Aktionswoche „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“: KGS-Schüler besuchen Release

Hilfe für den Nachwuchs aus Suchtfamilien

Heidrun Meier (KGS) und Patrick Ehnis (Release) mit dem Plakat und dem Film zur Aktionswoche. Foto: Andreas Hapke

Stuhr - Von Andreas Hapke. Eine Schülerin rennt verzweifelt aus dem Unterricht, weil sie zu Hause Probleme hat. Der Stiefvater trinkt, die Mutter will sich trennen. An der Reaktion in der Schule wird deutlich, wie sehr das Mädchen unter diesem Konflikt leidet. Damit ist sie nicht allein. Laut Patrick Ehnis, Fachberater für Suchtprävention bei der Suchtberatungsstelle Release wachsen „überraschend viele“ Kinder in Deutschland mit suchtkranken Eltern auf. „Jedes sechste Kind hat im Laufe des Aufwachsens mindestens ein Elternteil, das davon betroffen ist“, sagt Ehnis. Ihr Risiko, selbst einmal suchtkrank zu werden, sei drei- bis viermal höher als bei dem Nachwuchs aus unbelasteten Familien. Ehnis bezieht sich auf den Drogen- und Suchtbericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung aus dem Jahr 2018.

Umso wichtiger ist die bundesweite Nacoa-Aktionswoche unter dem Motto „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“, an der sich Release beteiligt. Nacoa steht für National Association for Children of Alcoholics, eine Interessenvertretung für Sprösslinge aus Suchtfamilien.

Der achte Jahrgang der KGS Brinkum kommt am Montag, 17. Februar, mit zwei Gruppen à 50 Schüler in die Release-Hauptstelle an der Bahnhofstraße in Brinkum, um sich zunächst den Film „Zoey“ anzusehen. Er handelt von der 14-jährigen Zoey, die mit dem Rückfall ihres alkoholkranken Vaters zu kämpfen hat. Danach wollen die Release-Mitarbeiter das Thema mit den Jugendlichen in Kleingruppen aufarbeiten.

Heidrun Meier, Lehrerin für Gesundheit und Soziales an der KGS Brinkum, weiß, wie wichtig das für den Nachwuchs ist. Die Szene mit der verzweifelten Schülerin hat sich in ihrem Unterricht in einer neunten Klasse zugetragen. Zur Präventionsarbeit der KGS gehörten bereits der „Suchtfrei-Parcours“ gegen das Rauchen und klassenweise Besuche bei Release, um die Beratungsstelle kennenzulernen. Die aktuellen Achtklässler hätten sich das Thema Sucht selbst gewünscht. Ohnehin gebe das Curriculum dazu wenig her. Bei der Sammlung von Fragen im Vorfeld habe sich gezeigt, wie „lustig und naiv“ die Jugendlichen zum Teil an dieses Thema herangingen.

Für Ehnis ist es schwer, betroffene Kinder gezielt zu erreichen. „Das ist ein Familiengeheimnis. Kinder lieben ihre Eltern und sorgen dafür, dass es ein Familiengeheimnis bleibt“, erklärt er. Ziel sei, dass der Nachwuchs erkenne, dass er nicht schuld sei an der Situation und seinen Eltern nicht helfen könne. Er könne sich aber um sich selbst kümmern und mit anderen Erwachsenen in Kontakt treten. Ehnis: „Vielleicht wird das eine oder andere Kind bestärkt, sich auf den Weg zu machen – ohne Gefahr zu laufen, stigmatisiert zu werden.“

Nicht nur das erhöhte Suchtrisiko von Kindern in Suchtfamilien ist ein Problem. „Sie schlüpfen häufig in die Erwachsenenrolle und übernehmen Verantwortung. So wollen sie den Ausfall der Eltern kompensieren“, sagt Ehnis. Heidrun Meier fügt hinzu: „Sie vernachlässigen ihre eigenen Interessen, weil sie nicht dazu kommen, sich kindgerecht zu verhalten. Sie versuchen, alles im Haus zu regeln.“ Der Film „Zoey“ reflektiert die Schwierigkeiten, die dabei auftreten.

Laut Heidrun Meier ist es für die Schüler wichtig, sich am Montag aus der Schule herauszubewegen. „Schule ist der Alltag. In die Einrichtung zu gehen, bedeutet auch, diese kennenzulernen. Die Schwellenangst wird überschritten, und der Weg ist kurz.“

„Wir wollen das Thema ,Kinder aus suchtbelasteten Familien’ in der Stuhrer Präventionsarbeit verankern“, sagt Ehnis. Dazu könnten seiner Ansicht nach ruhig mehr Zuschüsse fließen. Release erhalte keine Regelförderung wie bei der Behandlung von Eltern, sondern nur eine Projektförderung. Das sei einerseits okay, denn: „Wenn sich die Eltern auf den Weg machen, geht es der ganzen Familie besser.“ Gleichzeitig wäre es laut Ehnis schön, „in nicht stigmatisierender Form“ mehr für die Kinder zu machen. Soll heißen: Auch dafür wäre eine Regelförderung von Vorteil. So steht es auch auf den Plakaten zur Aktionswoche: „Deutschland braucht ein flächendeckendes und regelfinanziertes Hilfesystem für Kinder. Bund, Länder und Kommunen sind in der Pflicht, hierfür endlich die gesetzlichen und finanziellen Voraussetzungen zu schaffen.“

Auch auf andere Weise will Release das Thema im Blick behalten: durch Fortbildungen von Multiplikatoren. Ehnis nennt Erzieherinnen als Beispiel. Wer Interesse habe, dies für seine Einrichtung anzubieten, könne sich unter Telefon 0421/893233 an Release wenden.

Infos

www.nacoa.de

www.coa.aktionswoche.de

www.suchtundwendepunkt.de

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