Schulsozialarbeit an der KGS Brinkum

Wie sich der Job wegen Corona verändert

Ariane Vollmer steht vor der KGS Brinkum.
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„Egal, wo man langläuft, die Kinder wollen über alles reden“, hat Sozialarbeiterin Ariane Vollmer festgestellt.

Der Job von Ariane Vollmer, Sozialarbeiterin an der KGS Brinkum, hat sich in Zeiten von Corona stark verändert. Sie registriere bei den Schülern einen erhöhten Gesprächsbedarf, berichtet sie. Doch ihr Kontakt zum Nachwuchs, der von Empathie lebe, sei ohne Mimik und Berührungen stark eingeschränkt. 

Brinkum – Keine Klassenfahrten, kein Schüleraustausch, keine Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag. Unterricht zu Hause oder in halber Klassenstärke. Darüber, welche Einschränkungen die Pandemie für Lehrer und Schüler mitbringt, ist bereits viel geschrieben worden. Doch was bedeutet Corona für die Schulsozialarbeit, die von Präsenz und Empathie lebt?

Im Gespräch mit der Kreiszeitung erzählt Ariane Vollmer, Sozialarbeiterin an der KGS Brinkum, wie sich ihr Job verändert hat.

Sozialarbeit vor Corona, das waren unter anderem wichtige Projekte in den Klassen, etwa „Wir sind stark“. „Da haben wir ganz automatisch registriert, wo es Probleme bei einzelnen Kindern oder in der Gruppe gibt“, berichtet Ariane Vollmer. „Oder sie rangelten auf dem Schulhof und wir haben gesehen, was da los ist.“ Nun sei das eine wie das andere tabu. Ariane Vollmer ist darauf angewiesen, dass ihr Auffälligkeiten zugetragen werden – auch das in vielen Fällen ohne persönlichen Kontakt. „Gespräche mit Eltern, Lehrern oder externen Beratern passieren jetzt ganz viel telefonisch. Oder ich werde schriftlich informiert.“

Dem Nachwuchs selbst begegne sie immer noch persönlich. Nach Terminvergabe wohlgemerkt, damit es keine Ansammlungen vor ihrem Büro gebe. Die Lehrkräfte würden bei der Organisation helfen. Sie sei froh darüber, wie gut die Kooperation mit dem Kollegium laufe, sagt Ariane Vollmer. Doch die Treffen mit den Schülern gestalteten sich schwierig. „Durch die Maske fehlt die Hälfte der Mimik, man schaut sich nur noch in die Augen. Ich erkenne nicht mehr an den Mundwinkeln, ob das Kind lacht oder gleich anfängt zu weinen. Dann muss man laut reden, man brüllt sich ja fast an“, stellt die Sozialarbeiterin fest. Ihr fehle es, die Schüler mal in den Arm zu nehmen.

„Das ist ungemein schwierig“

Speziell für die Fünft- und Sechstklässler sei das immer eine Selbstverständlichkeit gewesen: „Die haben gerade noch auf dem Schoß der Erzieherin gesessen. Nun ist Nähe nicht möglich, man muss sie ständig zurechtweisen. Mit Emotionen auf Distanz arbeiten – das ist ungemein schwierig.“

Bei der Problemlösung stößt Ariane Vollmer ebenfalls an ihre Grenzen. Beispiel Mediation zwischen zwei Kindern: „Eines kommt, das andere nicht, weil es im Homeschooling ist und den Termin vergessen hat. Früher haben wir uns die Schüler dafür aus der Klasse geholt. Sie jetzt mal eben zu greifen, das geht nicht mehr.“ Hinzu komme, dass eine Lösung auch bei der Einzelbetreuung „in den seltesten Fällen“ nur mit dem Kind allein herbeizuführen sei. Eltern, Freunde und Mitarbeiter externer Institutionen trügen ebenfalls dazu bei. In diesem Kreis sind Treffen aber zurzeit nicht möglich. Da heißt es wieder, zum Telefon zu greifen.

Der Gesprächsbedarf sei beim Nachwuchs gerade „sehr viel größer“ als vor Corona, hat Ariane Vollmer festgestellt. „Egal, wo man langläuft, die Kinder wollen über alles reden. Der Hund ist neu, die Katze gestorben, die Oma krank. Die Sorgen vor den anstehenden Prüfungen, bei Schülern und bei Eltern, fallen auch in unseren Bereich.“ Die ganz großen und in den Medien viel beachteten Themen wie häusliche Gewalt seien ihr bislang nicht zu Ohren gekommen.

