Coronavirus: Der erste positiv Getestete im Kreis berichtet

Arno Büchel war der erste Corona-Patient im Landkreis Diepholz.
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Arno Büchel war der erste Corona-Patient im Landkreis Diepholz.

Arno Büchel war der erste im Landkreis Diepholz: Am 9. März wurde der 75-Jährige positiv auf das Coronavirus getestet. Er und seine Ehefrau Marlene haben alles gut überstanden. Das Weihnachtsfest feiern sie ganz in der Familientradition – mit Filet Wellington, das für Arno Büchel seit seiner Studentenzeit etwas ganz Besonderes ist.

Stuhr – „Ich bin Fatalist“, lacht Arno Büchel aus Stuhr-Moordeich. „Ich finde mich mit allen Dingen ab, die nicht zu ändern sind.“ Noch lebhaft kann sich der 75-Jährige an den ersten Lockdown erinnern, den er „gar nicht so dramatisch“ empfunden hat. Obwohl er ihn aus einer ganz besonderen Perspektive erlebt hat: Arno Büchel war der erste Bürger des Landkreises Diepholz, der positiv auf das Coronavirus getestet worden ist. Auch seine Ehefrau Marlene machte die Infektion durch. „Freunde und Nachbarn haben angeboten, uns zu versorgen“, blickt das Ehepaar zurück. Dankbar ist es ganz besonders Angelika und Jens Müller: „Sie haben die täglichen Besorgungen für uns gemacht.“

Dem Ehepaar Büchel geht es heute gut, auch wenn Arno Büchel längst nicht mehr so viel Sport machen kann wie bisher. Corona hat Schatten auf seine Kondition geworfen. „Ich habe mich entschlossen, das Skifahren aufzugeben“, verrät der 75-Jährige. Das habe zum einen mit der Fitness zu tun, aber auch mit Corona. Denn der Moordeicher hatte sich im März bei einem Ski-Urlaub in Südtirol mit dem Virus infiziert – und sich zuvor eine schwere Bronchitis eingefangen.

„Es hatte sehr stark geschneit an dem Tag“, blickt Arno Büchel zurück auf einen halben Meter Neuschnee und die Sorge um sein Auto, ein Cabriolet. Er befreit das Dach von der Schneelast, kehrt verschwitzt auf sein Hotelzimmer zurück. „Nach einer Stunde bin ich dann wieder raus. So habe ich mir wohl die schwere Bronchitis zugezogen. Das hatte noch nichts mit Corona zu tun.“

Das Virus sei noch gar kein Thema gewesen, als er mit dem Skiclub Oldenburger Land nach Südtirol gestartet sei. Das änderte sich nach einigen Urlaubstagen in Corvara: „Die Verwaltung hatte verfügt, dass in den Rundliften maximal drei Personen fahren dürfen“, berichtet Arno Büchel über Einschränkungen an der Piste. „Da warteten dann 500 bis 700 Menschen in der Schlange.“ Länger als eine Stunde habe er dort gestanden – im Kontakt mit anderen Menschen, der damals noch nicht eingeschränkt war. „Zweimal habe ich aber auch ein Glas Wein an einem Stand getrunken“, ergänzt der Ski-Freund. Wo genau er sich infiziert hat, ist unklar. Wahrscheinlicher sei es aber am Lift gewesen.

Zehn Tage genießt Arno Büchel den Skiurlaub, dann reist er mit dem Auto zurück und kommt – nach einer Zwischenübernachtung in Würzburg – am Samstag, 7. März, wieder Zuhause an. Die Bronchitis plagt ihn. Dann kommt eine Whatsapp von seinem Reiseleiter: „Er hat mich darüber informiert, dass 22 von 28 Mitreisenden, die im Bus saßen, positiv getestet worden waren.“

Der 75-Jährige leidet stark unter seiner Bronchitis. Immer wieder hat er Fieber bis zu 40 Grad. „Meine Frau hat mich wirklich toll gepflegt“, betont Arno Büchel. Doch Corona-Teste sind an diesem schicksalhaften Samstag nicht zu bekommen. „Das Gesundheitsamt des Landkreises hat sich wahnsinnig große Mühe gegeben. Aber die haben geschwommen damals. Das war auch verständlich.“

Eine Ärztin testet Arno Büchel am 9. März bei ihm Zuhause, das Ergebnis ist positiv. Eine Woche später folgt ein zweiter Test: Arno Büchel hat Corona überstanden, sein Ergebnis ist negativ – aber seine Frau positiv. „Sie hatte Geruchs- und Geschmackseinschränkungen und hat darunter gelitten“, berichtet der 75-Jährige.

Er selbst hat Corona ohne auffällige Symptome überstanden, „aber bei einer gründlichen Herzuntersuchung ist Vorhofflimmern festgestellt worden“. Das sei bei einer Untersuchung vier Wochen zuvor noch nicht so gewesen. „Jetzt muss ich mein Leben lang morgens und abends eine Tablette nehmen“, bedauert der Moordeicher. „Die Lunge war nicht angegriffen“, sagt der 75-Jährige.

