Lange Reise beginnt

Brutanlage des Sportfischervereins: Geburtshelfer für Meerforellen

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Beim Aussetzen der Fische packt die Jugend fleißig mit an. Die Jugendgruppe des Vereins ist in den vergangenen Jahren stark angewachsen, von null Mitgliedern auf 40. Auch Lutz hilft mit.

Stuhr - Von Katharina Schmidt. Der Sportfischerverein Bremen-Stuhr hat seit vergangenem Herbst eine eigene Brutanlage. Die ersten Fische sind geschlüpft. Es handelt sich um winzige Meerforellen. Rund 7 .000 der Jungtiere haben die Vereinsmitglieder am Gut Varrel in die Varreler Bäke eingesetzt. Für die Fische ist es der Beginn einer langen und gefährlichen Reise.

Mit zwei durchsichtigen Plastikboxen im Gepäck stapfen einige Mitglieder des Sportfischervereins Bremen-Stuhr (SFV) vom Parkplatz am Gut Varrel zu der wenige Meter entfernten Fischaufstiegstreppe. Es sind Boxen, wie sie üblicherweise genutzt werden, um Ordnung in Schränken zu schaffen. Aber in diesem Moment herrscht in den Behältern alles andere als Ordnung. Sie sind gefüllt mit Wasser, in dem Tausende Baby-Meerforellen hin und her schwimmen. Die bräunlichen Fische sind gerade einmal fünf Millimeter lang.

Das Wasser in den Boxen hat eine Temperatur von etwa zehn Grad. So sind es die kleinen Tierchen von der neuen Brutanlage des Sportfischervereins Bremen-Stuhr gewohnt. Es ist nicht lange her, dass sie dort in kugelrunden Eiern heranwuchsen.

Der Sportfischerverein setzt schon seit gut 20 Jahren Meerforellen in Stuhrer Gewässer ein. Bislang schlüpften die Fische in Ritterhude. Da der dortige Angelverein die Aufzucht aufgegeben hat, hat der SFV Bremen-Stuhr im vergangenen Herbst mithilfe von Sponsorengeldern eine eigene Brutanlage aufgebaut. Sie steht in einem Container auf dem Vereinsgelände an der Norderländer Straße, direkt an der Grenze zwischen Stuhr und Bremen-Grolland.

Die Brutanlage besteht aus mit Wasser befüllten Kästen, in denen die orangefarbenen Fischeier ruhen können. Die Kästen können nebeneinanderstehen, wie die noch mit Eiern befüllte Anlage im linken Bild (mit Peter Lubes), oder übereinander (rechtes Bild, mit v.l. Uwe Wiezorek und Rolf Libertin).

Die Anlage besteht im Wesentlichen aus Kästen, in denen die Fischeier von Wasser bedeckt liegen können. Das Wasser ist temperiert und bleibt immer in Bewegung. Täglich verwenden Mitglieder des Fischervereins ein bis zwei Stunden darauf, nach dem Nachwuchs zu schauen. Sie sortieren abgestorbene Eier - sogenannte taube Eier - mit einer speziellen Pinzette aus, damit sich keine Pilze bilden. Die tauben Exemplare sind nicht leuchtend-orange, sondern milchig-trüb. Mit rund 20 Prozent Verlust ist laut Uwe Wiezorek, zweiter Vorsitzender des SFV, zu rechnen. Dennoch würden in der Anlage weit mehr Brütlinge überleben als in freier Natur.

Die Fische, die nun genau dorthin entlassen wurden, lagen als Eier 40 Tage in der Brutanlage. Wie lange sie brauchen, um zu schlüpfen, lässt sich durch die Wassertemperatur beeinflussen. Meerforellen brauchen 400 Tagesgrade. Sprich: Bei einer Temperatur von nur einem Grad bräuchten sie 400 Tage, bei zehn Grad eben nur 40.

Flussaufwärts in die Nord- und Ostsee

Jetzt werden die Meerforellen zwei oder drei Jahre in Stuhr leben, bevor dann ihre erste große Reise beginnt. Sie schwimmen flussaufwärts in die Nord- und Ostsee, teilweise bis vor die Küsten Norwegens. Wenn sie dann laichfähig sind, nach weiteren drei oder vier Jahren, kommen sie mit einer Länge von 60 bis 90 Zentimetern nach Stuhr zurück - sofern sie so lange überleben. Wiezorek und Rolf Libertin, erster Vorsitzender der Sportfischer, schätzen, dass von den Tausenden ausgesetzten Fischen vielleicht vier bis zehn zum Laichen wiederkehren. Ein verschwindend geringer Teil - aber ein Erfolg für die Fischer. Nach anfänglichen Problemen haben sie es geschafft, einen Forellenstamm heranzuziehen.

Und was ist mit den anderen Fischen? Die meisten werden laut Wiezorek und Libertin im Ozean gefressen, zum Beispiel von Seerobben oder Walen. Manche würden vermutlich schon direkt nach dem Einsetzen in die Varreler Bäke an Stress sterben - obwohl die Vereinsmitglieder sie behutsam mit einem Kescher zunächst von der Plastikbox in eine Schale legen, wo sie sich langsam an kälteres Wasser gewöhnen können, bevor es ab in den Fluss geht.

Bestand der Meerforellen schützen

Heimische Fischer seien die geringste Bedrohung. „Die Angler sind so sensibel, dass sie viele Tiere zurücksetzen“, so Libertin. Wiezorek ergänzt, dass eine Meerforelle aus Stuhrer Gewässern in der Regel eh nicht verwertbar sei. Alle Fische dieser Art, die zurückkehren würden, hätten die Absicht, sich zu vermehren, und würden daher das Fressen einstellen. „Wenn die hier abgelaicht haben, sind das Hungerhaken.“ Nachdem die Meerforellen abgelaicht haben, ziehen sie wieder ins Meer - und das Spiel beginnt von vorne.

Wenn die Angler Glück haben, schaffen sie es, ein wenig in die Natur einzugreifen. Sie fangen Elterntiere beim Elektrofischen und streifen sie ab. Das bedeutet, dass sie die Eier mit gezielten Bewegungen aus dem Bauch des weiblichen Fisches streichen und mit Samen von männlichen Fischen vermischen. Durch diese Art der künstlichen Befruchtung entstehen neue Brütlinge. Die Elterntiere werden zurück ins Wasser gesetzt.

Der Verein macht sich die Mühe, weil er den Bestand der Meerforellen schützen will, denn noch gibt es nicht genügend Kiesbetten als natürliche Laichgebiete. Oder, wie es Rolf Libertin mit einem Schmunzeln formuliert: „Die Fische werden von uns so liebevoll ausgesetzt, damit sie sich an uns erinnern und zu uns zurückkommen.“ Laut ihm und Wiezorek steckt hinter all dem viel Enthusiasmus der Vereinsmitglieder.

In der Brutanlage befinden sich noch knapp 20 .000 weitere Eier, die aller Voraussicht nach noch in dieser Woche schlüpfen werden. Es handelt sich um Brütlinge eines Delmenhorster Vereins, mit dem die Stuhrer kooperieren. Insgesamt hat die Anlage Kapazitäten für bis zu 60. 000 Eier. Laut Wiezorek wird die maximale Belegung aber eher bei 40 .000 Eiern liegen. Künftig will der SFV nicht nur Forellen züchten, sondern auch andere Fische.

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