Release: Reflexion über Sucht wichtig

Führerschein ohne MPU? „Das ist fatal“

Brinkum - Von Andreas Hapke. In jüngster Vergangenheit erreichen unsere Redaktion vermehrt E-Mails, die für den Erwerb eines Führerscheins in Polen trommeln. Der Neuerwerb der Fahrerlaubnis im europäischen Ausland stelle eine „legale Alternative zur deutschen MPU-Auflage“ dar, heißt es. Betroffene könnten ihren aufgrund von Verkehrsverstößen verlorenen „Lappen“ auf diese Weise wiedererlangen. Der Verein Release, der an der Bahnhofstraße Verkehrssünder in mehrwöchigen Kursen auf diese Medizinisch-Psychologische Untersuchung vorbereitet, sieht das naturgemäß kritisch.

Laut TÜV Nord ordnet das Straßenverkehrsamt eine MPU in der Regel an, wenn Fahrer mit schweren oder wiederholten Verkehrsverstößen auffallen. Der häufigste Anlass sind Vergehen unter Alkoholeinfluss – entweder nach erstmaliger Alkoholfahrt ab 1,6 Promille oder wegen wiederholter Trunkenheit am Steuer. Aber auch andere Fälle, wie das Fahren unter Drogeneinfluss, zu viele Punkte im Straßenverkehrsregister oder Aggressionsdelikte, können ein MPU-Gutachten erforderlich machen.

Der Anspruch von Release als Netzwerk psychosozialer Hilfen ist es laut Sprecherin Ilona Drescher, „zu sehen, ob bei dem Betroffenen ein tieferliegendes Problem vorliegt und wie wir dabei helfen können“. Nur derjenige solle eine Fahrerlaubnis wiederbekommen, der mit seinem Suchtproblem verantwortungsvoll umgehe.

„Ich hätte nicht gedacht, dass dies möglich ist“

Das sieht die Fahrschule Junior anders. Sie wirbt auf ihrer Homepage für den Erwerb der Lizenz in Slubice, einer polnischen Grenzstadt zu Frankfurt an der Oder, ohne MPU-Auflage. Einzige Voraussetzung: „Wohnsitzmeldung für 185 Tage ist zwingend vorgeschrieben.“ Werde das eingehalten und durch Polen bestätigt, müsse Deutschland die Lizenz anerkennen. „Ich hätte nicht gedacht, dass dies möglich ist“, sagt Ilona Drescher. Doch der TÜV Nord habe ihr das bestätigt.

Tatsächlich schlägt sich die jüngste Rechtsprechung auf die Seite der Inhaber von EU-Fahrerlaubnissen. Das Oberverwaltungsgericht in Münster etwa hat am 25. Oktober 2016 ein Urteil gefällt (Aktenzeichen 16 A 1638/15), wonach schon der Besitz eines von einem Mitgliedstaat ausgestellten Führerscheins als Nachweis dafür anzusehen sei, dass der Inhaber der Lizenz am Tag der Erteilung die dafür maßgeblichen Voraussetzungen erfüllt habe. Nur wer zum Zeitpunkt des Führerscheinerwerbs seinen Wohnsitz nicht für 185 Tage in dem entsprechenden EU-Ausland hatte, muss mit der Aberkennung des „Lappens“ rechnen.

„Die Abstinenz als positiv erleben“

Für die Oldenburger Suchttherapeutin Sabine Schultz, die bei Release in Brinkum die Vorbereitungskurse auf die MPU leitet, ist eine solche Herangehensweise „fatal“. Ihrer Überzeugung nach müssen die Verkehrssünder ihr Suchtverhalten reflektieren. „Sie müssen selbst dahinkommen, dass sie das Suchtmittel nicht mehr brauchen und die Abstinenz als positiv erleben.“ Schultz spricht von einer „positiven Abstinenzbindung“. Sein Suchtverhalten nicht ändern und sich nur vornehmen, keinen Alkohol mehr zu trinken, funktioniere nicht. „Diese Leute können das nicht kontrollieren. Eine willentliche Entscheidung, ob fahrtüchtig oder nicht, ist nicht mehr gegeben.“ Sie wolle niemandem begegnen, der mit 1,6 Promille über die Autobahn rausche oder sich Nachschub von der Tanke hole.

Abgesehen davon bezweifelt Sabine Schultz den Nutzen der Fahrschulangebote: „Ein halbes Jahr im Ausland gemeldet sein, das muss man auch erstmal hinkriegen.“ Für Februar kündigt Release den nächsten Vorbereitungskurs auf die MPU an.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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