Wie Stuhrs Partnergemeinden in Frankreich, Lettland und Polen mit der Corona-Krise umgehen

Einkaufsstunden nur für Senioren

Ein Treffen des Jugendaustausch-Komitees im Jahr 2017. Im Oktober 2020 sollte eigentlich das 40. Bestehen der Freundschaft mit den Franzosen gefeiert werden, wegen Corona wurde daraus aber nichts.
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Ein Treffen des Jugendaustausch-Komitees im Jahr 2017. Im Oktober 2020 sollte eigentlich das 40. Bestehen der Freundschaft mit den Franzosen gefeiert werden, wegen Corona wurde daraus aber nichts.

Stuhr/Canton d’Ecommoy/Sigulda/Ostrzeszów – Stuhr pflegt seit vielen Jahren enge grenzübergreifende Freundschaften unter anderem mit Gemeinden aus Frankreich, Lettland und Polen. Durch die Corona-Pandemie ist der Kontakt aktuell auf den Austausch über die sozialen Netzwerke, Briefe sowie Telefonate beschränkt. Die Beziehungen ins Ausland ermöglichen es aber trotzdem, Einblicke in die Corona-Situationen der Partnerstädte und -gemeinden zu erhalten.

Frankreich: Strenge Ausgangssperre

„Die Maßnahmen in Frankreich waren von Anfang an wesentlich strenger als in Deutschland. So waren alle Geschäfte, Friseure und Vereine, bis auf Lebensmittelgeschäfte, bis zum 1. Dezember geschlossen. In den großen Supermärkten waren sogar Bereiche abgesperrt. Obst und Gemüse durfte der Kunde nicht berühren, stattdessen wurde ihm dies vom Personal aus den Boxen gereicht“, erzählt Martina Heathcote, zweite Vorsitzende des Deutsch-Französischen Partnerschaftsvereins und Vorsitzende des Förderkreises für das Deutsch-Französische Jugendwerk, nach einem Gespräch mit ihrer französischen Freundin Chantal.

In Frankreich gebe es derzeit strenge Ausgangssperren. Seit Anfang Dezember dürften sich die Bürger jeweils drei Stunden pro Tag in einem Umkreis von 20 Kilometern um ihr Heim aufhalten. Vorher sei dies auf eine Stunde pro Tag und auf einen Umkreis von einem Kilometer begrenzt. Es müsse auch immer noch ein Formular mitgeführt werden, das zeigt, zu welchem Zweck man das Haus verlassen hat. „Das ist nur gestattet, um zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen zu gelangen“, fügt Stefan Hoyer, Vorsitzender des Komitees für den Deutsch-Französischen Jugendaustausch Brinkum-Ecommoy hinzu.

Genau wie in Deutschland bestehe auch in Ecommoy eine Maskenpflicht. „Verstöße gegen die Hygieneregeln werden dort mit einem Bußgeld von 135 Euro geahndet. Auch strenge Ausweiskontrollen finden statt“, berichtet Heathcote. Für die Franzosen sei es genauso schwer, sich nicht mit Freunden treffen zu können. Und gerade bei den älteren Bürgern gehe dieses an die Substanz, denn Franzosen seien gerne mit Bekannten zusammen, um gemeinsam zu essen oder etwas zu unternehmen, so Hoyer.

Im Allgemeinen sei die Situation ähnlich wie in Deutschland. „Die Fallzahlen in den Städten unterscheiden sich zum Teil erheblich von denen in den ländlicheren Regionen, zu denen Ecommoy und die übrigen Partnergemeinden zählen. Das ist sicher nicht erstaunlich, wenn man an die überfüllten Metrozüge in Paris denkt“, fügt Heathcote hinzu.

Die Schulen sind geöffnet, aber das gesamte Vereinsleben sei zum Erliegen gekommen wie der Einzelhandel. Die Restaurants sowie Hotels würden um ihr Überleben kämpfen. Wie hierzulande arbeiten die Bürger in den Partnergemeinden größtenteils im Homeoffice oder sind in Kurzarbeit. Im Oktober sollte eigentlich das 40. Bestehen des Jugendaustausches der Brinkumer Sportvereine mit der US Ecommoy gefeiert werden – diesen Planungen machte Corona allerdings einen Strich durch die Rechnung. „Das soll nun vom 22. bis 30. Oktober im kommenden Jahr nachgeholt werden, wenn es die Gesamtlage zulässt“, sagt Hoyer. Interessierte könnten sich bei ihm unter 0421/8091432 oder per E-Mail an stefan@brinkum-ecommoy melden.

