Seit 50 Jahren gibt es in Varrel eine Kirchengemeinde / Ausfall des Festes ist „supertraurig“

Gründung um des Friedens willen

Sie kämpften für das kirchliche Gemeindeleben in Varrel: Christa Böschen (l.) und Ilse Düßmann.
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Sie kämpften für das kirchliche Gemeindeleben in Varrel: Christa Böschen (l.) und Ilse Düßmann.

Varrel – Alles begann mit einem „Kirchenkampf“. So beschreiben Ilse Düßmann und Christa Böschen die Gründung der Kirchengemeinde Varrel vor 50 Jahren. Die beiden müssen es wissen: Sie waren von Beginn an Mitglieder des Gemeindekirchenrats. Und sie hatten mitgekämpft, um in Varrel kirchliche Gemeindearbeit zu etablieren.

Im Grunde war es eine Personalie, die den Stein ins Rollen brachte. Pastor Michael Schmidt – laut Ilse Düßmann „modern und etwas links“ – war nicht gut gelitten beim Gemeindekirchenrat, der damals für Stuhr und Varrel zuständig war. Ihm drohte die Zwangsversetzung.

Aus dem Freundeskreis um Schmidt wurden im November 1969 neue Kirchenälteste eingeführt, inoffiziell und unter Protesten im Stuhrer Gotteshaus. „Wir sind auf den Stuhrer Gemeindekirchenrat zugegangen und haben ihn gebeten, mit uns zusammenzuarbeiten. Doch die wollten uns nicht haben“, erinnert sich Böschen.

Die Entscheidung, in Varrel eine Kirchengemeinde zu gründen, habe die Synode im November 1970 um des Friedens willen getroffen, erzählen Böschen und Düßmann. Schmidt bewarb sich nicht auf die Stelle des Pastors. „Nach diesen Jahren des kräftezehrenden Kampfes, mit bösartigen Verunglimpfungen und Behauptungen, Unterstellungen und hasserfüllten Beschimpfungen gegen ihn und seine Familie“, seien er und seine Frau wohl zermürbt und mutlos gewesen, vermutet Bernhard Brand in seinem Beitrag im aktuellen Gemeindebrief.

Der Stuhrer Pastor Walter Rinke übernahm kommissarisch, bis Hans-Jost Schütte 1973 als Varrels erster Pastor ins Amt eingeführt wurde und den Bau des Gemeindehauses begleitete. Es wurde unter anderem durch den Verkauf von Grundstücken der Stuhrer Mutterkirche finanziert und im Herbst 1975 eröffnet. Chöre, Krabbel- und Jugendgruppen und der Bastel-, Frauen- und Spielkreis fanden dort ihr Zuhause.

Uwe Harms, Sieghardt Kappus, Rüdiger Gehrmann und Volker Ekert hießen die weiteren Geistlichen in den ersten 25 Jahren. „Das hat uns schon den Ruf eingebracht, Pastoren zu verschleißen“, berichtet Christa Böschen. Das stimme so nicht.

Was die Jugendarbeit anging, habe die Messlatte in Varrel immer hoch gelegen, sagt Düßmann. Deshalb sei man vielleicht mit dem einen oder anderen Pastor nicht so zufrieden gewesen. Doch häufig waren die Umstände des Personalwechsels unvorhersehbar, mitunter sogar tragisch. Der eine Pastor starb, der andere zog aus gesundheitlichen Gründen an die Küste, ein dritter begann mit einer neuen Frau andernorts ein neues Leben.

