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Initiative setzt sich für faire Fernwärmepreise in Briseck ein

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Von: Andreas Hapke

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Bringen sich vor dem Blockheizkraftwerk in Stellung: Dirk Schünemann, Rüdiger Scheel, Stefan Küker und Jan-Alfred Meyer-Diekena kämpfen wieder für faire Fernwärmepreise.
Bringen sich vor dem Blockheizkraftwerk in Stellung: Dirk Schünemann, Rüdiger Scheel, Stefan Küker und Jan-Alfred Meyer-Diekena kämpfen wieder für faire Fernwärmepreise. © Andreas Hapke

Nach achtjähriger Pause ist die Initiative für faire Fernwärmepreise Briseck wieder aktiv. Sie möchte den Energieversorger Avacon Natur dazu bewegen, die Berechnungsformel für den Preis zu ändern. Denn der sei bald unbezahlbar, befürchtet die Initiative. Sie zieht den Ausstieg aus der Fernwärme in Erwägung.

Brinkum – Die Interessengemeinschaft für faire Fernwärmepreise Briseck hatte sich vor acht Jahren gegründet, um bei dem damaligen Versorger swb bessere Konditionen für die 540 betroffenen Haushalte auszuhandeln. Mit Erfolg: Nach dem Abschluss neuer Verträge zahlten 489 Bewohner deutlich weniger für Fernwärme. Dass sie noch mal in dieser Sache tätig werden würden, hätten die Gründer wohl nicht gedacht. Doch genau so ist es gekommen.

Heute wie damals kritisiert die Initiative die Preisbildung für die abgenommene Energie. Nur dass der Versorger seit Anfang Juli vergangenen Jahres Avacon Natur heißt. Das Unternehmen hatte sich bei der Konzessionsvergabe durchgesetzt und ist jetzt für die Erzeugung und Lieferung der Fernwärme verantwortlich. Bis dahin waren die Zuständigkeiten geteilt: Die Avacon hatte die Wärme produziert, an die Haushalte geliefert hatte sie die swb. Mit der hatten die Kunden auch den Verbrauch abgerechnet.

Initiative befürchtet satte Nachzahlungen

Die Avacon Natur hatte den Zuschlag für die Konzession unter anderem wegen ihrer Preisgestaltung erhalten. Dieses Vergabekriterium hatte die Gemeinde mit 60 Prozent bewertet. Doch schon nach dem ersten Abrechnungsjahr befürchten Rüdiger Scheel und seine Mitstreiter Stefan Küker, Dirk Schünemann und Jan-Alfred Meyer-Diekena, dass satte Nachzahlungen fällig werden. Noch sind den Bewohnern die Briefe nicht ins Haus geflattert.

Tatsächlich hätten sich bei der Avacon bis zur Übernahme der Konzession günstigere Preise ergeben, sagt Scheel. Seitdem allerdings sei der Arbeitspreis, der im Gegensatz zum Grundpreis an den Verbrauch gekoppelt ist, gestiegen. Im ersten Abrechnungsjahr belaufe sich diese Steigerung auf 226 Prozent. Dies entspreche fast dem dreifachen Börsenpreis. „Ein halbes Jahr weiter sind es 544 Prozent“, sagt Scheel. „Die Werte bis zum dritten Quartal sind sicher. Die Avacon hat sie ja selbst veröffentlicht. Und auch bis zum vierten Quartal kennen wir die Größenordnung“, behauptet Scheel.

Steigerung des Arbeitspreises um 101 Prozent

Ein Erdgaskunde der swb müsse zwischen Anfang Februar und Anfang Juli 2022 (fünf Monate) eine Steigerung des Arbeitspreises von 18 Prozent hinnehmen, ein Fernwärme-Kunde in Briseck zwischen Anfang Januar und Anfang Juli (sechs Monate) 101 Prozent. Schon vor acht Jahren ging der Initiative gegen den Strich, das Erdgaskunden besser dastanden als die Abnehmer der Fernwärme. Damals hatte die swb die Verbrauchsgebühr für die Fernwärme ausschließlich auf der Basis des Preises für leichtes Heizöl ermittelt. Nach Einschreiten der Initiative floss auch der Preis für Erdgas in die Berechnung ein. Damit lagen die Gebühren auf demselben Niveau, die Kritik war vom Tisch.

