Juraj Sivulka stellt Erich Kästner vor

Täglich Briefe an die Mutter geschrieben

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Juraj Sivulka (r.) rezitiert Texte von Erich Kästner und berichtet aus dessen Leben. Bernhard Schencke begleitet seinen Lehrerkollegen musikalisch.

Stuhr - Von Rainer Jysch. „Emil und die Detektive“– fast jeder kennt diese Geschichte, die Erich Kästner als Buchautor schlagartig berühmt gemacht hat. Und berühmt, zumindest bekannt, wollte Kästner schon als Kind werden, wie Juraj Sivulka zu berichten wusste.

Sivulka, Deutsch- und Sportlehrer an der Lise-Meitner-Schule in Moordeich, hatte sich intensiv mit Erich Kästners Biografie beschäftigt. Auf unterhaltsame Weise informierte er am Freitag die Zuhörer im vollbesetzten Ratssaal der Gemeinde über den Lebenslauf des Dichters. Lehrerkollege Bernhard Schencke begleitete den literarischen Abend mit musikalischen Einlagen am Piano und mit dem Cello.

Bereits seit 15 Jahren hält der gebürtige Slowake Juraj Sivulka Vortragsabende über das Leben einzelner Schriftsteller vergangener Jahrhunderte. Eigentlich erhält er bei den Premierenvorträgen stets Unterstützung durch seine Töchter Mira und Lara. Da Mira erkrankt war, übernahm die 13-jährige Lara souverän den kompletten Leseanteil der Schwestern. Sivulka beschränkte sich bei seiner hervorragenden Präsentation nicht nur darauf, Gedichte vorzutragen, sondern zitierte auch aus Büchern und Schriftstücken, die Kästner verfasst hatte, ebenso aus den zahlreichen, fast täglichen Briefen an seine Mutter. Fotos und Texte, die auf zwei Wände projiziert wurden, ergänzten den interessanten Vortrag.

In Dresden am 23. Februar 1899 geboren und dort in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, sollte der Junge auf Wunsch der Mutter Lehrer werden. Trotz geringer Mittel der Eltern gelang es ihm, die Aufnahmeprüfung für das Lehrerseminar erfolgreich zu absolvieren.

Der Erste Weltkrieg macht den jungen Mann zum Anti-Militaristen, er verfasst Gedichte gegen den Krieg. Das Germanistik-Studium in Leipzig kann er bald mit eigenen Einnahmen als Journalist bei einer Leipziger Zeitung finanzieren. Die Karriere nimmt mit Reportagen, Kritiken und satirischen Gedichten Fahrt auf. Seinem privaten Glück steht allerdings das enge Verhältnis zu seiner Mutter im Weg. Kästner erweist sich trotz zahlreicher Affären und teilweise langjähriger Beziehungen als bindungsunfähig.

1927 zieht er nach Berlin. Die Kinderbücher „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ machen ihn zum Erfolgsautoren. Durch kritische Verse zieht er sich den Zorn des NS-Regimes zu. 1933 werden seine Bücher von den Nazis öffentlich verbrannt. Kästner bleibt in Deutschland, emigriert nicht wie rund 1500 seiner Kollegen.

1945 zieht Kästner von Berlin nach München. Für das Drehbuch „Das doppelte Lottchen“ erhält er 1951 den Deutschen Filmpreis. Weitere Auszeichnungen des zum Volksschriftsteller avancierten Dichters folgen. Mitte der 1960er Jahre zog er sich ganz aus dem Literaturbetrieb zurück, sprach dem Alkohol zu und erkrankte schließlich an Speiseröhrenkrebs. Im Sommer 1974 verstarb Erich Kästner in München.

„Im nächsten Jahr werde ich hier den Poeten Rainer Maria Rilke vorstellen“, sagte Juraj Sivulka am Ende. „Ich möchte der Frage nachgehen: Wie kann so ein fieser Charakter nur so schöne Gedichte schreiben?“

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