Zehn Jahre nach Fukushima: Brinkumerin Brigitte Stumm hält Interesse an Japan wach

Die Katastrophe als Chance

Eine Frau liest in einem japanischen Buch.
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Herzzerreißend schildern japanische Kinder, wie sie das Beben, den Tsunami und das Reaktorunglück vor zehn Jahren erlebt haben. Die Brinkumerin Brigitte Stumm hat das Buch aus Japan mitgebracht.

Die Brinkumerin Brigitte Stumm liebt Japan. Sie lebte 20 Jahre dort und beherrscht die Sprache. Vor zehn Jahren – nach dem schweren Erdbeben – organisiere die Musikerin Hilfe aus Stuhr. Ihr Wissen rund um das fernöstliche Land ist seitdem gefragt. Brigitte Stumm leitet zum Beispiel Japan-AGs in Schulen.

  • Die Brinkumerin Brigitte Stumm hat 20 Jahre lang in Japan gelebt.
  • Vor zehn Jahren organisierte sie eine Hilfsaktion für die Menschen im Erdbebengebiet.
  • Daraus ist in Stuhr etwas Bleibendes entstanden.

Ende März 2011: Brigitte Stumm sitzt in ihrem Brinkumer Wohnzimmer fast unablässig vor dem Fernsehgerät und schaut Nachrichten. Die Folgen des Erdbebens im Nordosten Japans und deren Folgen – die schweren Tsunamis und die Nuklearkatastrophe in Fukushima – halten das Land und die ganze Welt in Atem. Die Brinkumerin hat 20 Jahre in Japan gelebt, Freunde und Verwandte leben im Norden des Landes, nicht weit entfernt vom Erdbebengebiet.

Brigitte Stumm bekommt in jenen Märztagen 2011 viel Trost und Zuspruch, viele Menschen aus Stuhr und Umgebung, die helfen wollen, wenden sich an die Brinkumerin. Was bis heute nachwirkt: Sie gilt als geschätzte Gesprächspartnerin, die gern von ihrer einstigen Wahlheimat berichtet – zum Beispiel in zwei Stuhrer Grundschulen, wo sich sogar Japan-Arbeitsgemeinschaften etabliert haben.

Ein Faible für das ostasiatische Land entwickelte die heute 66-Jährige schon in Kindheitstagen. Ihr Vater geriet während des Zweiten Weltkrieges in sowjetische Gefangenschaft und freundete sich im Lager mit japanischen Mitgefangenen an. Während ihres Kirchenmusik-Studiums in Herford verliebt sich Brigitte Stumm in einen Kommilitonen aus dem Land des Lächelns – ihren späteren Ehemann, der der verschwindend kleinen christlichen Minderheit in Japan angehört. Sie geht mit ihrem Mann für 20 Jahre in dessen Heimat. Sie lernt die Sprache in Wort und Schrift, sie findet Arbeit in einer Kindertagesstätte ihres Heimatortes, „einem gemütlichen Städtchen“ im sonst so umtriebigen Großraum Tokio-Yokohama. Die Deutsche schließt dort viele Freundschaften, die bis heute halten.

„Viele Freunde und Verwandte konnte ich in den Tagen nach den Beben gar nicht erreichen und wusste nicht, was mit ihnen geschehen war“, berichtet Brigitte Stumm noch immer aufgewühlt von jenen Tagen im Frühjahr 2011. Zu Schaden kam zwar keiner ihrer Lieben, aber viele von deren Freunden und Angehörigen verloren Verwandte, ihr Hab und Gut oder das Dach über den Kopf. „Menschen aus Brinkum und Umgebung gaben viele Hilfsgüter bei mir ab, vor allem Decken und Kleidung“, erinnert sich die Kirchenmusikerin. Sie organisiert, dass die Spenden aus Stuhr per Container zielgerichtet ins Katastrophengebiet rund um die Stadt Sendai gelangten. Zwar verfüge ein wohlhabendes und gut organisierte Land wie Japan über einen funktionierenden Katastrophenschutz, sagt Stumm. Die Güter aus Stuhr und Umgebung helfen aber, die erste Not zu lindern. Und setzen vor allem ein wichtiges Zeichen – nämlich, dass die Menschen in Deutschland Anteil an dem Schicksal der Erdbebenopfer nehmen.

Das Interesse an Japan reißt in Stuhr nicht ab, als der Tsunami und die Reaktorkatastrophe im Westen allmählich wieder aus den Schlagzeilen verschwinden. „Schulen haben mich gefragt, ob ich im Unterricht über das Land und deren Menschen erzählen kann“, berichtet Brigitte Stumm. Sie lässt sich nicht zweimal bitten. Schließlich entstehen an zwei Grundschulen regelmäßige Japan -AGs.

Den Mädchen zeigt sie Frisuren aus Japan und echte Kimonos. „Die Jungen wollten unbedingt Samurai-Kämpfe austragen“, sagt die Landeskennerin. „Erst mal musste ich ihnen klarmachen, dass billige Trickfilme aus Asien, wie sie im Fernsehen zu sehen sind, kaum etwas mit der Wirklichkeit und der Samurai-Kultur zu tun haben“, berichtet Brigitte Stumm. Sie übte japanische Schriftzeichen mit den Schülerinnen und Schülern und lehrt die Höflichkeitsformen, die heute noch in Japans Alltag eine zentrale Rolle spielen.

Die Musikerin freut sich, dass zwei Jugendliche aus ihren einstigen AGs demnächst eine Weile im ostasiatischen Land verbringen möchten. Einer wolle ein Praktikum bei einer Bank in Kyoto absolvieren sowie Land und Leute kennenlernen. Der andere interessiere sich für japanische Architektur. Im vorigen Jahr musste sie die AGs aus familiären Gründen aussetzen. Nach Ende der Pandemie möchte Brigitte Stumm gern wieder an die Schulen zurückkehren, nachdem sie die AG im vorigen aus familiären Gründen ausgesetzt hat.

Die Brinkumerin reist nach dem Sendai-Beben 2011 noch zweimal in ihre ehemalige Wahlheimat, 2016 und 2018. Beim ersten Besuch seht das Land immer noch unter Schock, beim zweiten spürt die Brinkumer etwas mehr Normalität, aber auch Veränderungen gegenüber der Zeit vor der Katastrophe. Die Japaner seien der Kernkraft gegenüber sehr negativ eingestellt. Und die Wut über den Tepco-Konzern, dem Betreiber des Atomkraftwerkes in Fukushima, sei noch immer nicht verhallt. Die Japaner werfen ihm vor, an der Sicherheit gespart zu haben. Dabei seien seit Jahrhunderten Erdbeben und Tsunamis im Raum Fukushima dokumentiert. Inzwischen baue das Land aber entlang der Küsten bis zu zwölf Meter hohe Deiche, die Fluten im Falle eines Tsunamis bändigen sollen, berichtet die Brinkumerin.

Noch heute schreibt oder telefoniert sie mehrmals in der Woche mit ihren Freunden und hält sich über das Tagesgeschehen ihres Sehnsuchtlandes auf dem Laufenden. Bilder und Mitbringsel von dort zieren ihre Wohnung. Fast jeden Tag kommt ein Stück Japan auf den Tisch. Brigitte Stumm kocht gern Gerichte aus ihrem einstigen Gastland. „Die sind lecker, leicht und machen nicht dick“, sagt sie. Einige Sushi-Restaurants in Bremen und Umgebung böten gute, authentische Gerichte, lobt die Landeskennerin. Und Sushi vom Discounter? Na ja, die lässt sie dann doch lieber im Kühlregal liegen.

Von Burkhard Peters

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