Natürlich weiß die Initiative um die aktuell explodierenden Preise für Energie an der Börse. „Abartig“ nennt sie das. Bei der Gestaltung der Berechnungsformel habe das niemand auf dem Schirm haben können. Gerade deshalb geht es den Mitgliedern darum, die Formel jetzt zu ändern. Mit Vorwürfen halten sie sich zurück. „Die Avacon Natur verhält sich gesetzeskonform“, betont Jan-Alfred Meyer-Diekena. „Wir haben zwar einen dicken Hals, aber versuchen, sachlich zu argumentieren.“

CO2-Preis liegt dreifach über dem von Erdgas

Was läuft diesmal schief? Da wäre zum Beispiel der CO2-Preis, der dreifach über dem von Erdgas liege, rechnet die Initiative vor. „Für sämtliche Energie, die ins Blockheizkraftwerk fließt, zahlen wir den CO2-Preis“, sagt Scheel. Doch nur ein Drittel der eingesetzten Energie lande beim Wärmekunden. Mitstreiter Schünemann fügt hinzu: „Das BHKW soll Strom erzeugen. Den bekommen wir aber gar nicht. Wir bekommen nur die Wärme.“ Gleichwohl zahlt der Fernwärme-Kunde laut Initiative den kompletten Anteil des CO2-Preises, der auf die Stromerzeugung entfällt. Hier wünschen sich Scheel & Co. eine „verursachergerechte“ Aufteilung.

Ein weiterer Kritikpunkt: Für den Ertrag des im BHKW produzierten – und von ihnen nicht genutzten – Stroms erhalten die Fernwärmekunden eine Art Ausgleichszahlung, die sogenannte Strompreisstütze. Sie beträgt seit Übernahme der Konzession durch die Avacon Natur 2,17 Cent pro Kilowattstunde. Doch auch der Preis für Strom sei an der Börse explodiert. Dieser zusätzliche Ertrag müsse auf den Fernwärmepreis angerechnet werden, verlangt die Initiative. Die Strompreisstütze müsse sich dynamisch anpassen. „Wir wollen davon profitieren, wenn der Strompreis steigt“, fordert Schünemann.

Rückkehr zu den alten Gebühren ist nicht zu erwarten

Eine Rückkehr zu den alten Gebühren sei nicht zu erwarten, sagt Scheel. Im Gegenteil: Die Initiative befürchtet, dass die Beheizungspreise bald unbezahlbar sind. „Es gibt Anwohner, die erwägen auszusteigen“, berichtet Scheel. Sollte die Avacon Natur den Haushalten nicht entgegenkommen, gebe es eine Alternative: in den kommenden neun Jahren – so lange laufen die Verträge noch – nur den Grundpreis zu zahlen und zum Beispiel eine Wärmepumpe zu installieren. „Die dürfte sich schnell amortisiert haben.“ Stefan Küker fügt hinzu: „Wenn wir aussteigen, ist das Modell Fernwärme für die Avacon nicht zukunftsträchtig. Sie braucht Abnehmer.“

Doch nicht nur deshalb muss sich die Avacon Natur laut Initiative Gedanken über die Zukunft machen: „Es hieß mal: Eine zentrale Heizung mit einem Schornstein (dem des BHKW, die Red.) ist besser für die Umwelt als 540 kleine dezentrale.“ Dass der CO2-Preis dreifach über dem von Erdgas liege, lasse aber nur eine Feststellung zu: „Fernwärme Briseck ist offensichtlich so dreckig wie die Ölheizung eines wenig sanierten Einfamilienhauses.“

Zwei Gesprächstermine mit der Avacon Natur gab es bereits

Zwei Gesprächstermine mit der Avacon Natur gab es bereits, am ersten war Bürgermeister Stefan Korte beteiligt (9. Mai). „Das trifft uns ja gleichermaßen. Die Gemeinde hat große Abnehmer für Fernwärme in Brinkum (unter anderem die KGS und die Kindertagesstätte Marsstraße, die Red.)“, sagt Korte. Deshalb gebe das Rathaus auch „gerne den Rahmen für weitere Gespräche“.

Das zweite Treffen datiert vom 23. Mai und ging ohne Verwaltung über die Bühne. Darin habe die Avacon Natur ein Entgegenkommen zur Deckelung des vierten Quartals 2022 angekündigt und die weiteren Punkte zur Prüfung mitgenommen. Ein vereinbarter Folgetermin stehe noch aus.

Bis zum Redaktionsschluss am Dienstag hat die Kreiszeitung vergeblich versucht, eine Stellungnahme des Energieversorgers einzuholen.

„Uns wäre sehr daran gelegen, dass wir schon eine Lösung anbieten können, wenn im Juli die Nachzahlungen eintrudeln und neue Abschläge fällig werden“, sagt Scheel. Unabhängig davon wird die Initiative nun ihr Netzwerk mit 250 E-Mail-Adressen von Haushalten in Briseck aktivieren. Der Kampf beginnt von Neuem.

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