wir die Familiengeschichten auswendig. Wo sich der Sohn aufhält, wo die Tochter lebt. Aber sonst wäre es auch langweilig im Auto“, sagt Meyer. „Alle schütten uns ihr Herz aus, aber natürlich sollen wir auch von uns erzählen“, fügt Künnemann hinzu. „Schnacken gehört dazu. Wir sind alle sehr kommunikativ.“

Ähnlich wie Lampe wollte der jetzt 66-Jährige nach seinem Job als Logistikleiter „etwas für andere tun“. Seine Frau habe ihn ans MGH verwiesen. „Damit war die Sache schon gelaufen. Mittwoch noch Beifahrer, drei Tage später alleine unterwegs.“ So schnell geht das. Bereut hat er das nicht: „Es macht sehr viel Spaß. Man gibt etwas und bekommt etwas zurück.“

„Wenn wir die Menschen nicht holen, ist bei einigen der nächste Schritt das Heim“, sagt Gräf. „Wir ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe.“ Meyer (71) glaubt, dass die Teilnehmer genauso gerne Auto fahren wie Mittag essen. „Sie sehen mal etwas anderes, schauen sich die Landschaft an.“

Und anschließend eine Tasse Kaffee

Während die Gäste bei Speis und Trank zusammensitzen, machen sich die Fahrer nützlich: Sie liefern bestellte Mahlzeiten an den Verein Pro Dem – zu Fuß an die Bremer Straße zwei Häuser weiter und mit dem Auto zur Bahnhofstraße. Lampe spricht von „Essen auf Rädern“. Wenn sie zurückkommen, bleibt noch Zeit für einen Kaffee und dafür, „den Damen im Büro des MGH auf den Wecker zu gehen“ (Künnemann).

Dass sie selbst nicht am Mittagstisch sitzen, finden die Ehrenamtlichen nicht weiter schlimm. Meyer kocht ohnehin gerne selber, Lampe lässt sich höchstens mal etwas einpacken, und Künnemann zieht es an den heimischen Küchentisch. „Meine Frau“, sagt er, „wäre sauer, wenn sie alleine essen müsste.“

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