Austausch und Formalia-Hilfe

Selbsthilfegruppe für Angehörige von Senioren: Jeder Tag wie in einem Hamsterrad

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Kirsten Spiekermann leitet die Selbsthilfegruppe bei Pro Dem in Brinkum.

Brinkum - Von Janna Silinger. Es gibt Tage, an denen Karen K. sich wünscht, ihre Mutter würde einfach friedlich einschlafen. Sie wird 91, hatte ein langes und erfülltes Leben, irgendwann ist es an der Zeit, zu gehen. Und es wird ja nicht besser, ist Karen sich sicher. Doch dann gibt es Tage, an denen die Mutter plötzlich gut drauf ist, lacht, redet. Vor allem, wenn sie Besuch von ihrer 15 Jahre jüngeren Schwester hat und die zwei gemeinsam ihre Kindheitserinnerungen aufleben lassen. Es sind diese Tage, die Karen das Loslassen und An-sich-selbst-denken so schwer machen.

Um sich mit anderen auszutauschen, geht sie regelmäßig zur Selbsthilfegruppe für Angehörige von Senioren mit körperlichen Einschränkungen unter Leitung von Kirsten Spiekermann. Bei den monatlichen Treffen in Brinkum geht es jedoch nicht ausschließlich um den emotionalen Austausch. Die Teilnehmer bringen auch mal Papierkram mit. 

Peter K. zum Beispiel ist sich nicht sicher, welche Produkte, die er seiner Großmutter kaufen muss, die Krankenkasse übernimmt. Oder Christa S., die überfordert von den Papieren ist, mit denen sie Taxifahrten zu den behandelnden Ärzten ihres Mannes bezahlen soll. „Wisst ihr, mein Mann hat endlich sein Auto verkauft“, berichtet sie erleichtert. Seine Parkinsonerkrankung sei inzwischen so schlimm, dass er eingesehen habe, dass er nicht mehr fahren kann. 

Doch jetzt müsse sie ihn im Taxi überall hinbringen. „Wie soll ich das bezahlen?“ Spiekermann gibt ihr Rat, bietet ihr an, sich zu erkundigen. Sie geht auf jeden Teilnehmer ein, achtet darauf, dass alle zu Wort kommen, über Formalia sowie über ihre Herzensangelegenheiten sprechen.

Pflegende sollten auch auf sich achten

So auch Helga L. „Wie in einem Hamsterrad. So ist jeder Tag.“ Sie berichtet von ihrem Ehemann, der nach einer Erkrankung pflegebedürftig sei. Ihre Aufgabe sieht sie seither darin, alles richtig zu machen, Ordnung zu halten. Aber damit sei jetzt Schluss. „Wenn mir danach ist, bleibe ich auch einfach mal auf dem Sofa liegen“, erzählt sie, denn sie sei erschöpft. Spiekermann bekräftigt diese Entscheidung.

Sie appelliert immer wieder an die Teilnehmer, dass sie an sich selbst denken und bei Kräften bleiben müssen. Helga versucht das. Neulich ist sie zu ihrer Tochter gefahren, die bei Münster wohnt. „Einfach mal raus. Ohne meinen Mann.“ Er wolle leider nicht. Manchmal mache ihr das zu schaffen. „Im Dezember sind wir immer zum Dresdener Weihnachtsmarkt gefahren“, erzählt sie mit gesenktem Blick. In solchen Momenten bringe sie das zum Grübeln.

Doch auch hoffnungsvolle Entwicklungen kommen auf den Tisch. Wie etwa bei Christas Mann, der sich richtig ins Zeug legt, wieder besser laufen zu können, seit er eine neue Physiotherapeutin hat. „Eine ganz hübsche junge Frau“, meint Christa. „Vielleicht würde das deinen Mann auch motivieren?“, fragt sie Helga. „Versuchen könnte man es“, erwidert diese lächelnd. 

Es gibt auch mal amüsante Geschichten

Ihrem Mann gehe es physisch noch vergleichsweise gut. Er habe allerdings ständig Angst, dass etwas passieren könnte. Und diese Angst bremst ihn und damit auch sie aus. Deshalb sieht sie für ihre Zukunft nur zwei Optionen: Es so laufen zu lassen oder über ein ganz neues Leben nachzudenken. Fest steht: So habe sie sich die Rente nicht vorgestellt. Hinzukäme, dass sie so viel Geld wie nie zuvor hätten, seitdem sie nichts mehr für ihre Tochter zahlen müssen. „Anstatt das endlich auszugeben, erbt die dann auch noch alles!“, scherzt Helga.

Hin und wieder lacht die Gruppe, es werden amüsante Geschichten zum Besten gegeben. So auch Peter, als er vom Aufblühen seiner Großmutter erzählt. „Der ist plötzlich aufgefallen, dass die Uhren nicht synchron liefen“, sagt er fröhlich. Das sei schon ein Knaller gewesen. „Naja, die eine ,Uhr’ war eigentlich ein Thermometer.“, fügt er hinzu. Aber bei den anderen beiden habe sie richtig gelegen.

Solche Momente genießen die Teilnehmer. „Ihr macht mir immer so viel Mut“, sagt Christa. Auch wenn allen klar ist, dass ihre Angehörigen nie wieder kerngesund werden. Es gibt einen Weg, sich den Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu gehört auch, sich Entlastung zu suchen. Mal an sich selbst denken – und loslassen.

Das nächste Treffen beginnt am 5. Dezember um 18.30 Uhr bei Pro Dem, Bremer Straße 7 in Brinkum.

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