Aktionstag „Halt vor Gewalt“

Hansa Pflegezentrum spricht über Tabuthema: Gewalt fängt schon bei Kleinigkeiten an

Was empfindet ein pflegebedürftiger Mensch? Für Auszubildende ist das eine wichtige Erfahrung.
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Was empfindet ein pflegebedürftiger Mensch? Für Auszubildende ist das eine wichtige Erfahrung.

Gewalt zwischen Heimbewohnern und Pflegern, das kommt in Ausnahmefällen vor. Das Hansa-Pflegezentrum in Brinkum hat mit dem Aktionstag „Halt vor Gewalt“ auf das Thema aufmerksam gemacht.

  • Das Hansa-Pflegezentrums in Brinkum hat den Aktionstag „Halt vor Gewalt“ veranstaltet.
  • Coronabedingt war der Aktionstag nur auf Auszubildene beschränkt.
  • Bei dem Aktionstag „Halt vor Gewalt“ stand das Thema Gewalt in der Pflege im Fokus.

Brinkum – Wenn in den Medien von Gewalt in der Pflege die Rede ist, dann geht es häufig um körperliche Übergriffe von Pflegern auf Heimbewohner. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. „Man muss beide Seiten sehen. Gewalt erlebt auch das Personal“, sagt Michael Eickmann, Hausleiter im Hansa Pflegezentrum Brinkum. Und: Gewalt fange schon bei Kleinigkeiten an, die das Wohlbefinden des Betroffenen beeinträchtigen. Dies haben die Auszubildenden kürzlich beim Aktionstag „Halt vor Gewalt“ des Hansa-Pflegezentrums erfahren.

InstitutionHANSA Gruppe
Gründung1982
SitzOldenburg
BrancheSozialdienstleistungen

Nach einer Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung aus dem Jahr 2017 gehören Gewalterfahrungen gegenüber Patienten, Bewohnern und Pflegebedürftigen, aber auch gegenüber Pflegenden „ganz offensichtlich zum Pflegealltag dazu“. Mindestens jeder Zehnte habe solche Erfahrungen in jüngerer Zeit machen müssen. „Fast jeder Dritte sagt, dass Maßnahmen gegen den Willen von Patienten, Bewohnern und Pflegebedürftigen alltäglich sind. Derartige Erfahrungen werden in aller Regel in den Einrichtungen nicht systematisch aufgearbeitet.“

Abseits der großen Skandale finde das Thema in der Öffentlichkeit immer noch geringe Beachtung und sei teilweise sogar tabu, weiß Eickmann. Mit seinem Aktionstag geht das Pflegezentrum einen anderen Weg. In regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen sollen die Mitarbeiter neue Impulse für die tägliche Arbeit erhalten. Gleichzeitig will die Einrichtung die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren und Lösungen präsentieren. Coronabedingt war der Aktionstag diesmal auf die Auszubildenden beschränkt, berichtet Eickmann.

Hansa Pflegezentrum Brinkum: Kundenorientierte Behandlung

Die Behandlung des zu Pflegenden müsse kundenorientiert sein, „so wie man es selbst möchte“, betont Eickmann. Körperliche Gewalt sei nur ein Aspekt. Eine respektlose Kommunikation und ein entwürdigender Umgang zählten ebenfalls dazu. Beispiel Nahrungsaufnahme: „Wir kennen das vom Füttern eines kleinen Kindes. Wenn Eltern der Meinung sind, es habe noch nicht genug gegessen, helfen sie manchmal nach und zwängen noch den einen oder anderen Bissen hinein.“ Dies könne auch in der Pflege passieren. „Ich kann an der Mimik und Gestik des zu Pflegenden erkennen, wann ich aufhören muss.“

Unter Gewalt versteht Eickmann sogar, einem Rollstuhlfahrer die Bremsen festzustellen, wenn dieser sie nicht selbstständig lösen könne. Oder das Bettgitter aufzustellen, obwohl dafür keine Begründung vorliege. „Alles, was gegen den Willen des Kunden oder Patienten geschieht. Das passiert, wenn Menschen überfordert werden; in Situationen, wo sie an ihre Grenzen stoßen.“

Umgekehrt könnte das pflegende Personal Opfer von Gewalt werden. „Beides kommt vor“, sagt Eickmann. Er selbst habe Gewalt erlebt, als während seiner Ausbildung in der Psychiatrie ein Patient „völlig ausgeflippt“ sei. Und in seiner Zeit als Pfleger sei einmal ein 87-Jähriger auf ihn losgegangen. „Abstand halten, Ruhe bewahren, das schützt vor solchen Leuten.“

Freiheitsentziehende Maßnahmen als Selbsterfahrung für Azubis

Wo Gewalt anfängt, welche Formen es gibt und wie der korrekte Umgang mit einer Situation aussieht, in der aktive Gewalt bei der Pflege auffällt, haben die Azubis im theoretischen Teil kennengelernt. Im praktischen Teil haben sie freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) erlebt. Die Teilnehmer haben sich gegenseitig Nahrung verabreicht und sich auch mal angeschrien. Sie mussten in einem Bett liegen, dessen seitliche Gitter aufgestellt waren. Dies alles gelte dem „Zweck der Selbsterfahrung und als Diskussionsgrundlage“, berichtet Eickmann.

Die Mitarbeiter sollten ein Gespür dafür bekommen, wie ein pflegebedürftiger Mensch empfindet. Oft sei es ein schmaler Grat, „das Bedürfnis nach Sicherheit für die gepflegte Person mit einer Betreuung, die die Freiheitsrechte des Menschen nicht einschränken soll, in Einklang zu bringen“, stellt der Hausleiter fest.

Eickmann ist seit über 20 Jahren in leitender Funktion in der Pflege tätig. In dieser Zeit habe es in seinen Einrichtungen keinen Fall gegeben, in dem einem Mitarbeiter wegen eines gewalttätigen Verhaltens gekündigt worden sei. Insgesamt wisse er nur von „fünf, sechs“ Pflegekräften anderer Träger, die deshalb ihren Job verloren hätten. „Das kommt insgesamt selten vor, wenn man bedenkt, dass wir in Deutschland rund 14 .000 Altenpflegeheime haben.“

Gewalt in der Pflege sei ein „sehr heikles Thema“, sagt Eickmann. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein offener Umgang, eine sachliche Aufklärung und kontinuierliche Schulungen zu den wichtigsten Präventionsmaßnahmen gehören.“

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