Hof Kastens in Stuhr

„Tritte von allen Seiten“: Landwirte zeichnen düsteres Bild ihrer Branche

CDU-Politiker im Kuhstall von Friederike und Frank Kastens (l.).
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Über ihre Probleme als Landwirte berichten Friederike und Frank Kastens (l.) der CDU, auf dem Bild vertreten durch den CDU-Fraktionsvorsitzenden Finn Kortkamp, dem Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig und der Ratsvorsitzenden Sabine Sparkuhl.

Pessimistisch blicken die Eheleute Friederike und Frank Kastens in die Zukunft der Landwirtschaft. „Wir machen das, weil wir die Kühe lieben. Aber wir machen es nicht mehr für die nächste Generation“, sagt Friederike Kastens. Warum das so ist, erfuhren CDU-Politiker während eines Vor-Ort-Termins.

Bürstel – Vertreter der Stuhrer CDU waren am Dienstagabend zum Hof der Familie Kastens in Bürstel gekommen, um sich zum Thema zukunftsfähige Landwirtschaft zu informieren. So jedenfalls war die Pressemitteilung überschrieben. Das hat nicht ganz geklappt, denn die Gastgeber malten ein eher düsteres Bild vom aktuellen Zustand in der Landwirtschaft. Und nicht nur das: In ihrem emotionalen Plädoyer stellte Friederike Kastens auch den langfristigen Fortbestand ihres Betriebs in Frage.

„Die Landwirtschaft wird es in 20 Jahren nicht mehr geben“, behauptet Friederike Kastens. „Und wir haben drei Kinder, die Landwirte werden wollen. Da wird man emotional. Wir machen das, weil wir die Kühe lieben. Aber wir machen es nicht mehr für die nächste Generation.“

„Jedes Jahr neue Auflagen“ für Landwirte

Frank Kastens führte die gestiegenen Energie- und Futtermittelpreise an, die Kosten für Materialien wie Kunststoff und Gummi hätten ebenfalls angezogen. „Nur Milchpreise haben wir wie vor 40 Jahren. Wir können unsere Ausgaben nicht weitergeben.“ Investitionen – etwa in Technologien, um Dünger einzusparen – seien da nicht möglich, fügt seine Ehefrau hinzu.

2010 hatten sich die beiden entschieden, den Hof der Eltern von Frank Kastens zu übernehmen. Seitdem hat nicht nur der Bestand an Kühen kontinuierlich zugenommen, inzwischen sind es 115. Laut Friederike Kastens gibt es auch immer mehr Auflagen und Verordnungen. „Jedes Jahr neue Auflagen. Jetzt müssen die Kälber vier Wochen im Stall bleiben. Die Landwirtschaft braucht endlich mal Ruhe.“

Ob von der EU, vom Bund oder von den Bürgern: „Wir kriegen von allen Seiten Tritte in den Allerwertesten.“ Sie nennt das Beispiel einer neu erworbenen Fläche gegenüber ihres Hofes an der Harpstedter Straße. „Da haben wir nicht gespritzt, damit die Insekten leben können. Und dann gibt es Beschwerden wegen der Kartoffelkäfer.“

Breit gefächerte Direktvermarktung

„Viele Verordnungen wurden von Jahr zu Jahr geschoben, und jetzt kommt es geballt“, räumte der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig ein, brach aber eine Lanze für die Entscheidungsträger in der EU und im Bund. Gemeinsame Fördertöpfe unterstützten die Landwirte mit insgesamt 60 Millionen Euro im Jahr. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz habe den ländlichen Raum gestärkt. Knoerig stellte eine neue Einnahmenquelle in Aussicht: E-Fuel ist das Zauberwort. Landwirte könnten zur Erzeugung von synthetischen Kraftstoffen beitragen, die mit Hilfe regenerativer Energie hergestellt werden. Kommt das für die Kastens’ in Frage? „Nein“, antwortet Friederike Kastens. „Wir wollen auch keine Förderung. Wir wollen frei wirtschaften.“