Die Anzahl der Gespräche seien zwar zurückgegangen. „Doch die Situation kann man nicht mit der vor der Pandemie vergleichen. Lange waren nur die Abschlussklassen vor Ort, jetzt sind es die Hälfte der Schüler. Viel passiert über E-Mails.“ Dass sie ihre „Pappenheimer“ von vor Corona aus den Augen verliert, passiere aber nicht. „Da bin ich hartnäckig. Bei ihnen kann ich auch aus der Ferne beobachten, ob sie zum Beispiel mittendrin oder isoliert sind.“

Sorgen der Sozialarbeiter

Wie in anderen Lebensbereichen sei auch in der Schule das Selbstverständliche während der Pandemie abhandengekommen: zusammenstehen und sich unterhalten zum Beispiel. „Es gibt viele Regeln, die für Schüler verpflichtend, aber nicht transparent sind. Von ihnen wird viel Disziplin und Eigeninitiative erwartet. Es fehlt ihnen oft an Motivation für selbstständiges Arbeiten“, sagt Ariane Vollmer. Dass Lernen jetzt anders funktioniere, bereite den Schülern ebenfalls Kummer. Die Sorge der Sozialarbeiterin: „Uns gehen die Kinder verloren. Auch die Eltern sehen und wissen nicht, was ihr Kind tut. Wir müssen erkennen, wie es den Kindern wirklich geht. Nicht nur in Mathe, sondern auch im sozialen Bereich.“

Auch aus einem anderen Grund hat sich der Job für Ariane Vollmer verändert: Seit den Osterferien ist sie die einzige Sozialarbeiterin an der KGS Brinkum. Ende März hat Stefanie van Bargen die Schule verlassen, um sich „anderen Aufgaben zuzuwenden“, wie Vollmer es formuliert. Ihre Kollegin Annika Reiners befindet sich in Elternzeit. „Wir hatten uns die Jahrgänge aufgeteilt, um die Schüler jeweils bis zum Abitur begleiten zu können“, erzählt Vollmer. Nun sei sie erst mal für alle Mädchen und Jungen zuständig. Hinzu kommen Aufgaben in der Berufsorientierung. Vollmer betreut die Neuntklässler des Hauptschulzweigs, die mittwochs praktische Erfahrungen an der BBS Syke sammeln, etwa in Jobs mit holzverarbeitenden, logistischen oder kosmetischen Schwerpunkten. Das allerdings funktioniere zurzeit nur online. „Früher habe ich sie in Syke besucht, jetzt muss sich aufpassen, dass sie ihre theoretischen Aufgaben erledigen.“

Auch die Bewerbungspraxis hat sich ins Internet verlagert. Vollmers findet das schwierig: „Nicht jeder Schüler hat einen Rechner und kann sich zuhause Unterlagen ausdrucken. Im Zweifel nutzen sie ihr Handy mit W-Lan vor McDonalds. Doch Foto hochladen oder Lebensläufe anfertigen geht auf dem Handy schlecht. Schwerpunktmäßig erfolgt die Betreuung in solchen Fällen durch mich oder die Lehrer. Was kann ich noch tun, damit die Schüler gut raus in die Welt kommen? Darüber mache ich mir Gedanken.“ Mangels weiterer Sozialarbeiter fehle ihr hier wie auch in anderen Fragen der Austausch. Vieles müsse sie mit sich selbst ausmachen.

Ob sie bereits Auswirkungen der Pandemie bei den Kindern bemerkt? „Aktuell spüren wir die Konsequenzen noch nicht“, sagt Ariane Vollmer. „Das kommt in den nächsten Jahren. Vieles, was zum Sozialen Lernen gehört, fällt weg, auch in der Freizeit: weggehen, Mädchen oder Jungen kennenlernen, am anderen lernen.“ Für die Sozialarbeiterin bedeutet das für die Zeit nach Corona vor allem: „Weniger Mathe und Englisch. Dafür mehr soziale Intervention.“ Auf dass die Defizite im gesellschaftlichen Miteinander vielleicht doch irgendwann mal kompensiert werden.

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