Interview mit Nicole Feldmann-Paske

Gleichstellungsarbeit in Stuhr: „Sehr massive“ Beeinträchtigung durch die Corona-Pandemie

Die Gleichstellungsbeauftragte Nicole Feldmann-Paske.
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Die Gleichstellungsbeauftragte Nicole Feldmann-Paske ist bestrebt, coronabedingte Defizite bei Eltern und Mädchen durch geförderte Projekte aufzufangen.

Die Corona-Pandemie hat die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten Nicole Feldmann-Paske nach eigener Auskunft „sehr massiv“ beeinträchtigt. Insbesondere für Eltern und Mädchen sei viel weggebrochen. Entstandene Defizite sollen durch geförderte Projekte behoben werden.

Stuhr – Nach vier Jahren hat die Gleichstellungsbeauftragte Nicole Feldmann-Paske wieder einen Tätigkeitsbericht im Gemeinderat vorgetragen. Die Kreiszeitung nahm dies zum Anlass, mit ihr über ihre Arbeit in Zeiten der Pandemie, über anstehende Projekte und mehr zu sprechen.

Frau Feldmann-Paske, Ihrem Tätigkeitsbericht haben diesmal noch weniger Frauen zugehört als beim letzten Mal, ihr Anteil ist nach der Kommunalwahl gesunken. Das kann ihnen nicht gefallen.

Nein, denn die paritätische Besetzung des Gremiums ist wichtig. Im Rat gestalten wir die Lebensrealität. Dann ist es auch bedeutend, dass der Rat ein breites Spektrum der Lebensrealität abbildet. Mit dem Mentoringprogramm (Frau.Macht.Politik, die Red.) haben wir versucht gegenzusteuern. Tatsächlich haben es alle vier Mentees in den Gemeinderat geschafft. Freude darüber war meine erste Reaktion. Meine zweite war: Schade, der Anteil ist trotzdem gesunken.

Was kann man noch tun, damit sich etwas ändert?

Wir können noch mal genauer hinsehen, wie die Wahllisten gestaltet werden. Wie wird entschieden, wer auf der Liste wo steht? Viele Parteien machen das schon im Reißverschlussverfahren, aber nicht alle. In meinem Bereich geht es um Frauen, aber auch um Diversität. Wie erreiche ich es als Partei, Menschen zu interessieren? Da braucht es noch mal Ideen. Das Mentoringprogramm würde ich in dem Kontext als Erfolg bezeichnen.

In der Öffentlichkeit waren Sie zuletzt weniger präsent. Wie hat die Pandemie Ihre Arbeit beeinflusst?

Sehr massiv. Viele Aktivitäten im Gleichstellungstreff „Sie(h)da“ haben gar nicht stattgefunden, viele Beratungsleistungen nur digital. Für meine Arbeit bedeutete die Situation noch mal eine Fokussierung darauf, wie wir im Rathaus Gesundheitsschutz, Aufgabenerfüllung sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter einen Hut bekommen können. Das war zwar immer schon Thema im Gleichstellungsbüro, doch Corona hat die Dinge beschleunigt. Vorher war mobiles Arbeiten nur als Ausnahmetatbestand vorhanden, Videokonferenzen gab es nicht. Plötzlich mussten sich Leitungskräfte mit der Frage beschäftigen, wie sie den Austausch gewährleisten können. Wir haben alle ziemlich schnell dazugelernt.

Welches Angebot hat besonders unter Corona gelitten beziehungsweise leidet gerade darunter?

Die Krabbelgruppe im „Sie(h)da“ findet nicht statt. Das ist ein wichtiger Austausch für die Teilnehmenden. Wie entwickelt sich mein Kind? Was hast du für dieses oder jenes Problem für eine Lösung gefunden? Das ist ein niedrigschwelliges Angebot für Eltern, da passiert viel in Sachen Vernetzung und Austausch. Es gibt einen Gesprächsbedarf unter ihnen. Wir haben Eltern dann die Aufnahme in eine WhatsApp-Gruppe angeboten, doch die ist nur bedingt angenommen worden. Für die Eltern ist viel weggebrochen. Frauen haben noch mal eine höhere Betroffenheit.

Welche Einschränkungen gab es noch?

Es gab auch keine Vorbereitungs- und Rückbildungskurse mehr. Das kann für Frauen gesundheitliche Spätfolgen bedeuten. Darüber hinaus ist der Austausch von Fachkräften, die sich in verschiedenen Institutionen mit der Mädchenarbeit beschäftigen, das Netzwerk Mädchen, pandemiebedingt zum Erliegen gekommen. Auch an meinem Arbeitsplatz. Das Netzwerk konnte erst 2021 seine Arbeit wieder aufnehmen. Alle Kinder waren in der Pandemie viel allein zu Hause, ihr Alltag war von Strukturlosigkeit geprägt. Depressionen haben zugenommen, das trifft insbesondere auf Mädchen zu.

