„Jeder hat einen Stapel Bücher neben seinem Sessel“

Inge und Günter Reins teilen die Leidenschaft fürs Lesen

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Inge und Günter Reins sind Stammkunden in der Moordeicher Bücherei.

Moordeich - Von Andreas Hapke. Inge und Günter Reins sitzen im Erdgeschoss der Bibliothek in Moordeich. Das kommt häufiger vor, denn das betagte Ehepaar – sie 84, er 88 Jahre alt – zählt dort zu den Stammkunden. „Wir versuchen, mehrmals im Monat herzukommen“, sagt Inge Reins. Bevorzugt donnerstags, wenn bis 19 Uhr geöffnet ist. Dann haben die beiden Leseratten mehr Zeit, vor der Ausleihe in den Büchern zu stöbern.

„Ich muss ein Buch erst immer in die Hand nehmen und darin blättern“, sagt Inge Reins. Manchmal spreche sie das Cover an, wie bei Martin Suters „Elefant“, das mit dem gemalten Dickhäuter auf der Titelseite vor ihr liegt. Die rüstige Rentnerin denkt darüber nach, den Roman mit nach Hause zu nehmen. Manchmal frage sie auch gezielt nach weiteren Publikationen eines Schriftstellers, der ihr gefallen habe. Sie wolle zum Beispiel einen weiteren Schmöker von Karine Lambert ausleihen, weil sie „Und jetzt lass uns tanzen“ so toll fand. „Ein Buch über eine alte Ehe. Damit identifiziert man sich. Wir sind ja auch eine Ewigkeit verheiratet.“

Vor 59 Jahren haben sich die beiden das Jawort gegeben und in all der Zeit ihre Leidenschaft fürs Lesen bewahrt. Jeder hat seinen Stapel Bücher neben dem Sessel stehen, den er nach und nach abarbeitet. Und beim Nachmittagstee erzählen sie sich, welche Geschichten sie erlebt haben. Manchmal lesen sie sich auch gegenseitig vor, etwa plattdeutsche Geschichten, die Günter Reins so mag.

Das Ehepaar stammt aus Huchting, wo es Jahrzehnte lang gelebt und gelesen hat. Bei ihr habe das schon im Kindesalter begonnen, womöglich, weil sie die große Bibliothek hinter dem Sessel des Opas so beeindruckt habe. Und auch ihren Mann kenne sie nur „lesend“.

„Man muss offen sein für alles“

Als die beiden 1979 von Huchting nach Varrel zogen, haben sie sich direkt einen Ausweis für die Moordeicher Bibliothek ausstellen lassen. „Anfangs waren wir auch noch in der Huchtinger Stadtteilbücherei, aber beides wurde uns zuviel“, so Inge Reins.

Offen sein für alles – so lautet ihre Maxime beim Schmökern. Ausnahmen sind Krimis und mittelalterliche Bücher, „in denen Hexen verbrannt werden“. Manchmal müsse man seine Vorurteile über Bord werfen, habe sie festgestellt. „Matthias Brandt mochte ich als Schauspieler gar nicht, als Schriftsteller finde ich ihn interessant.“ Sie habe sogar den Koran gelesen, aber darin „keine Anhaltspunkte für die Unterdrückung der Frau gefunden“.

Inge Reins ist ein vielfältig interessierter Mensch. Sie malt, stellt in einer Huchtinger Galerie aus, hat dort Ladendienst, treibt Sport und kümmert sich wie ihr Mann um Haus und Garten. „Zum Lesen komme ich meistens nur abends. Dann lasse ich mich in den Sessel fallen, Hocker für die Beine, Brille auf die Nase, und dann tauche ich ab.“ Telefonieren ist tabu. „Die Leute können auch früher anrufen.“

„Den lese ich Wort für Wort“

Günter Reins hingegen steckt auch tagsüber mal seine Nase in ein Buch – oder in den Spiegel. „Den lese ich Wort für Wort. Die Berichte erheben den Anspruch auf korrekte und genaue Informationen.“ Ihn interessieren Politik und Geografie, letzteres, weil er in seinem früheren Beruf als Schiffbauingenieur die ganze Welt bereist hat. Er hat Tanker in Japan und Mittelamerika gebaut, den letzten in Finnland. „Wenn er kein Buch hat, liest er im Atlas. Das glaubt man nicht, er ist in Gedanken immer unterwegs“, sagt Inge Reins. Nebenbei korrigiert der Gatte noch die Studienarbeiten der Enkelin, die einen Master in Wirtschaftsingenieurwesen anstrebt. „Er könnte eigentlich selbst die Prüfung zum Wirtschaftsingenieur ablegen“, glaubt sie.

Seit dem Ausstieg aus dem Berufsleben – Inge Reins war als Sekretärin im medizinischen Dienst und in einer Computerfirma tätig – können die beiden ihrem Hobby noch mehr frönen. Für Günter Reins wird es wohl mit „Wi hebbt dat jo!“ von Ines Barber weitergehen, seine Frau möchte sich „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood ausleihen. „Die Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben“, liest sie vor. „Na, das ist ja mein Thema.“ Am liebsten mag sie Romane, die in Frankreich spielen, dem Land ihrer Träume. Nur allzu gerne würde sie mal ausbrechen und dorthin verschwinden. Doch wahrscheinlich würde sie dann ihre Moordeicher Bücherei vermissen.

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