Selbstversuch beim Stammtisch im MGH Brinkum

Als Hochdeutsche unter Plattsnackern

+
Gute Laune am plattdeutschen Stammtisch.

Stuhr - Von Julia Kreykenbohm. Ich spreche kein Platt und verstehe nur wenig. Aber ich würde es gern lernen. Und wie lernt man am besten eine andere Sprache? Indem man sich mit ihr umgibt. Wer Englisch beherrschen will, sollte mal nach England reisen. Und wer Plattdeutsch können möchte?

Der sollte am plattdeutschen Stammtisch des Mehrgenerationenhauses in Brinkum gut aufgehoben sein, der sich einmal im Monat trifft, denke ich mir – und starte einen Selbstversuch.

Gegen 18 Uhr hocke ich an einem Tisch unter freiem Himmel – und staune. Immer weniger Menschen sprechen Platt? Davon ist hier nichts zu merken. Sicher an die 30 Leute „snacken“ fröhlich bei Grillfleisch und Würstchen. Neben mir sitzen Elke Dörr aus Brinkum und Ernst Beyer aus Syke. Zusammen bilden wir die „Neulinge“, denn auch sie sind zum ersten mal dabei. Elke Dörr spricht kein Platt, versteht es aber. Ernst Beyer hat so wenig Ahnung wie ich. Beruhigend.

Leidenschaftliche Sprachexperten

Doch wir haben Glück, denn wir sitzen bei zwei Experten: Rena Worm aus Brinkum, eine leidenschaftliche Verfechterin dieser Sprache, die unter anderem am niederdeutschen Theater auf der Bühne stand, und Gertrud Oyen, die Platt an der VHS Delmenhorst vermittelt. „Wie würden Sie mir die Sprache beibringen?“, will ich wissen. Die Antwort kommt von der Tischnachbarin: „Als erstes mal per Du. Das Sie passt nicht zum Plattdeutschen!“ Okay, okay. Also Getrud „vertellt“ mir, dass Anfänger wie ich das wie jede andere Fremdsprache lernen müssten: mit Wörter- und Grammatikbuch und viel üben. Schluck. Und das bei meinem nicht vorhandenen Sprachtalent.

Rena beruhigt mich. Sie beherrsche auch keine Grammatik, sie „snakt so vor sich hin“ und bedauert das rückläufige Interesse am Plattdeutschen. Die Leiterin des Stammtisches, Ulrike, widerspricht: „Ich habe das Gefühl, dass es wächst. 18 bis 20 Gäste können wir immer begrüßen, auch oft ein paar neue. Allerdings kaum jüngere Leute“, fügt sie hinzu. Es wäre schön, wenn diese auch mal vorbeikämen und Rena nickt. Wegen Nachwuchsmangels mussten die Neestädter Speeldeel aufhören, denen sie angehört hat.

Platt mit gewisser Lässigkeit

„Hol du di da ruut“ (oder so ähnlich) ruft in diesem Moment ein Mann einem anderen zu. Rena lächelt: „Das klingt doch viel netter als auf Hochdeutsch, oder?“ „Was hat er denn gesagt?“ „Halt dich da raus.“ Ah! Ich muss zustimmen. Platt hat eine gewisse Lässigkeit und nimmt dem Gesagten die Schärfe. Und das könnte der heutigen Diskussionskultur nur gut tun. Mal platt statt pampig.

Also wiederhole ich gleich eifrig meine neue Errungenschaft – und finde, dass es sich bei mir nicht so locker-flockig anhört wie bei den anderen. Es klingt steif, unnatürlich, gewollt. Es reicht nicht, nur die Worte zu sagen. Gertrud hat wohl recht, da hilft nur üben. Immerhin bringt mir Rena bei, auf das „S“ am Wortanfang zu achten: „S-tolpern übern s-pitzen S-tein.“ Das kriege ich hin! „In Bremen kennt man das, in Oldenburg haben sie mich komisch angeguckt. Da sagen sie Schtroot, nicht S-troot“, berichtet sie lachend. Sie sagen was? „Straße.“ Ah!

Mein Sitznachbar erzählt gerade, dass er Leiterin Ulrike von der KGS Leeste kennt, wo sie Kollegen waren. „Was heißt Kollege auf Platt?“, will er wissen – und tritt damit eine kleine Debatte los: „Macker“ „Da muss man sich aber schon gut kennen.“ „Damals im ländlichen Raum hatte man keine Kollegen!“ „Dann Kumpels!“ Alle lachen.

Theaterstück live vorgetragen

Danach tragen Gertrud, Rena und zwei Männer ein Theaterstück vor. Ich nehme es als Feuertaufe – und bin überrascht, wie viel ich verstehe. Klar, hier und da fehlt mir ein Wort (Was zur Hölle sind „Tölgen“?), hin und wieder muss ich raten (Könnte „Plattenjockel“ für DJ stehen?), aber im Großen und Ganzen kann ich folgen. Wat bin ich stolz! Aber ich muss sehr konzentriert zuhören. Kurz mal gedanklich weggeschaltet – schon habe ich den Faden verloren.

„Heb wi noch tied?“, fragt Klaus, einer der beiden Männer. „Jo, man to!“ Er liest eine Geschichte vor und diesmal wird es ruhig, nachdenklich und ich erinnere mich an das, was Rena mir anfangs sagte: „Immer glauben alle, Plattdeutsch ist nur Klamauk, dabei gibt es wunderschöne, anspruchsvolle Stücke.“ Applaus klingt auf und der Abend neigt sich dem Ende zu.

Schön wars. Für jeden, der Platt mag, nur zu empfehlen. Auch „Hochdeutsche“ werden nett aufgenommen und können gleich etwas lernen. Vielen Dank an die freundlichen Plattsnaker. Mit hartelk Gröten un van Harten!

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Jugend-Challenge in Verden - der Sonntag

Jugend-Challenge in Verden - der Sonntag

Stimmiges Ambiente und handfeste Livemusik im Rotenburger Ronululu

Stimmiges Ambiente und handfeste Livemusik im Rotenburger Ronululu

Selena Gomez zeigt sich bei ungewohnt ernsten American Music Awards blond

Selena Gomez zeigt sich bei ungewohnt ernsten American Music Awards blond

Wie werde ich Notfallsanitäter/in?

Wie werde ich Notfallsanitäter/in?

Meistgelesene Artikel

Prozess nach mutmaßlicher Vergewaltigung: Nebenklägerin sagt aus

Prozess nach mutmaßlicher Vergewaltigung: Nebenklägerin sagt aus

Mitarbeiterin der Flüchtlingsunterkunft sagt in Prozess aus

Mitarbeiterin der Flüchtlingsunterkunft sagt in Prozess aus

Syke sucht seine Rätselchampions

Syke sucht seine Rätselchampions

Kommentare