Vortrag am Donnerstag im Rathaus

Annelie Keil: „Solange wir atmen, bleiben wir mitten im Leben“

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Annelie Keil hat keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Sterben. „Ich wünsche mir für mich keine lange Pflege, aber wenn es so wird, will ich es akzeptieren“, sagt sie.

Stuhr - In seiner Reihe mit Vorträgen zu den Themen „Sterben, Tod und Trauer“ begrüßt der Hospizverein Stuhr am Donnerstag, 21. September, Prof. Dr. Annelie Keil. Die Bremerin spricht um 19 Uhr im Rathaus über „Abschied leben lernen“ – in Anlehnung an ihr aktuelles Buch „Das letzte Tabu“, das sie gemeinsam mit Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf geschrieben hat. Die Referentin war von 1971 bis 2004 Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Uni Bremen. Sie ist seit langem aktiv in der Hospizbewegung und Mitbegründerin des Weiterbildungsstudiengangs Palliativ Care in Bremen. Mit Annelie Keil sprach Redakteur Andreas Hapke.

Frau Keil, in Ihren Leitgedanken schreiben Sie, dass die menschliche Existenz eine Krisenexistenz sei. Ist der Ansatz nicht zu negativ?

Annelie Keil: Damit meine ich den Übergang von einem Zustand in den anderen. Wie beim Wasser, bevor es zu kochen beginnt. Wenn der Arbeitsplatz einer Person gefährdet ist, ist das auch eine Krise. Heute sind Sie gesund, morgen macht Ihr Herz nicht mehr mit. Wir können nie sicher sein, dass das, was heute ist, auch morgen noch so ist.

Sie beschäftigen sich mit Themen, die die Menschen gerne verdrängen, von der Krise im Allgemeinen bis zum Tod im Speziellen. Woher rührt Ihr Interesse daran?

Annelie Keil: Mich hat schon in der Schule interessiert, warum Dinge so sind, wie sie sind. Ich bin ein Wunderer. Ob bei Krankheit oder Armut: Warum läuft das Leben nicht so wie gewünscht? Welche gesellschaftlichen Faktoren spielen eine Rolle? Einerseits kommt das Interesse aus meiner wissenschaftlichen Geschichte, andererseits verspüre ich ein tiefes Gefühl, daran zu arbeiten, was nicht funktioniert. Dass ich selbst schon viel krank gewesen bin, spielt sicher auch eine Rolle. Wir müssen Krankheit, Missgeschick und Tod als das nehmen, was passiert.

Sind Sie eine Ratgeberin in Sachen Enttabuisierung?

Annelie Keil: Ja. Ich möchte helfen, die Dinge gemeinsam mit und ohne Tabu anzugehen. Ich möchte dem Leben und den Menschen, die leben, auf die Sprünge helfen. Aber Vorsicht mit Ratgebern und Ratgeberliteratur: Wer weiß denn zum Beispiel, wie man gut stirbt? Der Tod ist am Ende die beste Gesundheitsmaßnahme, die es geben kann. Er ist ja oft Erlösung, und irgendwann muss auch Schluss sein. Die Krisenexistenz kommt im Sterben zu ihrer letzten Aufgabe, nämlich zu sehen, was das Leben am Ende braucht. Der eine braucht sein Lieblingsessen, der andere eine letzte Zigarette, der nächste will sein Testament machen. Ich kann nicht jedem raten, zu Hause zu sterben, denn für manche wäre das die Hölle.

Da kommt die Hospizarbeit ins Spiel.

Annelie Keil: Hospizarbeit heißt leben bis zuletzt. Wir begleiten das Leben dann, wenn ihm die Ressourcen fehlen, sich selbst zu helfen. Sei es nur, dass jemand eine Geschichte vorliest, ein Lied singt oder ein Gebet spricht. Deshalb ist die Stimmung in einem Hospiz oft fröhlich.

Gibt es einen allgemeingültigen Umgang mit dem Tod? Für den Sterbenden, den Angehörigen, den Sterbebegleiter?

Annelie Keil: Ja, wenn uns bewusst wird, dass Sterben zum Leben gehört. Das gilt schon, wenn eine Liebe stirbt. Wenn wir Abschiede im Leben leben lernen, können wir uns den Rest der Zeit einfacher machen.

Sie sagen, dass jeder Abschied mit einer Perspektive verbunden ist. Der Sterbende dürfte das anders sehen.

Annelie Keil: Viele Sterbende freuen sich entsprechend ihrer Religion auf das ewige Leben, die alte Frau darauf, dass sie ihren vor 20 Jahren verstorbenen Man auf der anderen Seite wiedertrifft. Was nach dem Tod kommt, ist unklar und oft dem Glauben überlassen. Er spielt eine große Rolle, er ist etwas sehr Intimes. Ich habe viele Leute begleitet, durch die letzte Phase hindurch. So lange da noch irgendetwas ist, zum Beispiel die aufgehende Sonne, das Gesicht eines geliebten Menschen, das sie beglückt, genießen die Menschen den Rest ihrer Tage.

Ab wann sollte man sich mit dem Tod beschäftigen?

Annelie Keil: Das ist keine Altersfrage. Das Leben lebt uns das vor. Wir haben alle Begegnungen mit dem Tod. Wir beschäftigen uns mit ihm, wenn wir Nachrichten im Fernsehen gucken. Wir kriegen immer Angebote zum Nachdenken, wenn irgendwo etwas passiert. Wir sind gebrechlich. Der Tod ist ein Geselle, der nicht erst am Ende auftritt, sondern uns wie eine kleine Mahnung an die Endlichkeit begleitet.

Beschäftigen Sie sich mit dem Tod?

Annelie Keil: Seit meiner Kindheit. Ich habe in meinem Leben Phasen gehabt, wo ich mehr Angst vor dem Tod hatte als heute. Bombenhagel, Flucht, Kriegsgefangenschaft, Herzinfarkt mit 30 Jahren. Früher wurde mir die Beschäftigung mit dem Tod eher aufgezwungen. Heute habe ich Angst, weil ich alleine lebe. Was ist, wenn in diesem Haus etwas passiert? Ich habe eine lavierte Todesangst, keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Sterben. Ich wünsche mir für mich keine lange Pflege, aber wenn es so wird, will ich es akzeptieren.

Was können die Besucher Ihres Vortrags erwarten?

Annelie Keil: Ich rede mehr über die grundsätzliche Abschiedlichkeit im Leben. Manchmal muss man sich im Sterben vom Bild eines Vaters oder einer Mutter verabschieden, die uns nicht gut getan haben, und wirklich loslassen, vielleicht vergeben. Ich rede darüber, dass bis zum letzten Atemzug alles wirkliches Leben ist. Mitten im Sterbeprozess wollen Menschen sich noch scheiden lassen, das Testament ändern. Im Sterben verzeihe ich alles? Pustekuchen. Da wird zum Beispiel das Hospiz noch zur letzten Abrechnungsstelle. Solange wir atmen, bleiben wir mitten im Leben.

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