Mühsam nährt sich der Beschicker

Keine großen Jahrmärkte: Stuhrer Schausteller setzen auf alternative Veranstaltungen

Heiko Fortmanns Weser-Grill vor dem Harley-Davidson-Geschäft an der Hauptstraße in Seckenhausen.
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Mit diesem Grill vor dem Harley-Davidson-Geschäft an der Hauptstraße in Seckenhausen hat der Heiligenroder Schausteller Heiko Fortmann kürzlich einen zweiten mobilen Imbiss eröffnet.

Es sind nicht die ganz großen Jahrmärkte, die im Sommer im Terminkalender der hiesigen Schausteller stehen. Aus einem ganz einfachen Grund: Sie gibt es auch in diesem Jahr wegen Corona nicht. Veranstalter und Beschicker haben aus 2020 gelernt und Alternativen aus der Schublade gezogen. Mobile Freizeitparks gehören dazu. 

Stuhr – Lang ist’s her, dass Schaustellerin Martina Fortmann auf WhatsApp den Aufbruch zu einer Veranstaltung verkünden durfte. Doch kürzlich war es so weit. Entsprechend groß war die Vorfreude bei der Herzenmalerin aus Heiligenrode. Vom kommenden Donnerstag an bis zum 25. Juli steht sie mit ihrem neuen, vier Meter längeren Fahrgeschäft in dem mobilen Freizeitpark in Goslar. Drei Wochen und vor allem vier Wochenenden darf sie endlich wieder ihren Job als Beschickerin auf Großveranstaltungen nachgehen.

Es sind nicht die ganz großen Jahrmärkte, die im Sommer im Terminkalender stehen. Schließlich fallen der Stoppelmarkt in Vechta und der Heiratsmarkt in Bruchhausen-Vilsen, wie schon im vergangenen Jahr, der Pandemie zum Opfer. Ein zweites Mal in Folge muss auch der Verband Hannoverscher Schützenvereine sein Schützenfest, immerhin das größte der Welt, absagen. Dort hätte Martina Fortmann ab kommendem Freitag eigentlich gestanden.

Viele Veranstalter und Schausteller haben aus 2020 gelernt und alternative Events aus der Schublade gezogen. Beispiel Goslar, wo eines der größten Schützenfeste Niedersachsens ebenfalls schon zum zweiten Mal in Folge wegen Corona ausfällt und durch den mobilen Freizeitpark ersetzt wird. Der Terminplan – geöffnet ist immer donnerstags bis sonntags – erlaubt es Martina Fortmann, zwischen Heiligenrode und Goslar zu pendeln und zu Beginn der Woche ihrem Teilzeitjob in der Lagerverwaltung einer Seckenhauser Firma nachzugehen.

Herzensmalerei: Verkauf zuletzt nur im Online-Shop

Die Waren im Fahrgeschäft verstauen, Schläuche für die Wasserversorgung einpacken, die üblichen Vorbereitungen eben, bevor es losgeht in Richtung Großveranstaltung – das hat Martina Fortmann in den vergangenen fast eineinhalb Jahren vermisst. Und natürlich auch den persönlichen Kontakt zu den Menschen sowie die Einnahmen aus den Veranstaltungen. Ihre mit individuellen Botschaften beschrifteten Lebkuchenherzen hat sie zuletzt nur über ihren Online-Shop verkauft. „Die Berichterstattung in der Presse hat der Sache zwar vorübergehend einen Schub gegeben, doch das ganz große Geld kommt nicht dabei herum“, sagt die Heiligenroderin. Sie hofft nun, „dass es im Oktober richtig losgeht“. Fest im Terminkalender steht zum Beispiel der (geplante) Sendmarkt vom 23. bis 31. Oktober in Münster, die größte Kirmes im Münsterland. Seit Beginn ihrer Herzensmalerei vor mehr als zehn Jahren ist Martina Fortmann dort vertreten.