In den vergangenen Monaten hielten die Freunde über die sozialen Medien, aber auch persönlich mithilfe von Telefonaten oder Briefen den Kontakt. „Es wäre schade, wenn dieser abbricht und das den Austausch gefährden würde“, sagt Hoyer. „Sicher ist, dass allen der Austausch auch grenzüberschreitend fehlt und alle darauf warten, die Freunde wieder persönlich umarmen zu können.“

Polen führt „Hours for seniors“ ein

In der polnischen Partnergemeinde Ostrzeszów sehe es ähnlich aus. Im August sei diese für kurze Zeit als „rote Zone“ eingestuft worden, in der das Verbreitungsrisiko des Virus am höchsten ist, verrät Wojciech Bak, Sekretär der Stadt und Gemeinde. Derzeit gebe es um die 50 aktive Fälle in der Kommune, die 24 000 Einwohner zählt. „Es gab auch schon Momente, wo diese Zahl über 100 lag“, meint Bak. Die Pandemie würde das Funktionieren der Gesellschaft stören, sich negativ auf Unternehmen sowie auf die Wirtschaft und die Finanzen auswirken. Hoteliers sowie Catering- und Tourismusunternehmen verzeichneten einen Umsatzrückgang, der ihre finanzielle Stabilität in Gefahr bringe. „Ihre Probleme können durch zentrale Programme nicht behoben werden“, so der Sekretär.

Im gesamten Land gelten die gleichen Beschränkungen, die die Regierung unter dem Begriff „Verantwortungsphase“ zusammenfasse. Im öffentlichen Raum sei demnach das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung sowie die Einhaltung eines Sicherheitsabstands erforderlich. Grundschüler und Schüler weiterführender Schulen müssten aktuell online von zu Hause aus lernen. Wie in Deutschland seien ebenfalls Kinos, Schwimmbäder, Museen und Fitnessstudios geschlossen. Darüber hinaus gibt es für kommerzielle Institutionen sogenannte „Hours of seniors“. So dürfen sich von montags bis freitags jeweils von 10 bis 12 Uhr beispielsweise in Apotheken, Drogerien und Poststellen ausschließlich Menschen im Alter von mehr als 60 Jahren aufhalten.

Die vergangenen Monate seien für jeden eine besonders schwere Zeit gewesen, jedoch sieht Bak diese auch als eine Art Test der Verantwortung und der Fähigkeit, eine Krisensituation zu bewältigen.

Den Kontakt nach Stuhr halten die Freunde aus Ostrzeszów derzeit per Brief, Telefon und E-Mail.

Lettland: Starker Zusammenhalt

In Stuhrs Partnerstadt Sigulda in Lettland scheint die Lage etwas entspannter zu sein. „In der Region Sigulda gab es größtenteils die niedrigsten Covid-19-Fallzahlen. Man kann sagen, dass wir keine besondere Angst und keinen Widerstand gegen die vorgesehenen Vorschriften verspüren. Im Gegenteil, wir haben das Gefühl, dass die Menschen ein bisschen mehr vereint sind“, gibt Sindija Brikmane, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Sigulda, zu. Damit spielt sie auf eine Aktion der Gemeinde an, bei der alle Menschen aufgefordert wurden, bei lokalen Caterern zu bestellen, um die am stärksten betroffenen Branchen zu unterstützen.

Seit dem 9. November ist im ganzen Land erneut der Ausnahmezustand ausgerufen worden. Strenge Gesundheitsmaßnahmen wurden angeordnet, beispielsweise gibt es keine Versammlungen und Sportveranstaltungen mehr. Alle öffentlichen Events seien abgesagt oder verboten worden. Auch die Unterhaltungs- und Freizeitzentren sind geschlossen. Catering-Einrichtungen dürfen Lebensmittel nur zur Abholung anbieten. „An Wochenenden und Feiertagen sind in Einkaufszentren nur Lebensmittelgeschäfte geöffnet“, berichtet Brikmane. Zudem muss an allen öffentlichen Orten eine Maske getragen werden.

Der Sozialdienst in Sigulda hat eine Wohltätigkeitskampagne ins Leben gerufen. Darüber hinaus gibt es die Aktion „Remember not to forget“ in örtlichen Einkaufskiosken. Diese soll daran erinnern, wichtige Dinge nicht zu vergessen, wie jemanden anrufen, der sich darüber freuen würde, oder jemandem zu helfen, der es nötig hat. Außerdem hängen in vielen lettischen Cafés und Restaurants kleine Zettel, auf denen steht: „Nehmen Sie mich mit, damit wir uns bald wieder hier wiedersehen“.

Von Nala Harries

Gäste aus Polen stellen auf dem Stuhrer Weihnachtsmarkt ihre Waren aus. 2012 noch ohne Probleme möglich, Corona macht das 2020 unmöglich.
Die Stuhrer Sambagruppe „Sambrassa“ verbreitet Stimmung: Wie 2019 bei einem Stadtfest in Sigulda.

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