Hermann Hesse ist Thema in Juraj Sivulkas neuer Lesung / Tochter wieder dabei

Ein ernster und trauriger Autor

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Für ihre neue Lesung haben sich der Syker Rezitator Juraj Sivulka und seine Tochter Lara den Autor Hermann Hesse vorgenommen.

Seit ihrem sechsten Lebensjahr greift Lara Sivulka ihrem Vater bei dessen Lesungen unter die Arme. „Inzwischen kommen die Besucher nach den Veranstaltungen zu ihr und gratulieren“, sagt Juraj Sivulka. Aus diesen Worten spricht nicht etwa der beleidigte Künstler, sondern der stolze Papa, der sich zudem über die Unterstützung seiner inzwischen 17-jährigen Tochter freut: „Sie übernimmt viele Passagen und entlastet mich.“

Stuhr - Mit einer weiteren Lesung aus der Reihe „Stationen eines Lebens“ feiern die Sivulkas am Samstag, 26. Oktober, 20 Uhr, Premiere im Rathaus Stuhr. Diesmal widmen sie sich dem Leben und Werk von Hermann Hesse.

Der 1877 in Calw (Schwarzwald) geborene Hesse ordnet sich nahtlos ein in die Reihe schwieriger Charaktere, die sich Juraj Sivulka bereits für seine Auftritte ausgesucht hat. Er leidet und dem Druck seiner Eltern, die für ihn eine theologische Laufbahn vorgesehen haben. Eines Tages schleicht er sich aus einem Seminar davon, erst am nächsten Tag greift ihn ein Landjäger in einem Wald auf. Er landet in einer Nervenheilanstalt. „Mit 15 Jahren befindet sich Hesse in seiner ersten seelischen Lebenskrise, in der sich innere Not und depressive Stimmung ihre Bahnen brechen“, notiert Sivulka in seinem Manuskript.

Der spätere Poet krankt an der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung für die Schriftstellerei. „Es war erlaubt, ein Dichter zu sein. .  . Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich sehr bald erfuhr“, stellt Hesse fest. Innere Zerrissenheit und Frust, gepaart mit einem zwiespältigen Verhältnis zu den Eltern und unglücklichen Beziehungen zu Frauen – all das findet sich in vielen Biografien früherer Schriftsteller. „Hesse hatte sein ganzes Leben mit Depressionen zu kämpfen“, sagt Juraj Sivulka.

Laut seiner Tochter ist Hesse ein weiterer „ernster und trauriger“ Autor“. Doch das sieht sie als Nährboden für tiefgründige Erzählungen. „Vielleicht lernt man aus solchen Situationen so viel mehr, dass berührende Texte entstehen“, vermutet sie. Teilweise sei sie schockiert von dem, was die Dichter von sich geben. Doch dies spiele für das Rezitieren keine Rolle. Keine negative jedenfalls, eher im Gegenteil. Solche Passagen trage sie gerne vor. „Bei allem, was lustig ist, bin ich fehl am Platz“, sagt sie und lacht.

Ebenso wenig ficht sie die seinerzeit noch von Unterdrückung geprägte Stellung der Frau in der Gesellschaft an. „Ich kann damals und heute trennen. Ich fühle mich ja nicht persönlich angegriffen“, sagt Lara Sivulka. Sie könne das auf der Sachebene aufnehmen. Wichtig sei, dass sie die Stimmung der ihr zugedachten Passagen transportieren könne. Wenn nicht, mache sie den Papa darauf aufmerksam, dass sie einen anderen Text „vielleicht besser annehmen könnte“. Er könne sich da 100-prozentig auf die Einschätzung seiner seine Tochter verlassen, sagt Juraj Sivulka. „Sie arbeitet eigentlich selbstständig.“

Die 17-Jährige beschäftigt sich erst dann mit dem jeweiligen Schriftsteller, wenn ihr Vater das zusammenfassende Manuskript für die Lesung erstellt hat. „Als sie klein war, haben wir dann immer zusammen geübt“, berichtet er. Heute ist das laut Lara Sivulka meistens nur noch vor Premieren der Fall. Ihr Faible für die englische Literatur verhindert, dass sie tiefer in die Biografien der Dichter einsteigt. Auf Englisch schreibt sie selbst schon Gedichte.

An ihren ersten Auftritt zu Eduard Mörike in Barrien kann sich Lara Sivulka nicht mehr erinnern. Vermutlich sei sie aufgeregt gewesen. Denn noch heute gehe sie stets mit einer gewissen Aufregung auf die Bühne, erzählt sie. „Das ist wichtig. Und wenn es losgeht und man ist richtig drin, ist das wahnsinnig“, beschreibt sie ihre Gefühle während der Lesung. Bei Hesse übernimmt sie die weiblichen Charaktere. Die musikalische Untermalung steuert wieder Bernhard Schencke am Klavier bei.

Für Juraj Sivulka steht bereits fest, dass er sich zu seinem 20-jährigen Bühnengeburtstag 2020 keine Biografie vornimmt. Die „Stationen eines Lebens“ machen Pause und weichen eigenen Texten, wie dies bereits zu Beginn von Sivulkas Karriere der Fall gewesen war. „Ich habe 40 neue Gedichte, davon suche ich mir 30 aus“, kündigt er an. Er müsse sich also nicht wieder ein Jahr auf einen Autor konzentrieren, sondern könne wahllos zu einer Biografie greifen. Hunderte davon stünden in seiner privaten „Bücherei“.

Karten für die Lesung Sivulkas gibt es für 10 Euro (ermäßigt sechs Euro) bei Nordwestticket und im Bürgerbüro des Rathauses.

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