Flüchtlingspate Arndt Sobirey hilft Syrern bei der Integration / Mitstreiter gesucht

„Wir haben hier eine neue Familie gefunden“

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Flüchtlingspate Arndt Sobirey (l.) und Übersetzer Hussein Moubarak (r.) mit dem syrischen Familienvater, der aus Angst vor Verfolgung anonym bleiben möchte.

Moordeich - Von Andreas Hapke. Den Flüchtlingen ein bisschen Zeit schenken – dazu müssten die Bewohner Stuhrs bereit sein, sagt Arndt Sobirey. Er selbst bringt diese Bereitschaft mit und engagiert sich seit März dieses Jahres als Flüchtlingspate. Der Unternehmensberater begleitet eine siebenköpfige Familie, die wegen des Kriegs ihre syrische Heimat verlassen musste. Aus Angst vor politischer Verfolgung möchte sie auch nach rund zehn Monaten in Stuhr anonym bleiben.

Wenn Sobirey bei der Familie zu Besuch ist, schaut er schnell die aktuelle Post durch. „Letztens gab es eine Mahnung für die Miete in der alten Wohnung. Ein Missverständnis.“

In der Kommunikation mit Flüchtlingen sind Missverständnisse an der Tagesordnung, weiß Hussein Moubarak, der als ehrenamtlicher Dolmetscher und Asylbegleiter tätig ist. „Am Anfang müsste jemand da sein, der sie versteht, der Arabisch spricht.“

Solange das bei den Behörden nicht der Fall ist, kommt es auf Menschen wie Sobirey an. „Manchmal ist es wichtig, dass zum Beispiel jemand bei der Unterschrift des Mietvertrags dabei ist und sagt: ,Es ist okay, das ist nichts Schlimmes, das kannst du ruhig unterschreiben.‘“

Sobirey hat im Juli auch den Umzug in die neue Wohnung in Moordeich organisiert. Er hat Helfer zusammengetrommelt und „über einen meiner Kunden ein Fahrzeug zu einem guten Preis bekommen“. Der 48-Jährige nimmt in der Schule an Elterngesprächen teil, weil die Syrer nicht verstehen würden, wie es dort um ihren Nachwuchs bestellt ist. Er fährt mit den Kindern zum Augenarzt, wenn sie eine Brille benötigen, oder in die Klinik, wenn der Verdacht auf einen gebrochenen Arm besteht. Gerade die Kommunikation mit Ärzten könne ein großes Problem für Flüchtlinge sein, weiß Sobirey. „Sie bekommen keinen Termin, und selbst wenn, dann verstehen sie die Diagnose nicht.“

Kennengelernt hat er die Familie über die Gemeinde. „Es war schon immer mein Ziel, Flüchtlingen zu helfen“, sagt er. Damals lebten die Syrer noch in einer Unterkunft der Kommune, auf beengtem Raum. „Immerhin hatten sie als große Familie eine Wohnung für sich allein“, sagt Sobirey.

Ihre Ankunft in Stuhr war das Ende einer rund vierjährigen Odyssee. Begonnen hatte sie mit der Bombardierung ihres Hauses in Syrien, übersetzt Moubarak die Schilderungen des Vaters. Von den Hausbewohnern starb niemand, dafür kamen Menschen im näheren Umfeld ums Leben. Sechs Monate tingelte die Familie durch Syrien, bevor es über Ägypten nach Libyen ging. „Am Ende war es da fast schlimmer als in unserer Heimat“, berichtet der Vater. „Diskriminierung, viele Drogen, und schon Kinder trugen Waffen.“ Als Ausländer sei er häufiger damit bedroht worden, doch erst als jemand einem seiner Söhne eine Pistole an den Kopf gehalten habe, seien sie nach zwei Jahren in den Libanon geflüchtet. Nach Auskunft des Vaters kenterten auf der Überfahrt zwei der drei kleinen Flüchtlingsboote, sie selbst sind noch auf dem Meer von italienischen Behörden aufgegriffen worden. Über Neapel und Venedig gelangte die Familie nach Mailand, von wo aus sie den Zug nach Deutschland nahm.

„Wir haben in Syrien alles verloren. Unser Kapital sind jetzt unsere Kinder. Wir wollen, dass sie einen guten Weg gehen, sich bilden, in Frieden leben und vergessen, was sie im Krieg erlebt haben“, erzählt der Vater.

Laut Sobirey ist der Nachwuchs auf einem guten Weg. Die Kinder seien zum Teil sehr gut in der Schule, und der älteste Sohn habe sogar eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker begonnen. Bei der Vermittlung des vorangegangenen Praktikums hatte Sobirey auch seine Hände im Spiel.

„Anfangs hat sich die Familie einsam gefühlt, jetzt geht es ihr gut“, stellt Moubarak fest. Sie habe sich nicht nur mit ihm, sondern dank interkultureller Workshops auch mit anderen Migranten angefreundet. Oder wie es das Familienoberhaupt formuliert: „Wir haben einen Teil der Familie in Syrien gelassen, aber hier eine neue gefunden.“

Damit auch andere Flüchtlinge ankommen in Stuhr, wirbt Sobirey um weitere Mitstreiter. Er will einen Verein für Flüchtlingspaten gründen. 20 bis 25 Paten seien bereits an Flüchtlinge vermittelt. Das Beispiel der von ihm betreuten Syrer sollte seiner Ansicht nach beiden Seiten Mut machen: „Eine Familie mit fünf Kindern, die sich integrieren und bilden wollen. Das ist doch auch gut für unser Land.“

• Wer sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit als Flüchtlingspate interessiert, schreibt eine Mail an die Adresse info@pb-stuhr.de oder wendet sich unter Ruf 0421/80609874 an die Freiwilligenagentur, die den Kontakt herstellt.

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