Einen Aufschwung erlebte die Jugendarbeit unter Harms, der Ende 1978 in sein Amt eingeführt wurde. Ihm gelang es, viele Jugendliche für die Kirchenarbeit zu gewinnen. Der Varreler Nachwuchs brach zu Sommerfreizeiten in Frankreich, Schottland und Finnland auf. „In der politischen Gemeinde gab es noch keine Jugendarbeit“, sagt Böschen. „Für die Anmeldungen zu den Fahrten haben sich die Leute um 4 Uhr morgens am Pfarrbüro angestellt. Viele Eltern hatten doch sonst keine Chance, ihren Kindern einen solchen Urlaub zu ermöglichen.“ Zahlreiche Neubürger hätten sich wegen des Gemeindelebens für Varrel entschieden. Laut Böschen hatten sie gehört: „Da musst du hin, da wird Kirchenarbeit gelebt.“

Unter Harms begannen auch die Pfingstgottesdienste auf Gut Varrel. „Pfingsten waren wegen des Jugendfußballturniers immer alle auf dem Sportplatz. Also hat sich Pastor Harms entschieden, die Kirche zu den Menschen zu bringen“, berichtet Düßmann. Eine runde Sache sei das gewesen: erst Gottesdienst, dann Frühschoppen, dann Fußball und Erbsensuppe. Eigens für den Open-Air-Gottesdienst hat Heinz Düßmann als Vorsitzender des Fördervereins Gut Varrel ein Kreuz aus Eiche und Pappel gefertigt. „Niemand hatte einen Freilandgottesdienst“, stellt Böschen fest. „Nur das kleine Varrel.“

Mit Mitteln aus dem unter Schütte angelegten Glockenfonds ließ die Kirchengemeinde Ende der 1980er-Jahre einen Glockenturm bauen, unter Ekert kaufte sie 1 000 Quadratmeter Grundstück für die Kinderbetreuung hinzu. Auf Ekerts Vorschlag hatten die Verantwortlichen Quadratmeter an die Bevölkerung verkauft, als Dankeschön gab es von Düßmann gemalte Urkunden. „Mir gehören auch vier Quadratmeter“, sagt die 86-jährige Böschen. „Wenn ich mal nichts mehr habe, komme ich mit meinem Liegestuhl und stelle den da auf.“

Immer wieder gab es Initiativen zum Wohle der Kirchengemeinde, allen voran die Spenden des von 1982 bis 2016 aktiven Basarkreises. Laut Böschen kamen insgesamt fast 88 000 Euro zusammen. Das Geld floss unter anderem in die Anschaffung einer zweiten Kirchenglocke.

Im Laufe der Jahre erhielt das Gemeindehaus neue Fenster, gestaltet von einer Künstlerin aus der Varreler Partnergemeinde Kroppen (bei Dresden), und eine Tür zur Terrasse, „damit wir Gemeindefeste besser organisieren und Kinder den Spielplatz leichter erreichen konnten“, sagt Düßmann.

Die heute 79-Jährige hatte als stellvertretende Kirchenratsvorsitzende in Zeiten der Vakanzen die Verantwortung. Sie habe das ganz hervorragend gemacht, sagt Böschen. „Wenn wir sie nicht gehabt hätten, dann hätte es gewiss Schadenfreude der Kritiker aus Stuhr gegeben.“

Heute sind solche Emotionen kein Thema mehr. Die Kirchengemeinden kooperieren wie selbstverständlich. „Die Denke hat sich verändert. Wir sind ein Team“, sagt Böschen. Dies mag auch mit der Konstanz durch die langjährigen Pastoren Bernd Rüger und Eike Fröhlich zu tun haben. Allein Fröhlich ist jetzt fast auf den Tag genau 13 Jahre in Varrel. Düßmann: „Sie kam hier an, und alles hat sofort gepasst.“

„Es waren harte und schöne Zeiten“, sagt Ilse Düßmann. Jetzt gerade ist die Zeit wieder etwas härter. Denn nur allzu gerne hätten die Varreler ihr Jubiläum groß gefeiert, doch Corona funkt wie überall dazwischen. Zum 25-jährigen Bestehen gab es noch eine ganze Festwoche. „Das ist supertraurig“, sagt Düßmann. Doch vielleicht geht ein bisschen was. Die Hoffnung liegt auf Fröhlich, die sich laut Düßmann immer viel einfallen lässt. Zudem setzt Böschen auf den neuen kirchlichen Entwicklungsraum Delmenhorst-Stuhr-Weyhe, der ebenfalls für kreative Ideen stehen soll.

Von Andreas Hapke

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