„Hat zum Glück geklappt“

Exotin in der Höhe: Stuhrerin Lucie Holsten macht eine Ausbildung zur Dachdeckerin

Mädchen und Mann in einer Werkstatt.
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Im Schulungsraum: Lucie Holsten beim Warmgasschweißen einer Kunststoffabdichtungsbahn. Junior-Chef Kristian Kröff schaut zu.

Stuhr – Laut Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks lag der Anteil der Frauen in der Dachdecker-Ausbildung im Februar 2020 bei „immer noch sehr geringen“ zwei Prozent. Mit ihrer Lehre in diesem Beruf gehört die Stuhrerin Lucie Holsten also zu den Exotinnen.

Stuhr - Die 18-jährige Lucie Holsten absolviert gerade ihr zweites Ausbildungsjahr bei der Firma Kröff in Brinkum – und fühlt sich dort sehr gut aufgehoben. Das mehr als 50 Jahre alte Familienunternehmen hat laut Junior-Chef Kristian Kröff selbst erst vier Mitarbeiterinnen gehabt. Ganz genau könne er das aus dem Stehgreif aber nicht sagen.

Dass der Papa von Lucie Holsten ebenfalls bei Kröff arbeitet, dürfte zur Berufswahl der Stuhrerin beigetragen haben. Doch so richtig begeistert war sie erst nach ihrem zweiwöchigen Praktikum im achten Schuljahr dort. Sie habe sich auch mit den „Jungs“ sofort verstanden. „Da war mir klar: Ich will auf den Bau.“ Ihr Plan B, eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, sei in dem Augenblick „über kopp gegangen“.

Zwei Jahre später, nach dem Erwerb ihres erweiterten Realschulabschlusses, habe es „zum Glück“ geklappt. Aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis sei sie nicht nur der einzige Dachdecker-Lehrling. Vielmehr habe sich „kaum einer in Richtung Handwerk bewegt“, sagt sie. „Viele sind weiter zur Schule gegangen oder haben sich Jobs in sozialen Berufen gesucht.“

Gezielte Schläge: Mit einem Hammer bearbeitet Lucie Holsten eine Schieferplatte.

Mit zwei Plakaten, die für eine Ausbildung zum/r Dachdecker/-in werben, möchte die Firma Kröff dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Eines davon richtet sich speziell an weibliche Kandidaten. Das habe nichts damit zu tun, dass der Betrieb bevorzugt Frauen einstelle, sollten diese sich bewerben, sagt Kröff. „Wir suchen unsere Mitarbeiter nach Qualifikation aus.“ Generell sei der Mann stärker und die Frau gefühlvoller, was aber heutzutage nicht mehr so wichtig sei. „Was man braucht und können muss, das haben und können Frauen auch.“ Ausschlaggebend sei ein ganzes Bündel an Eigenschaften.

„Wir gucken, ob der Bewerber mitdenkt, das sieht man gleich. Und Pünktlichkeit ist wichtig“, betont Kröff. Wer am ersten Tag nicht pünktlich sei, habe Pech gehabt. Hinzu kämen Sorgfältigkeit und soziale Kompetenz. „In 99 Prozent der Fälle arbeitet man in unserem Job zusammen“, sagt Kröff. Noten und Abschluss seien nicht so wichtig. Allerdings: „Mathe wird wieder auf einen zukommen“, gibt der 23-Jährige zu bedenken.

Lucie Holsten hat das schon hinlänglich erfahren. „90 Prozent der Theorie in der Ausbildung ist Mathematik“, sagt sie und nennt die Beispiele Flächenberechnung sowie Sparrenlängen- und Materialbedarfsermittlung. Kröff setzt noch einen drauf und kündigt für das dritte Lehrjahr die Berechnung der wasserdampfdiffusionsäquivalenten Luftschichtdicke eines Bauteils an. „Dachdecker sollten das wissen, denn wir schützen nicht nur vor Niederschlag von außen, sondern auch vor Feuchtigkeit von innen“, erklärt Kröff und fügt lachend hinzu: „Wir klopfen nicht nur Ziegel oder sägen Latten.“

