Doch die Politik geht den nächsten Schritt in diese Richtung / Ausschuss für große Variante

Hallenbad kommt frühestens in fünf Jahren

Schwimmen lernen in der eigenen Gemeinde – das soll ein Hallenbad in Stuhr ermöglichen.
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Schwimmen lernen in der eigenen Gemeinde – das soll ein Hallenbad in Stuhr ermöglichen.

Stuhr – Die Gemeinde Stuhr ist dem Bau eines Hallenbads am Donnerstagabend einen – wenn auch kleinen – Schritt nähergekommen. Bei fünf Enthaltungen und einer Gegenstimme empfahl der Ausschuss für Jugend, Freizeit und Kultur, das Bad nach den grundsätzlichen Maßgaben der Variante 1 zu bauen. Außerdem möge die Verwaltung eine „gutachterliche Betrachtung für ein konkretes Umsetzungskonzept“ entwickeln lassen. Zuvor hatten die Politiker der Machbarkeitsstudie der gsf Planungsgesellschaft für Sport- und Freizeitbauten, vorgetragen von Architekt Christoph Keinemann, zugehört.

Variante 1 beinhaltet ein Wettkampf- und ein Aktivbecken mit flexibler Wassertiefe, eine Sprunganlage mit einem Ein- und einem Drei-Meter-Brett, einen Wasserspielbereich, ein Ganzjahresbecken im Außenbereich mit Schwimmkanal nach drinnen, eine Textil-Sauna und einen Automaten für Snacks und Getränke. SPD, Grüne und „Besser“ sind mit dieser Ausstattung einverstanden. Der CDU ist das zu überdimensioniert. Auf ihren Wunsch hatten die Gutachter auch die abgespeckte Variante Lehrschwimmbecken auf ihre Tauglichkeit für den Schul- und Vereinssport untersucht. Die Christdemokraten würden sich gerne (noch) mehr Zeit nehmen, um einzelne Details unter finanziellen Aspekten näher zu beleuchten. Die Frage, ob es die Variante 1 sein müsse, stellte sich auch für die FDP.

Das zu entwickelnde Umsetzungskonzept soll Vorschläge hinsichtlich der Betriebs-/Organisationsform sowie eines Öffnungszeiten- und eines Energiekonzepts beinhalten. Ein besonderes Augenmerk soll es auf den Personalaufwand legen.

Vor der Abstimmung hatten Besucher den Bau des Freibads als dringend notwendig erachtet. Laut Frank Bank, Sportlehrer an der KGS Brinkum, kann „ein Drittel unserer Kinder nicht schwimmen. Und ab der achten Klasse bringen wir sie nicht mehr dazu.“ Er fahre mit seinen Schülern um 11.20 Uhr nach Delmenhorst in die Grafttherme und sei um 13.40 Uhr zurück. „Wir sind 140 Minuten unterwegs und 45 Minuten im Wasser. Den Rest verbringen wir im Bus oder mit umziehen.“ Zudem seien die Kosten für Bus und Bahn „exorbitant“.

Die Grundschule Brinkum fährt zurzeit mit ihrem zweiten Jahrgang zum Schwimmen nach Syke, wie Leiter Florian Faller berichtete. „30 bis 35 Minuten aktives Schwimmen in Syke, ein Mal pro Woche, für ein halbes Jahr“, mehr sei nicht drin. Wegen Corona könnten nur 26 Kinder mitkommen. „Wir nehmen nur die Nichtschwimmer mit.“ Für die übrigen Kinder sei das frustrierend. „Planen Sie weiter, planen Sie groß“, rief er den Politikern zu.

Eine Mutter machte auf die Schwierigkeit für Eltern aufmerksam, einen Schwimmkurs für den Nachwuchs zu bekommen. Außerdem seien 160 Euro für zehn Stunden „untragbar“. Sie unterrichte nun ihre Kinder selbst im Huchtinger Bad. Besucherin Anne-Lene Alanyak pflichtete ihr bei: „Die Wartelisten im Umkreis sind für die nächsten zwei bis drei Jahre voll.“

