Baustoffmangel

Düstere Prognose vom Rohstoffexperten: „Häuser werden unerschwinglich teuer“

Baustoffmangel führt zu heftigen Preissteigerungen und Ausfällen in den Lieferketten. Deshalb geben Experten düstere Prognosen für den Hausbau.

  • Baumaterialien haben sich stark verteuert.
  • Rohstoffmangel führt zu Engpässen in den Lieferketten.
  • Kreishandwerkerschaft fordert Neuverhandlung von Verträgen.

Stuhr – „Die künftigen Häuser werden unerschwinglich teuer sein“, prophezeit Berthold Kruse. Seit zwei bis drei Monaten gebe es erhebliche Preissteigerungen bei Holz, Stahl und Dämmmaterial. Mit dramatischen Worten beschreibt der Rohstoffexperte den Mangel auf dem Markt. Er ist seit rund 40 Jahren im Geschäft und bei Leymann Baustoffe in Brinkum zuständig für den Groß- und Außenhandel. So eine Preistreibung wie jetzt, habe er noch nicht erlebt.

Stahl, Holz und Dämmmaterial haben sich verteuert.

„Wir bekommen teilweise gar kein Material von der Industrie mehr.“ Die Lieferzeiten für gewogenen und geschnittenen Stahl betragen laut Kruse aktuell zwei bis drei Wochen – in normalen Zeiten waren es zwei Tage. Noch schlimmer sehe es bei Glaswolle aus – drei Monate. Früher waren es maximal 14 Tage, und damals sei das Nadelöhr das Frachtvolumen auf den Straßen gewesen und nicht die Verfügbarkeit, so Kruse.

„Für diese Verknappung gibt es keine vernünftige Erklärung“, sagt der Außenhandelsleiter. Produktionsausfälle durch Corona? „Letztes Jahr war das viel schlimmer“, sagt er. Darauf habe sich die Industrie längst eingestellt, ist er überzeugt.

Als weitere Gründe für die Verknappung der Werkstoffe zählt Kruse den weltweiten Bauboom sowie das Aufkaufen des heimischen Rohstoffmarktes durch Unternehmen in den USA und China auf.

Verknappen die Lieferanten?

Kruse sieht zudem eine Verknappung der Baustoffe durch die Hersteller selbst. Das Phänomen ist nicht neu, berichtet er. Rohstoffproduzenten versuchten seit Jahrzehnten stets im Frühjahr die Preise durch künstliche Verknappung in die Höhe zu treiben, das sei in der Branche bekannt. Normalerweise breche dann die Preiswelle im April. Das tat sie dieses Jahr nicht, so Kruse. Schlimmer noch: Ein Ende des Preisanstiegs ist nicht absehbar.

Auch Kunststoff verteuert sich. Mittlerweile kostet er 40 Prozent mehr, verglichen zum Vorjahr, sagt Rohstoffexperte Kruse. Der Mangel schlägt sich auf den Nachschub durch. 50 bis 60 Züge belieferten üblicherweise die 14 Leymann-Filialen im Land pro Monat mit Extruderschaum (Polystyrol-Granulat). Heute seien es nur noch sieben bis acht, erzählt er. „Irgendwann kann Material nicht mehr verpackt werden“, sagt Kruse. Er nennt Lebensmittel im Supermarkt als Beispiel. Zusätzlich würden aufgrund des Holzmangels keine neuen Paletten hergestellt. „Die Transportkette kommt ins Stocken.“

Ähnlich sieht es Lutz Hollmann, Geschäftsführer der Hoch- und Tiefbau Grundwasserabsenkungen Gesellschaft in Stuhr-Moordeich. „Die Nachfrage nach Baustoffen ist momentan riesig.“ Lieferanten warnten in Rundschreiben vor Knappheit, geben nur noch Tagespreise an und stellen die Verfügbarkeit von Baustoffen unter Vorbehalt. „So eine Situation hat es noch nicht gegeben“, sagt Hollmann.

Möglicherweise werde das Baustoff-Angebot durch Lieferanten künstlich verknappt, um weitere Gewinne einzustreichen, spekuliert auch Hollmann. Zu den Produktionsengpässen in Amerika und China, „scheint es von den Herstellern verursachte Gründe zu geben.“

Da die Produktionsengpässe absehbar gewesen seien, habe sein Unternehmen „vor Wochen“ Materialien für laufende und geplante Baustellen auf Lager bestellt. Bei Hollmann sind insbesondere Kanalrohre und Dämmstoffe von Lieferverzögerungen betroffen, so der Geschäftsführer. In normalen Zeiten bezöge er das Baumaterial ohne Lagerhaltung just-in-time (gerade zur rechten Zeit).

„Unsere Hauptbaustoffe sind mineralischer Art.“ Bei Beton und Kalksandstein gebe es keine „wahnsinnigen“ Preisschwankungen, so Hollmann. Der Preis für Holz hingegen habe sich seiner Einschätzung nach um rund 100 und der von Stahl um etwa 50 Prozent verteuert.

Möglicherweise normalisiert sich die Lage im Laufe des Jahres, hofft Hollmann. Falls die Baustoffverknappung langfristig anhalte, befürchtet er Baustopps. Auswirkungen habe der Mangel an Baustoffen auch für künftige Häuslebauer. „Wenn die Dämmung unter der Beton-sohle ausbleibt, ruht die ganze Baustelle.“ Das könne Arbeitsplätze kosten und bedeute weiter steigende Preise bei Bauvorhaben.

Besorgt ist auch Jens Leßmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, dass der Rohstoffmarkt „explosionsartig“ leer gefegt wurde. „Das kann bei einigen Handwerksbetrieben existenzbedrohend werden“, ist er überzeugt und erhebt zwei Forderungen.

Verträge neu verhandeln

Erstens, Vertragsparteien sollten in Preisverhandlungen treten. Oft fehle eine Preisgleitklausel zwischen Auftraggebern und Bauunternehmen. Das heißt, der Auftragnehmer bleibt bei steigenden Rohstoffpreisen während der Bauphase auf den zusätzlichen Kosten sitzen. Den Auftrag unter den derzeitigen Bedingungen zu vollenden, stelle laut Leßmann daher oft ein wirtschaftliches Minusgeschäft dar. Eine Lösung könne die Rechtsfigur des „Wegfalls der Geschäftsgrundlage“ sein. Dabei ändert sich die Grundlage eines Vertrags so sehr, dass er für eine Seite unzumutbar wird und ihr ein Kündigungsrecht einräumt.

Zweitens, müsse die Politik den heimischen Markt schützen, fordert Leßmann. Auch Rohstoffexperte Kruse hofft auf eine strikte Ausfuhrbeschränkung der betroffenen Baustoffe in der Europäischen Union. Die Thematik werde langsam zu einem „Politikum“.

Rubriklistenbild: © Roland Weihrauch/dpa

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