Lucie Holsten hat damit kein Problem. In ihrem Abschluss habe sie in Mathe ein „befriedigend“ gehabt. Ihr Lieblingsfach auf der Realschule sei jedoch Werken gewesen. Laut Kröff ist sie „gescheit, schulisch sehr gut und bringt alle notwendigen Eigenschaften mit. Themen verstehen und in der Praxis anwenden – das sieht schon recht gut aus bei ihr.“

Lucie Holsten selbst sieht ihre Stärken in der Teamfähigkeit. „Wir müssen uns ja auch aufeinander verlassen können.“ Dass sie manchmal zu früh aufgebe, sei eine Schwäche von ihr. „Aber ich hole mir die Hilfe eines Gesellen, wenn mal was nicht funktioniert.“

Die Firma Kröff stellt pro Lehrjahr „drei oder vier“ Azubis ein, wie der Junior-Chef berichtet. „Aber wir gucken uns die Leute ganz genau an, und wenn es dann mal nur zwei werden, dann ist es so.“ Insgesamt beschäftige das Unternehmen zurzeit acht Azubis. Im vergangenen Jahr habe Innung und Handwerk generell von Corona profitiert, da viele Firmen anderer Branchen gar keine Lehrstellen angeboten hätten. In diesem Jahr mache sich das (noch) nicht bemerkbar.

„Respekt vor der Höhe ist okay, Angst nicht“

Ebenso vielfältig wie die gewünschten Qualifikationen sind die Tätigkeiten in dem Job: Arbeiten an Steil- und Flachdach, Innenausbau, Dachfenstereinsatz, Fassaden-, Zimmerei- und Klempnerarbeiten, Kundendienst. All das sollte ein Schüler während seines Praktikums bei Kröff gesehen haben. „In unserem Schulungsraum lernt er dann an einem Tag kennen, was auf der Baustelle nicht möglich war“, sagt Kröff. Im Praktikum erlebe der Jugendliche auch, „dass man stets draußen ist“. Und dort sei nicht immer Sonnenschein. „Im Winter ist es kalt, im Sommer auf einem Flachdach sehr heiß.“ Gegen Kälte könne man sich aber entsprechend anziehen, fügt Lucie Holsten hinzu. Außerdem sei Respekt vor der Höhe okay, Angst allerdings nicht.

In ihrem ersten Lehrjahr war sie viel im Kundendienst beschäftigt, hat diverse Großbaustellen gesehen und „eigentlich alle Tätigkeiten schon mitgemacht“. Am meisten liege ihr die Arbeit mit Flüssigkunststoff, erzählt sie. Das Material diene zum Beispiel dazu, Füße eines Balkongeländers einzufassen. Es komme auch zur Abdichtung auf Flachdächern und in Tiefgaragen zum Einsatz. „Rinnenreinigung muss auch gemacht werden, macht aber nicht den meisten Spaß“, stellt Lucie Holsten fest.

Mit diesem Plakat spricht die Firma Kröff weibliche Interessenten an.

In der Regel würden sich Geselle und Azubi die Arbeit teilen. „Für manches brauchen wir länger, weil es uns gezeigt werden muss“, berichtet die 18-Jährige. „Wenn es nicht klappt, versuchen wir, das nachzuarbeiten.“

Ab kommender Woche hat sie wieder Regelunterricht in ihrer Berufsschulklasse, wo sie die einzige Frau ist. Etwas weiblicher geht es im überbetrieblichen, praktischen Berufsschulunterricht in St. Andreasberg im Harz zu. Dort habe ein Kurs 16 Teilnehmer, darunter „zwei, drei Frauen“ berichtet Lucie Holsten.

Ob sie später mal ihren Meister machen möchte? „Alles ist offen, das kann passieren“, sagt sie. Dann hoffe sie auf die Unterstützung durch die Firma Kröff, finanziell und beratend. In den nächsten fünf Jahren wolle sie aber erstmal Erfahrungen sammeln „und mir Tricks und Kniffe von den Jungs abgucken“. Auf dass sich später mal Jungs Tricks und Kniffe bei ihr abgucken werden.

Von Andreas Hapke

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