Auf der Warteliste des bei Cordes und Gräfe untergebrachten Schwimm- und Fitness-Clubs Rot-Gelb Bremen stehen laut dem Vorsitzenden Edmund Schröder 300 Kinder. „Selbst dafür haben wir zuletzt keinen mehr angenommen.“ Zurzeit hätten nur Kinder ohne Seepferdchen eine Chance. „Wir haben Anfragen von Bremen-Nord bis Diepholz und würden die große Lösung begrüßen.“ Zumal, wie Lehrerin Britta Buttelmann errechnete, allein für die beiden KGS ein Bedarf von 840 Schwimmstunden bestehe. Schwimmen sei eine „gesundheitsfördernde Kernkompetenz, die angebahnt werden muss. Mit zehn bis zwölf Jahren müssen Kinder das beherrschen.“

Die große Lösung kostet allerdings auch eine Stange Geld. 15,5 Millionen Euro veranschlagt die Planungsgesellschaft für den Bau des Bades mit allem Schnickschnack. Betriebskosten von 1,2 Millioen Euro stehen 600 000 Euro an Erlösen gegenüber. Der jährliche Zuschussbedarf liegt damit bei 600 000 Euro. Keinemann empfahl, „Betriebskompetenz“ einzukaufen, da eine Gemeinde nicht per se mit Controlling und Marketing vertraut sei.

Bei einer Nutzfläche von 1 645 Quadratmetern im Erdgeschoss müsste das Grundstück 6 000 Quadratmeter groß sein, rechnete Keinemann vor. Als Standorte kämen zwei Flächen an der Bassumer Straße und am Brunnenweg in Frage – laut Keinemann mit Präferenz für den Brunnenweg, unter anderem wegen der Nähe zur Schule.

Abgesehen von den Schulen und den Vereinen haben die Planer für den Einzugsbereich der Gemeinde Stuhr ein Potenzial von 77000 Besuchern aus allen Generationen ermittelt. Für sie müsse es ein Angebot mit einem nachhaltig hohen Wert geben, sagte Keinemann. „Mit ergänzenden Elementen kann man das Bad pointiert attraktiv gestalten.“ Ob dazu auch der Wasserspielbereich zählen müsse und eine Textilsauna „für Menschen, die keinen Bock haben, sich aus dem letzten Stück Stoff herauszupellen“ (Keinemann), bezweifelte der CDU-Fraktionschef Finn Kortkamp.

Für ein einfaches Bad mit Lehrschwimmbecken müsste die Gemeinde 4,6 Millionen Euro investieren. Der jährliche Zuschussbedarf läge bei 140 000 Euro. Der Nachteil: Bei Maßen von 12,5x8 oder 12,5x10 Metern sei zwar das Schwimmen lernen möglich, nicht aber eine Schwimmausbildung, so Keinemann.

In einer leidenschaftlichen Rede verteidigte die Grünen-Fraktionsvorsitzende Kristine Helmerichs noch einmal den vor zwei Jahren von ihrer Fraktion gestellten Antrag für die Machbarkeitsstudie. „Alles, was die Stuhrer Kinder im Schwimmunterricht lernen, ist Bus fahren“, sagte Helmerichs. Stuhr sei eine leistungsstarke und finanziell gut aufgestellte Gemeinde. Dies liege auch an der Einkommensteuer. „Die Leute haben ein Recht darauf, etwas geboten zu bekommen.“

Susanne Cohrs, SPD-Fraktionschefin, sieht Stuhr für das Bad finanziell gewappnet. „Wir haben schon mal 15 Millionen Euro gewuppt, für die Sanierung der KGS.“ Darauf habe die Gemeinde aber auch lange hingearbeitet, warf Kortkamp ein. „Hier sind wir relativ schnell dabei, ein solches Vorhaben auf den Weg zu bringen.“ Jörg Wydra von der „Besser“-Fraktion sprach sich für die große Variante aus: „Wir hatten das Bad schon 2001 auf der Agenda, da wurde das Thema aus finanziellen Gründen abgeschmettert.“

Der FDP-Fraktionschef Alexander Carapinha Hesse machte darauf aufmerksam, „dass unbestritten noch andere Projekte vor uns liegen“. Er nannte die Radwege, die Sanierung der KGS-Hallen und den Ortskern Brinkum als Beispiele. Carapinha Hesse wollte die detaillierte Beschreibung des Bads aus dem Beschlussvorschlag entfernt wissen und stellte einen entsprechenden Antrag. Der kam aber nicht mehr zur Abstimmung, da die Mehrheit dem umfassenderen Vorschlag der Verwaltung folgte.

Für die Umsetzung des Projekts veranschlagt die zuständige Fachbereichsleiterin mindestens fünf Jahre, auch weil für beide Standorte die Änderung des Bebauungsplans notwendig sei.

Von Andreas Hapke

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