Plattdeutscher Stammtisch im MGH feiert seinen zehnten Geburtstag und liegt im Trend

Kiek mol wedder rin

Geburtstag in der Backstube des Mehrgenerationenhauses: Die Organisatorinnen des plattdeutschen Stammtischs, Ursula Demoliner (l.) und Ulrike Dunkhase-Niemeyer, nehmen den Plattdeutsch-Profi Klaus Nowicki in ihre Mitte. Foto: Rainer Jysch

Brinkum - Von Andreas Hapke. Mittwoch war ein guter Tag für die plattdeutsche (niederdeutsche) Sprache: Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat sieben Schulen als „Plattdeutsche Schulen“ ausgezeichnet, bei sieben weiteren wurde dieser Titel verlängert. Dass der plattdeutsche Stammtisch im Brinkumer Mehrgenerationenhaus am selben Tag seinen zehnten Geburtstag feierte, war rein zufällig, passte aber trotzdem wie die Faust aufs Auge. Ein Gespräch über dütt un datt mit den beiden Organisatorinenn des Stammtischs, Ulrike Dunkhase-Niemeyer und Ursula Demoliner.

Frau Dunkhase-Niemeyer, Frau Demoliner, Hand aufs Herz: Hätten Sie bei der Gründung des plattdeutschen Stammtischs gedacht, dass es den auch in zehn Jahren noch geben würde?

Dunkhase-Niemeyer: Nein, überhaupt nicht. Nicht in der Form. Wir sind im Schnitt immer 20 Leute, auch wenn heute zum Geburtstag 29 gekommen sind. Ich finde das unglaublich. Das Treffen ist zu einem Erfolgsprojekt geworden. Wir sind sehr überrascht.

Bringen Sie Ihre Freude doch mal auf Plattdeutsch zum Ausdruck.

Demoliner: Wi freit us, datt wi us tein Johr kenn doot.

Wie sind Sie selbst mit der plattdeutschen Sprache in Berührung gekommen?

Dunkhase-Niemeyer: Ich bin auf dem Bauernhof groß geworden. Meine Eltern, Großeltern und die Angestellten haben untereinander immer Plattdeutsch gesprochen. Nur mit mir nicht. Wegen der Schule haben sich alle mit mir auf Hochdeutsch unterhalten. Dabei fand ich Plattdeutsch immer toll.

Demoliner: Mir ging es ähnlich. Meine Großeltern sprachen Plattdeutsch, mein Vater, der Lehrer war, sogar ganz hervorragend. Mit uns Kindern aber lief die Kommunikation auf Hochdeutsch. Warum eigentlich? Kinder können doch zwei- oder mehrsprachig aufwachsen. Da ist Plattdeutsch nichts anderes als Englisch. Plattdeutsch ist eine bodenständige Sprache, derer man sich nicht schämen muss.

Was genau ist denn so toll an der plattdeutschen Sprache?

Dunkhase-Niemeyer: Man kann mit weniger Worten viel mehr ausdrücken. Plattdeutsch hört sich außerdemgemütlicher, gefälliger an. Nachrichten auf Platt kommen einem nicht so schrecklich vor.

Demoliner: Für mich bedeutet Platt auch Erinnerungen an früher, an meine Oma. Platt ist schlichter und kürzer. Da wird nicht so viel gesabbelt.

Wie entstand denn die Idee zu dem Kurs?

Demoliner: Das ist kein Kurs, denn als Kurs würde ein gewisser Druck entstehen. Das ist ein offenes Treffen. Manche kommen immer, andere auch mal nicht. Es gibt immer eine gewisse Fluktuation, aber wir haben auch dann und wann mal Neuzugänge.

Okay, wie entstand die Idee zu dem Treffen?

Dunkhase-Niemeyer: Damals ging es darum, das Mehrgenerationenhaus mit Leben zu füllen. Welche Projekte kann man anbieten? Weil mich Plattdeutsch begeistert, kamen wir auf die Idee, es mal damit zu probieren. Es gab nur einen kurzen Artikel in der Zeitung, trotzdem waren direkt zehn, zwölf Leute da.