„Nicht nachlassen. Ihr habt viele neue Standbeine“, sagte Knoerig – und meinte damit in erster Linie die breit gefächerte Direktvermarktung. Dafür hatte sich das Paar nach einem für Milcherzeuger schlechten Jahr 2015 entschieden. Die Preise waren deutlich gesunken, von einem Rückgang um 25 Prozent war die Rede. Fortan konnten sich die Kunden ihre Milch in der „Milchbude“ an der Harpstedter Straße selber zapfen. 2017 kam das Hühnermobil hinzu. „Das hat noch mal einen Schub gegeben“, sagt Frank Kastens. „Hühner auf der Weide, das wollten die Leute sehen.“ Das zweite Hühnermobil folgte 2019, 500 Tiere sind es nun insgesamt. Selbst damit kann die Nachfrage nicht gedeckt werden. Die Familie kauft Eier von Freunden hinzu.

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Die Kunden der Milchbude kommen laut Frank Kastens aus einem Umkreis von sieben Kilometern, etwa aus Harpstedt, Fahrenhorst und Heiligenrode. Den Lieferservice der Familie nehmen nicht nur Privatkunden, sondern auch 17 Kindertagesstätten in Delmenhorst in Anspruch. Inzwischen haben auch Stuhrer Kitas die Kastens-Produkte auf dem Zettel. „Es war schwierig, da reinzukommen. Wir sind ja nicht Bio, weil wir keine freilaufenden Kühe haben“, begründet Friederike Kastens.

Die Selbstvermarktung, also Milchbude und Lieferservice, macht inzwischen 40 Prozent des Umsatzes aus. Das neue Geschäftsmodell ist da noch gar nicht eingerechnet, weil erst im Februar hinzugekommen: Die Kastens’ haben die Molkerei von Arnold von Seggern in Groß Ippener gepachtet, um dort ihren eigenen Joghurt zu produzieren. Der sei gerade ein ziemlicher „Hype“, so Friederike Kastens, die den Joghurt herstellt. Ihre Philosophie ist es, regionale Zutaten zu verwenden. Sogar die Gläser bezieht sie von einem Anbieter aus der näheren Umgebung. Ausnahme: Die Fruchtzubereitung stammt aus Belgien. „Das hat sich bewährt.“

Chance für Landwirte liegt im Regionalen

„Wir müssen wieder alles kleiner parzellieren“, findet auch Knoerig und brachte ein Gesetz ins Spiel, wonach Tiere nur noch 50 Kilometer weit gefahren werden dürfen. „Dann hätten wir wieder die kleinen Schlachthöfe.“ Knoerig outete sich auch als Fan des Lieferkettengesetzes, damit der Verbraucher von jedem Produkt wisse, woher es stamme. Er sieht eine Chance im Regionalen.

Friederike Kastens hat sogar eine noch regionalere Vorstellung von Regionalität. „Man kann noch nicht einmal die Landwirte im Landkreis miteinander vergleichen. Der eine hat einen schlechten Boden, der andere einen, auf dem er Lebensmittel produzieren kann. Wie können beide gleich viel verdienen?“, fragt sie und liefert die Antwort gleich mit: „Die Pacht muss niedrig sein.“

Für die Entscheidung der Konsumenten, das Fleisch bei Aldi zu kaufen, hat sie vollstes Verständnis. „Ich selbst kann mir nicht jeden Tag das teure Fleisch leisten. Ich gehe auch zu Aldi und Lidl. Das Fleisch kommt von meinen Berufskollegen“, sagt Friederike Kastens. Für sie gehört Landwirtschaft in den Schulunterricht: „Es ist kein Wissen darüber vorhanden.“

In einem Punkt gingen die Meinungen der Landwirtin und des Politikers weit auseinander: Für Knoerig ist der Landwirt der Zukunft digital. Er schlug den Gastgebern die Anschaffung eines Melkroboters vor, auch um mehr Zeit für den bürokratischen Aufwand zu haben. Den könne sich der Betrieb nicht leisten, entgegnete Friederike Kastens. Und: „Ein Roboter gehört nicht in die Landwirtschaft. In die Landwirtschaft gehört Handarbeit.“

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