Fremde werden zu Freunden

Treff für Andersliebende in Brinkum kommt gut an

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Stuhr - Von Katharina Schmidt. Vier Monate ist es her, dass Oliver Müller nervös in der ehemaligen Backstube des Brinkumer Mehrgenerationenhauses gesessen und die Eingangstür angestarrt hat. Zwei gute Freunde waren damals an seiner Seite. Ob überhaupt jemand zum ersten Treffen der von ihm ins Leben gerufenen Gruppe „Outright – ein Gesprächskreis für Andersliebende“ kommen würde? Der 31-Jährige zweifelte. Heute weiß er, dass seine Bedenken unnötig waren.

Müller hat seit der Gründung des Gesprächskreises Lesben, Schwule, Bi- und Heterosexuelle begrüßt. Sie kamen nicht nur aus Stuhr, sondern auch aus Syke oder Bruchhausen-Vilsen. Inzwischen hat sich ein fester Kern von sechs Männern herauskristallisiert. Sie sind alle schwul. Menschen mit anderer sexueller Orientierungen sind aber nach wie vor willkommen.

Der jüngste Teilnehmer ist Ende 20, der Älteste zählt um die 70 Jahre. Was führt die unterschiedlichen Generationen regelmäßig zusammen? Müller muss bei dem letzten Treffen des Gesprächskreises nicht lange nach einer Antwort suchen. „Verständnis“, sagt er und blickt in die Runde. Es ist abends, die Mitglieder sitzen um einen Couchtisch herum. Später wollen sie Grünkohl essen. Alle wissen: Ihre Sexualität ist bei „Outright“ kein Problem.

Dieser Umstand ist nicht für alle Teilnehmer selbstverständlich. „Ich bin geoutet worden als Schüler. Es war ein Spießroutenlauf. Es war fürchterlich“, erzählt Mark (Name von der Redaktion geändert). Damals, Anfang der 90er-Jahre, habe er in seinem Biologiebuch von schwulen Phasen bei Jugendlichen gelesen. „Dann habe ich erst einmal gewartet, bis diese Phase vorbeigeht.“ Sein Vater habe ihm eine Elektroschock-Therapie vorgeschlagen. Doch er brauchte keine Behandlung, sondern Verständnis.

„Wenn ich mich oute, ist das gar kein Problem“

Auf dieses ist auch Felix (Name geändert) nicht immer gestoßen. „Ich wurde ein bisschen durch die Gegend geschubst, bis meine Nase geblutet hat“, berichtet er von der Zeit, nachdem er seine Zuneigung zu Männern offenbart hatte. Außerdem sei er angespuckt worden – von einer Person, die sich fünf Jahre später selbst geoutet habe. Felix zuckt gelassen mit den Schultern, während er von seiner Jugend redet. Er ist froh, vor weiteren Vorfällen verschont geblieben zu sein.

„Wenn ich mich oute, ist das gar kein Problem“, schildert Oliver Müller seine Erfahrungen. „Es ist nie über einen blöden Spruch hinausgegangen.“ „Ich glaube, dass Schüchterne größere Probleme haben“, wirft Mark ein.

Er findet es gut, dass bei dem Gesprächskreis keiner genötigt wird, Klischees zu bedienen. „Wo ist eigentlich deine Regenbogenfahne?“, fragt Oliver Müller daraufhin ironisch. Die Männer lachen. Keinen von ihnen sieht man die sexuelle Orientierung an. „Im Ernst: Nur weil man schwul ist, hüpft man nicht automatisch tanzend im Ballett-Tutu durch die Gegend. Wir sind ganz normale Menschen – außer dass wir uns in das gleiche Geschlecht verlieben“, führt der Initiator des Gesprächskreises weiter aus.

An diesem Abend diskutieren die Mitglieder viel. Zum Beispiel darüber, dass in Berlin Homosexuelle in Schwulenvierteln überfallen werden. Darüber, dass die Toleranz in Brinkum ihren Erfahrungen zufolge hoch ist. Und darüber, dass Schwule nicht Blut spenden dürfen.

Normalerweise reden sie nicht in dem Ausmaß über Politisches, stellt Müller klar. „Zwischen Fremden, die zusammenkamen, weil sie etwas teilen, das manchmal immer noch als fremd gilt, hat sich langsam eine zarte Bande der Freundschaft entwickelt.“ Mittlerweile seien gemeinsame Konzert- und Theaterbesuche geplant. Auch Vorträge oder eine größere Veranstaltung im Mehrgenerationenhaus malt er sich aus. „Falls also jemand eine gute Idee hat, dafür habe ich immer ein offenes Ohr.“ Er hofft, in Zukunft mehr Menschen zu erreichen und Hemmschwellen abzubauen.

Die „Outright“-Treffen sind jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus Brinkum. Neue Gesichter sind willkommen – Alter, Geschlecht und sexuelle Gesinnung sind egal.

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