Kann man die Defizite wieder auffangen? Und wenn ja wie?

Mit dem Elterntalk bekommen wir für drei Jahre ein niedrigschwelliges Format von der Landesjugendstelle gefördert. Eltern laden andere Eltern zu sich ein, oder sie treffen sich im „Sie(h)da“ in Gruppen von maximal zehn Personen. Dabei tauschen sie sich über Themen aus, die vorbereitet sind, etwa Erziehung oder Medien. Smartphone ist noch okay? Wie kann ich Regeln und Grenzen setzen? Das Ganze wird unter Gleichstellungsaspekten diskutiert und von Moderatorinnen oder Moderatoren begleitet. Ihre Schulung erfolgt in Kooperation mit dem Förderverein Treffpunkt Sie(h)da. Ein solcher Austausch wäre auch ohne Corona sinnvoll gewesen, doch so ist der Projektzeitpunkt natürlich ein guter.

Wie sieht die Unterstützung für die Mädchen aus?

Das Netzwerk Mädchen hat für das Jahr 2022 ein Projekt erarbeitet mit dem Ziel, die Kompetenzen und Fähigkeiten der Mädchen zu fördern. Mädchen sollen ihre Eigenständigkeit neu erfahren, ihre Lebenswelt wieder aktiv mitzugestalten. Auf Einladung des Netzwerkes sollen 15 Mädchen ab 14 Jahren davon profitieren. Dafür haben wir einen Förderantrag gestellt, über den Förderverein „Sie(h)da“ beim Land Niedersachsen in Kooperation mit dem Deutschen Kinderschutzbund. Eine Projektbewilligung steht noch aus. Unter anderem sollen ein Selbstverteidigungsangebot dabei sein, Theaterpädagogik mit interkulturellen Fragestellungen und ein gemeinsames Kochevent mit den Eltern.

Laut Gleichstellungsbericht ist die „Verwirklichung des Verfassungsauftrages der Gleichstellung von Frau und Mann innerhalb der Verwaltung“ einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte. Wie sehen Sie das Rathaus dahingehend aufgestellt?

Nicht schlecht. Wir haben viele Punkte, wo wir schon hingucken. Wie die Kolleginnen und Kollegen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mitdenken. Wie wir Personalauswahlverfahren gestalten. Aber es sind noch nicht alle Punkte aus dem letzten Gleichstellungsplan umgesetzt.

Was fehlt denn noch?

Die Ausbildung in Teilzeit. In welchen Bereichen haben wir die Möglichkeit, das anzubieten? Darüber hinaus soll bei anstehenden Personalentscheidungen bei gleicher Eignung, Befähigung und Leistung das jeweils unterrepräsentierte Geschlecht bevorzugt berücksichtigt werden. Dann ist die Handreichung partnerschaftliches Arbeiten noch nicht abschließend bearbeitet. Jede Verwaltung ist verpflichtet, Diskriminierungen zu unterbinden und ein partnerschaftliches Klima zu fördern und aufrechtzuerhalten. Bislang hat die Gemeinde zu diesem Aspekt keine offizielle Regelung. Erste Gespräche sind aber geführt, um eine solche Vereinbarung für Stuhr umzusetzen. Ein institutionelles Schutzkonzept gibt es auch noch nicht (Ziel ist die Kindertagesstätte als sicherer Ort für Kinder, die Red.). Es geht um eine Sensibilisierung der Beschäftigten. Was nehme ich wahr? Wie ordne ich das ein? Für eine Kita wird derzeit ein solches Schutzkonzept entwickelt und steht kurz vor der Fertigstellung. Wir brauchen ein Konzept für alle Einrichtungen, Kitas und Jugendhäuser.

Ihren letzten Tätigkeitsbericht hatten sie 2017 im Rat vorgetragen. Normalerweise beträgt der Turnus drei Jahre. Müsste das nicht häufiger sein?

Die vierjährige Pause ist dem Wechsel im Verwaltungsvorstand geschuldet. Neuer Bürgermeister, neue Erste Gemeinderätin. Drei Jahre sind ein guter Zeitraum, um Sachen auf den Weg zu bringen und abschließend zu bewerten. Vielleicht werden wir nach eineinhalb Jahren ein Zwischenfazit ziehen. Und der dreijährige Turnus bedeutet ja nicht, dass wir zwischendurch nicht auch andere Themen ansprechen.

Von Andreas Hapke

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