Mehr als 50 Frauen und Männer nehmen am digitalen Visionärintag teil

Homeoffice – die ausgelagerte Kampfzone

Nimmt die Geschäftsführer im Hinblick auf die gleiche Bezahlung von Frauen und Männer in die Pflicht: Franca Reitzenstein vom Verband deutscher Unternehmerinnen.
+
Nimmt die Geschäftsführer im Hinblick auf die gleiche Bezahlung von Frauen und Männer in die Pflicht: Franca Reitzenstein vom Verband deutscher Unternehmerinnen.

Stuhr – Die Organisatorinnen des zweiten Visionärintags waren bereits vor Beginn der digitalen Veranstaltung am Montagmittag bester Laune. Grund: Mehr als 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich via Zoom zugeschaltet, um ausgewählte Workshops zum Thema New Work zu besuchen und sich zwischendurch an virtuellen Stammtischen untereinander auszutauschen.

New Work, die neue Arbeitsweise der heutigen Gesellschaft im globalen und digitalen Zeitalter, sei seit Jahren im Gespräch, sagte die Stuhrer Gleichstellungsbeauftragte Nicole Feldmann-Paske. Durch Corona habe dies aber eine Beschleunigung erfahren. „Die meisten sind in die Situation hineingestolpert. Auch das Orga-Team hatte viele Fragen: Was bedeutet es, wenn viele zuhause arbeiten? Wie führt man ein Team aus der Distanz? Ist es für mich wichtig, nur für ein bestimmtes Unternehmen zu arbeiten?“, nannte Feldmann-Paske als Beispiele.

In den Workshops ging es um Gründerthemen wie die Erstellung eines Businessplans, die Digitalisierung des Geschäftsmodells und den digitalen Vertrieb über soziale Medien. Die virtuelle Führung von Mitarbeitern und Teams bildete einen weiteren Komplex, ebenso die Folgen und Konsequenzen aus der Corona-Pandemie. Dort war auch der Workshop von Christiane Blenski, Mitorganisatorin und Chefin der Werbekonzeption Roter Faden, angesiedelt. Sie sprach über die neuen Anforderungen an das Recruiting – etwa über die richtige Stellenanzeige, die sich auf das beschränke, was die Bewerberin „in ihrem Veränderungsprozess“ tatsächlich benötige. „Nicht alle Anforderungen auf einmal, nicht den Bewerber erschlagen, Leichtigkeit reinbringen“, empfahl Blenski. „Jetzt ist die Zeit, wo wir alle ein Stück Spielwiese haben.“ Eine lässige Facebook-Anzeige passe aber nicht zu einem angestaubten Internetauftritt, wandte eine Teilnehmerin ein. Es gehe darum, „die ganze Braut aufzuhübschen“.

In der abschließenden Podiumsdiskussion befassten sich drei Expertinnen mit der Frage, ob New Work wohl Equal Pay in Gefahr bringe, in diesem Fall also die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Hintergrund: Eine Studie mit 16 000 Beschäftigten ergab, dass Heimarbeit zwar neun Prozent produktiver, gleichzeitig aber nicht so hoch angesehen ist. Dies könnte ein Risiko für Frauen sein, die in Zeiten von Corona häufiger ins Homeoffice wechselten als Männer.

Aus ihrer Agenturerfahrung könne sie nicht sagen, dass New Work einen elementaren Unterschied mache, sagte Franca Reitzenstein vom Verband deutscher Unternehmerinnen. „Das kommt auf die Branche an.“

Im Kontext von Corona seien die Nachteile für Frauen groß, stellte Yvonne Bauer aus dem Bremer Wirtschaftsressort fest. Sie seien mehr von Teilzeit und Kurzarbeit betroffen. „In Sachen Vernetzung hat Homeoffice aber Vorteile für Frauen.“ Sie müssten ihren eigenen Karriereweg mehr organisieren.

Jantje Röller, die Leiterin der Kampagne zum Equal Pay Day in Deutschland, betrachtet New Work und Homeoffice als „die Chance“ für eine größere Flexibilität und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Doch es hat was damit zu tun, wie es faktisch läuft. Homeoffice ist bei vielen Eltern kein Homeoffice, sondern eine ausgelagerte Kampfzone.“ Röller sieht die Frauen wegen des Fachkräftemangels in einer „starken Position. Wir müssen uns nur nach vorne trauen.“

Doch genau da liegt laut Reitzenstein das Problem: „Sich des eigenen Wertes bewusst sein – da tun sich Frauen schwerer als Männer.“ Hier seien die Geschäftsführer gefragt: „Sie müssen einen Blick darauf haben, dass keine Schere entsteht.“

Eingangs hatte Bürgermeister Stephan Korte die Teilnehmer des Visionärintags begrüßt. New Work sei auch in der öffentlichen Verwaltung kein neues Thema, wenngleich es dort um die Digitalisierung von Dienstleistungen gehe. Laut Onlinezugangsgesetz sind die Kommunen verpflichtet, ihre Dienstleistungen bis Ende 2022 auch elektronisch über Verwaltungsportale anzubieten. „Wie kann ich die Ansprüche des Arbeitgebers mit meinen privaten Gegebenheiten in Einklang bringen, ohne dass Arbeit entgrenzt wird (das heißt Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben aufgelöst werden, die Red.)?“ – Er finde es fabelhaft, dass sich der Visionärintag solcher Themen annehme.

Von Andreas Hapke

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Die Idee in der Flasche abgefüllt: Likörkreation aus Sulingen

Die Idee in der Flasche abgefüllt: Likörkreation aus Sulingen

Die Idee in der Flasche abgefüllt: Likörkreation aus Sulingen
Filmcrew dreht Musikvideo für „Beast 51“ in Twistringen mit vielen Statisten

Filmcrew dreht Musikvideo für „Beast 51“ in Twistringen mit vielen Statisten

Filmcrew dreht Musikvideo für „Beast 51“ in Twistringen mit vielen Statisten
Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke

Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke

Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke
Wilfried Plinke verlässt Tischlerei Wilkens nach mehr als 45 Jahren

Wilfried Plinke verlässt Tischlerei Wilkens nach mehr als 45 Jahren

Wilfried Plinke verlässt Tischlerei Wilkens nach mehr als 45 Jahren

Kommentare