Auch Schausteller Maik Landsmann aus Varrel setzt auf eine Alternativveranstaltung: auf die Sommerwiese vom 23. Juli bis 8. August auf der Bremer Bürgerweide. Sie gilt als Ersatz für die traditionelle und im Frühjahr ausgefallene Osterwiese. In Bremen ist Landsmann mit einem Fisch- und einem Mandelwagen vertreten. „Wir wissen aber nicht, ob die Sommerwiese gut wird und was wir da verdienen. Das kann man jetzt noch gar nicht sagen.“

Hinter dem Schausteller liegt eine schwierige Zeit, die er mit den Corona-Hilfen des Bundes mehr schlecht als recht überstanden hat. „Die decken die rein betrieblichen Ausgaben. Aber wir müssen auch unseren Kühlschrank füllen, die Fahrzeuge müssen zum Tüv, die Versicherungen laufen weiter.“ Ausnahme: Eine Lebensversicherung habe er aufgelöst, um über die Runden zu kommen. „Die war eigentlich für etwas anderes geplant.“

Den anfänglichen Drive-in-Mandelverkauf auf seinem Grundstück an der Schulstraße in Varrel hat er längst eingestellt. „Mandeln gibt es gerade überall“, sagt Landsmann. Über Wasser gehalten habe ihn und seine Familie das während Corona neu gegründete zweite Standbein: der Fischladen im Marktkauf an der Henleinstraße in Brinkum-Nord. Das Geschäft „läuft jetzt gut. Seit einigen Tagen kann man sich bei mir ja wieder hinsetzen“.

Zusage nur für den Kramermarkt

Wie es in Sachen Veranstaltungen nach der Sommerwiese für ihn weitergeht, weiß Landsmann noch nicht. Lediglich für den Kramermarkt in der Oldenburger Innenstadt liege ihm eine Zusage vor. Sofern es das Infektionsgeschehen zulässt, läuft die Veranstaltung vom 1. bis zum 10. Oktober.

Einen überschaubaren Terminkalender hat zurzeit auch der Heiligenroder Beschicker Heiko Fortmann. „Ich habe noch nicht viel auf dem Zettel, mit dem ich fest planen kann“, sagt er. Fest gebucht ist er mit einem Fischwagen für das Sommer-Open-Air des Weyher Theaters auf dem Kirchweyher Marktplatz, das am kommenden Freitag beginnt. Was den abgesagten Brokser Heiratsmarkt angeht, hofft Fortmann wieder auf einen von den Schaustellern organisierten Pop-up-Freizeitpark. Im September 2020 hatte Fortmann daran teilgenommen. Niemand wisse, ob eine vierte oder fünfte Welle kommt, sagt der Beschicker. Er gehe davon aus, „dass alles bis einschließlich Freimarkt (im Oktober, die Red.) nur unter Auflagen stattfinden kann“.

Ähnlich wie Landsmann hat auch Fortmann während Corona ein neues Geschäftsfeld erschlossen: Nach dem zu Beginn der Pandemie eröffneten Imbissverkauf auf dem eigenen Grundstück an der Heiligenroder Straße von Mittwoch bis Sonntag hat er kürzlich einen mobilen Grill vor dem Harley-Davidson-Geschäft an der Hauptstraße in Seckenhausen aufgestellt, der nur sonntags geschlossen ist. „Damit habe ich wieder eine Sieben-Tage-Woche“, sagt Fortmann und fügt hinzu: „Ein Imbiss allein kann eine große Firma mit diesem Fuhrpark nicht tragen. Ich konnte die Ausfälle nicht auffangen. Ohne Corona-Hilfen hätte ich jetzt ein dickes Minus.“ Er habe lediglich seine Stammkräfte halten können.

Auch deshalb würde der Heiligenroder ein Vor-Corona-Jahr mit mehr als 100 Veranstaltungen gar nicht mehr schaffen. „Es sei denn, ich stampfe einen Imbiss ein. Doch das mache ich nicht.“ Er wolle aber künftig versuchen, beides so gut wie möglich parallel laufen zu lassen. Für ihn steht fest: „Wenn man die Erweiterungen und das reguläre Geschäft nach Corona zusammenbringen kann, zählt man sogar zu den Gewinnern der Pandemie.“

Von Andreas Hapke

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