Im Regen sitzengelassen

Redakteurin testet Mitfahrerbank: Eine Abfuhr nach der anderen

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Auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit: Katharina Schmidt testet das neue Angebot in Bürstel.

Stuhr - Von Katharina Schmidt. In der Gemeinde Stuhr stehen seit Kurzem die ersten Mitfahrerbänke im Landkreis Diepholz. Wer eine Mitfahrgelegenheit sucht, nimmt auf einer der drei Bänke Platz und wartet darauf, dass ihn jemand zum Ziel bringt. Klingt gut – doch funktioniert das Konzept auch? Um das herauszufinden, starte ich einen Selbstversuch.

Meine Haare sind klitschnass, meine Jeans durchweicht und der Notizblock in meiner Hand löst sich zusehends im Regen auf. Weit und breit ist kein Mensch, geschweige denn ein Auto zu sehen. Ich will gerade aufgeben, da höre ich einen Motor brummen ...

Doch von Anfang an. Es ist 9 Uhr, als ich an der Mitfahrerbank im Stuhrer Ortsteil Bürstel ankomme. Meine Mission: Jemanden finden, der mich mit zum neun Kilometer entfernten Rathaus nimmt. Die Bank steht zwischen ein paar Wohnhäusern an einer kleinen Kreuzung. Ich habe erwartet, an einer stärker befahrenen Straße zu landen, aber nun gut. Vielleicht haben die Fahrer mehr Mitleid mit mir, wenn sonst niemand da ist.

9.03 Uhr. Das erste Auto näher sich. Erwartungsvoll stelle ich mich neben das Schild mit der Aufschrift „Mitfahrerbank“. Eigentlich sollte man ja auf der Bank Platz nehmen – die Sitzfläche ist aber überflutet. Ich schaue Richtung Fahrer und lächele.

Vielleicht beim nächsten Mal

Der Wagen fährt vorbei. Mist. Vielleicht beim nächsten Mal. Diesen Satz wiederhole ich in Gedanken in den folgenden Minuten immer wieder. Niemand hält an. Hmm, vielleicht nehmen sie mich nicht wahr? Ich gehe in die Offensive und halte den Daumen hoch. Vergebens. Irgendwie habe ich mir meinen ersten Tramp-Versuch abenteuerlicher vorgestellt – eher so an der Route 66 als „An der Bürsteler Heide“.

9.19 Uhr. Eine Frau will mich mitnehmen! Leider fährt sie in die entgegengesetzte Richtung.

9.26 Uhr. Ein weiterer Hoffnungsschimmer. Ein Herr hält an. Freudig laufe ich zu seinem Auto – bis ich merke, dass er nur einen Umschlag in den Briefkasten neben der Bank werfen will.

10 Uhr. Seit Ewigkeiten ist kein Auto mehr vorbeigekommen. Das war’s wohl. So durchnässt wie ich bin, nimmt mich eh keiner mehr mit. Als ich Motorbrummen in der Ferne höre, gebe ich dem Ganzen eine letzte Chance. Der Wagen kommt näher, die Reifen stoppen. Halleluja! Meine Retterin heißt Ingrid Friedrich. Zum Rathaus will die Seniorin nicht – aber immerhin nach Heiligenrode. Die Richtung stimmt. Wir vereinbaren, dass sie mich in Heiligenrode an einer Bushaltestelle rauslässt. Von dort an will ich mit dem öffentlichen Nahverkehr weiter.

Dach über den Bänken wäre sinnvoll

Im Auto erfahre ich, dass meine Mitfahrgelegenheit in der Zeitung von den Mitfahrbänken gelesen hat. Sie findet das Angebot gut. Allerdings müsse sich das Konzept erst etablieren. Außerdem wäre ein Dach über den Bänken sinnvoll, überlegt sie. Ich nicke zustimmend, triefend vom Regen.

Ingrid Friedrich ist froh, dass sie noch so mobil ist. „Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen.“ Deswegen habe sie nicht gezögert, mich mitzunehmen. Jeden würde sie aber nicht in ihr Auto lassen. „Es gibt viel zu viele Gefahren“, sagt sie. Früher sei Trampen normal gewesen. „Heute ist das undenkbar.“ Ein paar nette Wortwechsel später stehe ich in Heiligenrode. Ich bin der Frau dankbar, dass sie angehalten hat. Eigentlich habe ich ein Auto, bin nicht darauf angewiesen, dass mich jemand einsammelt. Aber es gibt Menschen, die nicht so mobil sind. Daher mein Appell: Liebe Autofahrer, lasst andere nicht sitzen! Das Konzept ist gut – funktioniert aber nicht ohne Hilfsbereitschaft.

Mein Optimismus hält nur bis zum Blick auf den Fahrplan. Der nächste Bus, der mich noch nicht einmal zu meinem endgültigen Ziel bringen würde, kommt erst in einer Stunde. Ich seufze – und setze einen Abhol-Notruf an meinen Kollegen ab.

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