Demoliner: Wichtig ist der soziale Aspekt. Die Menschen kommen im Alter unter Leute. Das war und ist ja auch der Grundgedanke des MGH. Die Teilnehmer fühlen sich hier wohl. Darin sehen wir die Erfüllung unseres Tuns.

Dunkhase-Niemeyer: Das Treffen tut den Teilnehmern gut. Alle gehen zufrieden nach Hause.

Womit beschäftigen Sie sich bei den Treffen?

Dunkhase-Niemeyer: Es wird sehr viel vorgelesen. Klaus Nowicki, ehemals Schauspieler der niederdeutschen Bühne, zum Beispiel liest regelmäßig aus Büchern vor. Ein ganzes Jahr lang hat er aus „Öttjen Alldag“ vorgelesen (Titelfigur eines Romans von dem Bremer plattdeutschen Schriftsteller Georg Droste, die Red.). Zwischendurch singen wir auch mal ein schönes Lied. Wir gucken plattdeutsche Filme, und es wird geklönt.

Demoliner: Das sind nicht immer nur lustige Geschichten. Die Teilnehmer erzählen einfach, was sie erlebt haben.

Dunkhase-Niemeyer: Außerdem gibt es drei Höhepunkte im Jahr: Grünkohl kochen im Februar, den Grillabend im Sommer und die Weihnachtsfeier.

Demoliner: Mit Kartoffelsalat und Würstchen, wie von allen mehrheitlich gewünscht.

Plattdeutsch gibt es ja in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Sprechen Sie alle dieselbe Sprache?

Dunkhase-Niemeyer: Nein, aber für unser Treffen spielt das überhaupt keine Rolle. Jeder schnackt so, wie er will.

Demoliner: Es gibt eine Lautverschiebung von Ost nach West, von Norden nach Süden. Schon in Brake und Bremen ist das Platt unterschiedlich. Aber das ist kein Thema. Es gibt ja auch Wörterbücher.

Dunkhase-Niemeyer: Ich habe ein Buch, „Brinkumer Dörpgeschichten“, und das Platt ist nochmal anders.

Wäre Ihr Treffen auch etwas für einen Anfänger wie mich?

Demoliner: Ja. Aber Sie müssen bedenken, dass Sie bei uns kein Plattdeutsch lernen. Das ist kein Unterricht.

Dunkhase-Niemeyer: Sie müssten schon zu Hause zusätzlich lesen oder hören.

Spielt Plattdeutsch auch außerhalb der Treffen eine Rolle für Sie?

Dunkhase-Niemeyer: Eher weniger. Ich höre täglich um 10.30 Uhr die plattdeutschen Nachrichten, gucke gelegentlich „Neues aus Büttenwarder“ oder einen plattdeutschen Film mit meinem Mann. Der spricht ganz hervorragend Platt. Er hat im Landmaschinenhandel gearbeitet, da ging es gar nicht ohne. Auf Platt laufen Verkaufsverhandlungen besser.

Wie werten Sie die Bestrebungen der Politik, Platt noch mehr in der Schule zu verankern?

Dunkhase-Niemeyer: Also ich finde das klasse. Ich komme selbst aus dem Schuldienst, damals gab es hier und da mal einen Kurs. Das war nicht konsequent. Es muss mehr passieren, damit die Sprache nicht verloren geht.

Demoliner: Früher war das in der Schule verpönt. Aber ich finde, Plattdeutsch ist ein Kulturgut.

Was wünschen Sie sich für Ihr Treffen?

Demoliner: Auf jeden Fall auch ein paar jüngere Leute. Dunkhase-Niemeyer: Heute ist mal einer unter 50 Jahren dabei. Sonst sind wir 60plus.

Zum Schluss möchte ich von Ihnen auf Platt hören, dass es Sie in zehn Jahren immer noch gibt.

Demoliner: Wi sind in tein Johr ok noch hier.

Dunkhase-Niemeyer: Kiek mol wedder rin!

Information

Der plattdeutsche Stammtisch trifft sich an jedem ersten Mittwoch im Monat um 18 Uhr in der historischen Backstube des MHG.

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