War es richtig, dass die Politik im Frühjahr den Lockdown verfügt hat? Unbedingt, stellt Arno Büchel klar: „Das war nicht übertrieben!“ Sondern sei eine Reaktion, „die auf dem unvernünftigen Verhalten von Bürgern basiert.“ Gewünscht hätte er sich, dass man Seniorenheime hätte noch besser schützen können. Denn die Besuchsverbote der Menschen dort „gehen schon hart an die Grenze des Unerträglichen“. Allerdings stelle sich die Frage: „Warum sind diese Heime Hotspots?“

War es aus seiner Sicht auch richtig, die Gastronomie zu schließen? „Da bin ich sehr zwiegespalten“, antwortet der 75-Jährige. „Wenn man sich anschaut, wie die Hygienekonzepte in den Gaststätten und Hotels umgesetzt wurden, dann wäre das vielleicht nicht nötig gewesen.“ Für die betroffenen Betriebsinhaber sei das alles sehr schlimm: „Das macht mich traurig.“

In jedem Fall hat der Lockdown auch den Alltag des Moordeicher Ehepaars verändert. Urlaubspläne mussten gestrichen, Alternativen gefunden werden. Eine Wander- und Paddeltour in Kanada hatte Arno Büchel geplant. „Aber Kanada war geschossen, das funktionierte nicht.“ Auch ein Urlaub auf Mallorca war nicht möglich. Das Ehepaar entschied sich für eine Flusskreuzfahrt auf Rhein, Mosel und Main. „Das war sehr schön“, resümiert Arno Büchel – und schließt den Urlaub an der Flensburger Förde ein. Angenehme Zeiten hat das Ehepaar genauso auf seinem rund 50 Quadratmeter großen Balkon verbracht.

Und jetzt? Der erste Lockdown sei nicht ausreichend gewesen, sagt der Moordeicher, denn sonst hätte es den zweiten nicht gegeben. Aber er weiß: „Hinterher ist man immer schlauer.“ Es gebe immer etwas Neues zu lernen. Das gelte für die Wissenschaft ebenso wie für die Politik, das habe für ihn in seinem Beruf ganz genauso gegolten. Arno Büchel war im Raumfahrtunternehmen Erno Abteilungsleiter für Qualitätsmanagement und Produktionssicherung für die bemannte Raumfahrt. „Mein Arbeitsplatz lag zwischen Kasachstan und Los Angeles“, schmunzelt er.

Der Ruheständler engagiert sich jetzt in der Politik, arbeitet als SPD-Abgeordneter im Stuhrer Gemeinderat. Außerdem ist er Sprecher der SPD-Organisation 60+ im Landkreis Diepholz. Die monatlichen Treffen mit im Schnitt 15 Teilnehmern hat er eingestellt. Erst wenn der Inzidenzwert im Landkreis unter 35 liege, solle es wieder Veranstaltungen geben, „weil wir alle über 60 sind und zur Risikogruppe gehören.“

Absolut kein Verständnis hat Arno Büchel dafür, wenn sich in Corona-Zeiten verbotenerweise 40 Menschen treffen: „Das ist hirnrissig. Wie unvernünftig sind die Leute!“ Der 75-Jährige, der nur 50 Meter von der Landesgrenze zu Bremen entfernt wohnt, wünscht sich bei Verstößen gegen Corona-Schutzregeln mehr und höhere Bußgelder. „In Niedersachsen sind sie 150 Euro hoch, das ist schon ganz gut. Aber in Bremen sind es 50 Euro. Da lachen die Leute doch drüber.“

Weihnachten will Arno Büchel feiern wie in all den Jahren zuvor. Heiligabend bei der Tochter seiner Ehefrau und deren Familie und den ersten Weihnachtstag Zuhause mit Besuch vom Sohn und seiner Freundin. Dann gibt es Filet Wellington. „Da bestehe ich drauf!“, lacht Arno Büchel. Dieses Festmahl habe er sich zum ersten Mal in seiner Studentenzeit geleistet. Seitdem sei es Tradition.

Hat Corona ihn verändert? „Irgendwie schon“, antwortet Arno Büchel leise. Egal welchen Glaubens die Menschen seien: „Es tut mir leid, dass sie durch diese Einschränkungen ihre Feste nicht so feiern können wie zuvor. Das ist traurig, aber auch notwendig.“ Deshalb wünscht er sich für das neue Jahr, „dass die Pandemie beherrscht wird“. Dass man wieder das tun könne, was einem Freude mache. Kurz gesagt: Mehr persönliche Freiheit: „Endlich wieder das unternehmen, was man gern möchte.“

Von Anke Seidel

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